Martin Baethge zur Erinnerung

Martin Baethge zur Erinnerung

Von Gerhard Ernst und Klaus Zühlke-Robinet

Am 4. Januar 2018 starb in seinem 79. Lebensjahr der Mitbegründer, langjährige Direktor und Präsident des Soziologischen Forschungsinstitutes in Göttingen, Professor Dr. Martin Baethge.

Für uns ist es nicht möglich zu würdigen, was Martin Baethge für die Arbeits- und Dienstleistungsforschung in Deutschland getan hat. Deshalb können wir nur einige persönliche Bemerkungen machen.

Für mich (Gerhard Ernst) ergab sich die erste vertiefte Zusammenarbeit im Rahmen der „Initiative Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert“. Schon als Mitglied des Tagungsbeirates „Dienstleistungen der Zukunft“ warnte Martin Baethge 1995 für die Dienstleistungswirtschaft vor der Wende zu Unternehmenskonzepten, die auf die bad-job-Strategie setzen. Und er wies daraufhin, dass eine neue Technikoffensive allein keine der zukünftigen Herausforderungen meistern wird. Dieser Richtung entsprechend übernahm Martin Baethge dann die Leitung des großen Forschungsprojektes „Lebens- und Wirtschaftsstandort Deutschland: Grundlagen für eine zukunftsfähige Gesellschaft“. In einer Zeit, in der es nur noch um „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“ ging, legte Martin Baethge Wert auf den Zusammenhang von Leben und Wirtschaft. Er war sich 1997 bewusst, dass gerade zu dieser Zeit die Bundesrepublik die tiefste Arbeitsmarktkrise ihrer Geschichte erfährt. Er sah sehr deutlich die Umbrüche, aber zugleich stellte er die Frage: Wie lässt sich mehr Quantität an Beschäftigung mit einer Verbesserung der Qualität von Beschäftigungsverhältnissen und einer Steigerung der Dienstleistungs- und Lebensqualität verbinden? Martin Baethge hat damals den Grundstein für das Motto „Gute Arbeit – Gute Dienstleistungen“ gelegt. Im Bereich der Arbeitsforschung hat er diese Linie durch die Untersuchung „Beschäftigung durch Innovation“ zusammen mit Franz Lehner, Jürgen Kühl und Frank Stille flankiert. Für mich (Gerhard Ernst) war ganz wichtig, von dem „Haschen nach Innovation“ wegzukommen. Wichtig für Arbeits- und Lebensqualität so zeigte die Untersuchung ist die Innovationsfähigkeit. Dieses Konzept wurde dann auch in die entsprechenden Forschungsprogramme aufgenommen. Den dritten Anstoss gab Martin Baethge mir (Gerhard Ernst) mit dem Konzept der „Transformation des Industrialismus“. Dort verabschiedete er sich von dem – auch heute noch vorherrschenden Denken – hier Industrie mit Wertschöpfung, dort Dienstleistung. Für ihn wurden die Daten der sektoralen Anteilsverschiebungen zu Indikatoren tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Der „Industrialismus“ als institutionelle Ordnung verschwindet! Und damit verschwinden auch Sicherheit und Kontinuität. Das klassische großindustriell orientierte Unternehmensmodell verschwindet, die Rollenteilung zwischen Mann und Frau verändert sich, die Beruflichkeit droht ihren Wert zu verlieren, der Korporatismus als politisch-sozialer Integrationsmechanismus verschwindet. Der Weg zur Dienstleistungsbeschäftigung ist damit unumkehrbar und wegen der Nähe zur Alltagskultur muss er mit besonderer Aufmerksamkeit gestaltet werden. Dienstleistungsforschung hat deshalb für Martin Baethge nicht nur die Aufgabe sich ein wenig um Digitalisierung zu kümmern, sondern sie muss eine gesellschaftspolitische Aufgabe wahrnehmen.

Mein (Klaus Zühlke-Robinet) erster Kontakt mit Martin Baethge war 1974. Damals, als engagierter Jugendvertreter und IG Metall Jugendfunktionär, las ich begeistert – doch stellenweise noch kaum richtig ermessend – sein Werk „Ausbildung und Herrschaft. Unternehmerinteressen in der Bildungspolitik“ (1970). In dieser Zeit, die von der aufkommenden Jugendarbeitslosigkeit und der „Ausbildungsverweigerung“ der Unternehmen geprägt gewesen ist, ermöglichte die Lektüre dieses Buches eigene praktische Erfahrungen theoretisch besser verstehen und einordnen zu können gerade hinsichtlich der Funktionalisierung von (beruflicher) Bildung für das kapitalistische Wirtschaftssystem.

Nach einer längeren zeitlichen „Pause“ erhielt ich (Klaus Zühlke-Robinet) Mitte/Ende der 2000er Jahre die Gelegenheit, Martin Baethge’s Positionen zur „Dienstleistungsfacharbeit“ und „Produzentenstolz“ im Rahmen des BMBF-Förderschwerpunktes „Dienstleistungsqualität durch professionelle Arbeit“ näher kennenlernen zu dürfen. Er warnte angesichts der „Erosion der Facharbeit“ (M. Baethge) davor, dass mit den beiden Schlüsselbegriffen des Förderschwerpunktes mehr Probleme geschaffen werden könnten, als dass sie zu einer konzeptionellen Klärung beitragen würden. Qualifizierte Dienstleistungsarbeit, gerade im Sinne der Interaktionsarbeit, würde mehr der Logik der Selbstkontrolle und den organisationsübergreifenden Werten von Dienstleistungsqualität folgen – beides Aspekte, die für ihn konträr zu den Figuren der Facharbeiter und des Produzentenstolzes stünden. Damit trug er innerhalb des Förderschwerpunktes maßgeblich zu einer mitunter kontrovers geführten, aber äußerst ergiebigen Diskussion bei, die noch heute bei mir ihren Nachhall hat. Diskussionen zum Gegenwartszustand der beruflichen Bildung wie zu ihrer Zukunft haben mit den sehr vielfältigen wie engagierten Beiträgen von Martin Baethge immer eine interessante, originäre und anregende Note erhalten.

Gedenken an Martin Baethge heisst nicht nur auf seine Erfolge, auf seine Unterstützung, auf seine Ermutigungen hinzuweisen. Gedenken an Martin Baethge ist auch eine Aufforderung an die Forschungsgenerationen nach ihm, diesen Weg der sozialen Verantwortung in der Gestaltung der Zukunft weiter zu gehen.

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