Balance Guard im Gespräch

Mit der BalanceGuard-Projektleitung Emanuel Beerheide und der Projektmitarbeiterin im Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes NRW (LIA.nrw), Jella Heptner, sprach die HdA-online Redaktion, Gerhard Finking und Eckart Hüttemann, über den Stand und die weiteren Entwicklungen des Projektes.

BalanceGuard entwickelt ein Assistenzsystem, das aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Elementen besteht: der Software, die den Beschäftigten ein selbstgesteuertes Messen ihrer psychischen Stressfaktoren und Ressourcen ermöglicht, sowie darauf aufbauend die Entwicklung von Organisations- und Personalentwicklungsmaßnahmen, Leitlinien zum Einsatz von Tools zum Stressmonitoring und Handlungshilfen für die Beschäftigten und die Betriebe. „Ein zentrales Instrument Ihres Projektes ist der Fragebogen, der arbeitsbezogene und private Stressfaktoren, Ressourcen, die Beanspruchung und Beanspruchungsfolgen messen soll. Wie weit ist dieser Fragebogen bereits entwickelt und getestet und wie gestaltet sich die Auswertung und Nutzung für den einzelnen Mitarbeiter und die Unternehmen?“ fragt Gerhard Finking zum Start des Gesprächs. Jella Heptner erläutert, dass der Ausgangspunkt für den Fragebogen ein umfangreicher Katalog von Variablen zur Messung psychischer Belastungsfaktoren ist. „Die Transformation dieser Variablen in Messgrößen erfolgte, indem wir im ersten Schritt verschiedene Arbeitsanalyseinstrumente auf ihre Anwendbarkeit und Qualität überprüft haben. Wenn Fragen aus diesen Instrumenten für unseren Zweck geeignet erschienen, haben wir sie im zweiten Schritt auf den Kontext von BalanceGuard angepasst. Beispielsweise wurden Fragen zu Variablen, von denen wir tägliche Schwankungen erwarteten, so umformuliert, dass sie täglich beantwortet werden können. Wurden keine passenden existierenden Fragen gefunden, haben wir eigene Fragen entwickelt und diese im Projektkontext erprobt.“ Auf die Frage von Eckart Hüttemann, ob der Nutzer den Fragebogen auch nach eigenen Vorstellungen variieren kann, erläutert Jella Heptner: „Ja. Der Fragebogen ist als eine Art Baukastensystem konzipiert. Es gibt einerseits einen Standard an Fragen für alle Nutzer und Nutzerinnen. Dieser besteht aus Kernvariablen, die für alle Nutzer und Nutzerinnen über Unternehmen hinweg gleich sind, und den Variablen, die ein Unternehmen in Abstimmung mit den betrieblichen Akteuren zusätzlich ausgewählt hat. Darüber hinaus können die Nutzer und Nutzerinnen weitere Variablen aus dem Baukasten auswählen.“

Neben der situationsentsprechenden Anpassung der Fragebögen ist die Auswertung für die Unternehmen ein weiteres wichtiges Element. Jella Heptner erläutert: „Unternehmen bekommen grundsätzlich keinen Einblick in die „Rohdaten“. Daten werden nur in aggregierter und anonymisierter Form genutzt. Um die Daten auf aggregierter Ebene für Unternehmen auswerten zu können, müssen die Nutzerinnen und Nutzer bei der Registrierung der Datenschutzerklärung zustimmen. Die Daten landen dann auf einem zertifizierten Server unseres Projektpartners CGM HSM. Das LIA.nrw kann diese Daten unter Einhaltung der Datenschutzbestimmungen zum Zwecke der Organisationsentwicklung auswerten. Dafür werden die Daten beispielsweise auf Abteilungsebene zusammengefasst und anonymisiert, sodass kein Rückschluss auf die Person möglich ist. Auf diese Weise werden Veränderungsbedarfe von bestimmten Belastungssituationen identifiziert.“

Für die Entwicklung und den Einsatz von Maßnahmen der Unternehmen zur Reduktion von Stressfaktoren ist es wesentlich, ob diese einmalig oder regelmäßig auftreten. Hier erläutert Emanuel Beerheide: „Bei Einzelereignissen kann es zu Ausreißern kommen, aber in der Gesamtschau der Daten, die über einen gewissen Zeitraum regelmäßig eingegeben werden, lassen sich Effekte herausfiltern, die auf eine Regelmäßigkeit oder auf grundsätzliche Probleme hinweisen, wie zum Beispiel Probleme in der Zusammenarbeit oder mit der Führung. Somit lassen sich möglicherweise Risiken und Problemkonstellationen auf der individuellen Ebene aber auch auf der Arbeitsorganisationsebene feststellen.“

Neben der Erfassung einzelner Belastungsfaktoren ist auch die Kombination mehrerer Faktoren von großer Bedeutung. Zur Messung der Kombinationsbelastung führt Jella Heptner aus: „Bisher berücksichtigen wir Mehrfachbelastungen durch die gleichzeitige Erfassung von Belastungsfaktoren aus dem Arbeits- und dem Privatleben. Bei der Auswertung für die Nutzer und Nutzerinnen steht eine Betrachtung von Wechselwirkungen verschiedener Belastungsfaktoren noch aus. Dies stellt einen weiteren Schritt bei der Weiterentwicklung des Tools dar.“

Gerhard Finking fragt, ob aus der Erhebung und Messung der Belastungsfaktoren auch Gefährdungspotenziale ermittelt werden können. Jella Heptner erläutert, dass „den Nutzern und Nutzerinnen die sogenannten Top Stressfaktoren zurückgespiegelt werden. Das sind die Stressfaktoren, die bei den Nutzerinnen und Nutzern über den Erhebungszeitraum besonders stark ausgeprägt sind. Zudem werden bedeutsame Korrelationen der Stressfaktoren mit der Beanspruchung aufgezeigt. Es lässt sich auf diese Weise ein Gefährdungspotenzial der verschiedenen Stressfaktoren für den einzelnen Nutzer bzw. die einzelne Nutzerin erkennen.“ Am Beispiel der Arbeitszeit erläutert Emanuel Beerheide: „Es ist wichtig zu betonen, dass wir Daten generieren und wir diese Informationen vergleichen können. Aber wir könnten dem Individuum natürlich nicht zurückspiegeln, du arbeitest in Schichtarbeit und die Analyse hat gezeigt, dass damit bestimmte Risiken verbunden sind, arbeite ab jetzt lieber nicht mehr in Schicht. Wenn wir aber über einen längeren Zeitraum Vergleichsdaten verschiedener Unternehmen haben, die beispielsweise mit unterschiedlichen Modellen arbeiten, dann könnten wir auf dieser Basis Vorschläge für Personalentwicklungsmaßnahmen und Organisationsmaßnahmen ableiten.“

Gerhard Finking fragt, ob ein Beratungs- und Coachingsystem im Unternehmen geschaffen werden muss, um BalanceGuard in Unternehmen einsetzen zu können. Jella Heptner erläutert: „Grundsätzlich ist für den erfolgreichen Einsatz von BalanceGuard die Beteiligung aller relevanten betrieblichen Akteure essentiell. Zum einen muss es im Unternehmen selbst Ansprechpartner geben. Während der Erprobungsphase können sich die Beschäftigten der Praxispartner Manpower und Caritas Hannover außerdem an die externe Mitarbeiterberatung ‚Schnelle Hilfe‘ der Deutschen Angestellten-Akademie wenden. Zusätzlich zur individuellen Nutzung von BalanceGuard muss aber auch ein Commitment im Unternehmen bestehen, Schlüsse aus den Ergebnissen von BalanceGuard zu ziehen und Veränderungen anzustoßen.“ Emanuel Beerheide ergänzt: „Ein grundsätzliches Problem von Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und des betrieblichen Gesundheitsmanagements ist, dass diese zum Teil losgekoppelt von anderen Prozessen im Unternehmen gesehen werden. Diese Gefahr besteht natürlich auch beim Einsatz von BalanceGuard, aber wir versuchen diese Problematik im Blick zu haben. Denn häufig gilt in der betrieblichen Praxis, dass die besten Überlegungen zu BGF-Maßnahmen verpuffen, wenn die Arbeits- und Kommunikationsprozesse nicht vernünftig organisiert sind.“

Neben der persönlichen Beratung unterstützen im Tool eingepflegte Hilfestellungen den Nutzer bzw. die Nutzerin darin, Einfluss auf eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeit und des Privatlebens zu nehmen, erläutert Jella Heptner. Er oder sie wird auf einen Katalog von Maßnahmen verwiesen, wenn besonders kritische Werte auftreten und Stressfaktoren im bedeutsamen Zusammenhang mit der Beanspruchung stehen. Die Handlungsempfehlungen wurden auf Grundlage von bisherigen Erkenntnissen und Vorarbeiten z. B. zur Arbeitsgestaltung und zur Erholung entwickelt. Emanuel Beerheide ergänzt: „Die Nutzerinnen und Nutzer werden auf besonders kritische Belastungen hingewiesen und erhalten dann entsprechende Hinweise. Das reicht von rechtlichen Informationen – im Sinne von Empowerment – bis hin zu Tipps und Vorschlägen zu individuellen Entspannungsübungen. Begleitet wird dies im Rahmen des Projektes durch niederschwellige (betriebs-)externe Unterstützungsangebote: Zusätzlich zur individuellen Auswertung innerhalb des Tools und den Tipps können die Beschäftigten im Rahmen des Projektes die ‚Schnelle Hilfe‘ der DAA nutzen. Die ‚Schnelle Hilfe‘ besteht aus ausgebildeten Coaches, die eine Form von Erstberatung und Auswertungsberatung leisten. Bei Bedarf vermitteln sie auch an Fachberatungsstellen weiter.“

BalanceGuard geht jetzt in die praktische Erprobung. Es wird sich hier zeigen, wie das Tool von den Beschäftigten angenommen wird und ob es von den Unternehmen unterstützt wird. Anhand dieser Erfahrungen wird das Konzept kontinuierlich verbessert und weiterentwickelt. HdA-online wird mit BalanceGuard über die Entwicklungen im Projekt und die Erfahrungen, die in den nächsten Monaten vorliegen, im Gespräch bleiben.

BalanceGuard - Digitales Beanspruchungsmonitoring für gesunde Arbeit

Christiane Geighardt-Knollmann (LIA.nrw)

59% der abhängig Beschäftigten in NRW haben neben dem Beruf weitere Verpflichtungen. Etwa 31% müssen Kinder bzw. Jugendliche betreuen, 12% sind für die Betreuung pflegebedürftiger Personen zuständig.[1]Die Mehrzahl der Beschäftigten steht also vor der Herausforderung, private Verpflichtungen mit der Erwerbsarbeit zu vereinbaren.Um siedabei zu unterstützen, entwickelt und erprobt das BMBF-Verbundprojekt „BalanceGuard“ein webbasiertes Tool zum Selbstmonitoring von Stressfaktoren und Ressourcen im Zeitverlauf sowie begleitende Informations- und Beratungsangebote (www.balanceguard.de).

Das webbasierte Tool ermöglicht Beschäftigten, ihre Stressoren, ihre Ressourcen und ihre Beanspruchung ganzheitlich und kontinuierlich zu erfassen. Es meldet den Nutzerinnen und Nutzern Verläufe und Zusammenhänge dieser Parameterunmittelbar zurück, gibtihnen individuelle Empfehlungen zur Reduzierung von Stressfaktoren und zum Ressourcenaufbau im Arbeits- und Privatleben, verweist auf Einfluss- und Beratungsmöglichkeiten und stärkt so ihre Gesundheitskompetenz.

Die Analyse der aggregierten Befragungsdaten gibt Unternehmen wichtige Gestaltungshinweise und ermöglicht ihnen, zielgerichtete Präventionsstrategien und -angebote zu entwickeln und umzusetzen. Dabei werden die Daten so zusammengefasst, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Beschäftigte möglich sind. Interessante wissenschaftliche Erkenntnisse zur Dynamik von Belastungs- und Beanspruchungssituationen, zu kumulativen Effekten von Belastungen sowie zu Wirkungszusammenhängen zwischen Ressourcen und Stressoren verspricht die Analyse der Längsschnittdaten.

Das System BalanceGuard wird in engem Austausch mit Beschäftigten und betrieblichen Interessenvertretungen sowie unter Berücksichtigung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen inhaltlich und technisch entwickelt und erprobt.

Das Projekt wird bis 2019 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut. Esbefindet sich aktuell in der Pilotphase.Ein erster Prototyp des Tools wurde auf der Meilensteintagung des Projektes in Koblenz am 26. September 2017 vorgestellt.

Projektpartner im Verbund sind der Caritasverband Hannover e.V., die CompuGroup Medical Deutschland AG, Geschäftsbereich CGM HSM, die DAA Ostwestfalen-Lippe, das Landesinstitut für Arbeitsgestaltung Nordrhein-Westfalen (LIA.nrw) sowie die Manpower GmbH & Co. KG Personaldienstleistungen.

 

[1] Diese Zahlen stammen aus der LIA-Beschäftigtenbefragung 2013 (https://www.lia.nrw.de/statistiken_und_studien/befragungsstudien/index.html)

 

Anmerkungen der Redaktion: Link zu den Vorträge zur Meilenstein Präsentation 2017:

 

Tagungsnachlese "Arbeitswissenschaft trifft Supervision"

 

Die Forschungs- und Beratungswerkstatt “Organisationale Achtsamkeit und Organisationssupervision – Arbeitswissenschaft trifft Supervision” fand vom 30.-31.08.2016 in Bremen statt und wurde durch die DGSv unterstützt.

Die Arbeitswelt verändert sich rasant: Sie wird komplexer, flexibler, mobiler und damit unübersichtlicher und widersprüchlicher. Wie können in diesem Kontext Veränderungsprozesse in Organisationen achtsam gestaltet werden und welche Herausforderungen stellen sich für arbeitswissenschaftliche Ansätze und Beratungsformen wie Supervision oder Coaching?

Zur Tagungsnachlese

Humanisierung von Arbeit und Leben der DienstleisterInnen in den Bereichen Erziehung, Gesundheit und Pflege

Der Hype um die digitale Revolution, die den industriellen Produktionsstandort und die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ausbauen will, wurde in den letzten Monaten in der öffentlichen Diskussion zurückgefahren.
Die Kritik, dass die einseitig exportorientierte Wirtschaftspolitik anhaltende Exportüberschüsse und daher außenwirtschaftliche Ungleichgewichte im Euroraum schafft, die nach geltendem Stabilitätsgesetz untersagt sind, wurde vom deutschen „medialpolitischen Komplex“ (Hans-Werner Sinn) ignoriert. Auch die Klage des EU-Wirtschaftskommissars Moscovici über „bedeutende wirtschaftliche und politische Verzerrungen für die gesamte Eurozone“ oder die diplomatischen Mahnungen von OECD, IWF und Obama, dass die Exportüberschüsse ein Problem für die Weltwirtschaft seien, wurden nicht beachtet.
Erst die unverblümte Kritik und die Drohungen des neuen US-Präsidenten brachten mediale Zurückhaltung.

In der praktischen, politisch – wirtschaftlichen Politik wird dagegen unverdrossen an der digitalen Rationalisierung und am industriellen Exportmodell festgehalten und an der Realisierung von Industrie 4.0 gearbeitet:
 „Über einen Zeitraum von fünf Jahren will der Bund rund 5 Milliarden Euro ausgeben, um 40.000 Grundschulen, weiterführende Schulen und Berufsschulen im Land mit 'Breitbandanbindung, WLAN und Geräten´ zu versorgen. Allerdings nur, wenn die Länder mitziehen. Sie sollen sich verpflichten, 'digitale Bildung zu realisieren – durch die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte, die Umgestaltung der Lehreraus- und -fortbildung und die Unterstützung der notwendigen Strategieentwicklung bei Schulen und Schulträgern. Sie verpflichten sich ferner auf (...) die Sicherstellung von Wartung und Betrieb der digitalen Infrastruktur´“ (ZEITONLINE, 13.10.16). Diese „Bildungsinitiative für die digitale Wissensgesellschaft“ des BMBF löst aber nach Meinung der Experten nicht die grundlegenden Probleme: „Mit der Qualifikation des pädagogischen Personals steht und fällt alles! Ausstattung kann gekauft werden, Inhalte können dekretiert werden, aber die Lehrerschaft zu qualifizieren, ist Überzeugungsarbeit und muss über Jahre entwickelt werden“ (a.a.O.).
 „Bundesregierung und Wirtschaft wollen bis 2025 insgesamt 100 Milliarden Euro in den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland investieren. Dies ist das Ziel einer Zukunftsoffensive, die die 'Netzallianz Digitales Deutschland´ in Berlin vorstellte“. Mit diesen Investitionen erhofft sich die Netzallianz (u.a. Bitkom, Bundesverkehrsminister Dofbrindt, ...) „ganz neue Geschäftsmodelle in allen Industrien“ (FR/dpa, 08.03.17).
 Das Bildungsministerium kündigt ein neues Forschungsfeld in Höhe von 12 Millionen Euro zum Einsatz von digitalen Lernmethoden an. Das Ministerium will damit „die Digitalisierung der Hochschulen aktiv vorantreiben“ (Auf dem Weg zum virtuellen Hörsaal, FR, 14.03.17). Auch das NRW-Wissenschaftsministerium stellt zehn Millionen Euro für Nachwuchsforscher zur Verfügung, die sich der digitalen Gesellschaft widmen (Land fördert Forschung, GA, 20.03.17).
 Die deutsche Wirtschaft hat ihre Investitionen in akademische Bildung nach einer neuen Studie von Stifterverband und IW innerhalb weniger Jahre um 50% auf rund 3,3 Milliarden Euro gesteigert. Besonders stark wurde in das duale Studium – ein Hochschulstudium mit fest integrierten Praxiseinsätzen in Unternehmen – investiert. Dabei war das Eigeninteresse an erstklassig ausgebildetem Akademiker-Nachwuchs groß (Wirtschaft investiert Milliarden, FR/dpa, 17.03.17).

Wenn nicht nur die Wirtschaft mit ihren Industrieunternehmen und -verbänden , sondern auch die Bundesregierung und die Länder Mittel in Milliardenhöhe in die Hand nehmen zur Förderung der digitalen Rationalisierung und Industrie 4.0, dann muss uns um die Erforschung und Gestaltung der Industriearbeit 4.0 nicht bange sein.
Bei der Erarbeitung des „Weissbuchs Arbeiten 4.0“ haben die Dialogpartner des BMAS, also das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Deutsche Städtetag und die Gewerkschaft Ver.di, darauf hingewiesen, unter den Bedingungen der digitalen Revolution gerade auch die Veränderungsprozesse in den sozialen Dienstleistungsbranchen in den Mittelpunkt zu stellen. So hält das Weissbuch fest: „Politischer Handlungsbedarf wird sowohl bei der Verbesserung der Entgeltstrukturen als auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Wertschätzung von Sorgearbeit gesehen. Daher ist das erkennbare Beschäftigungspotenzial in diesen Bereichen noch keine Garantie für Gute Arbeit. Vielmehr wird eine nachhaltige Finanzierung von auskömmlichen Löhnen zur Gestaltung eines zukunftssicheren personenbezogenen Dienstleistungssektors notwendig sein“ (BMAS, Weissbuch Arbeiten 4.0, 2016, S. 129).

Die in diesem beschäftigungsintensiven Sektor tätigen Menschen arbeiten an der gesellschaftlich notwendigen Herstellung und Erhaltung von Arbeitskraft. Nur aus einer einzelwirtschaftlichen und Export–Perspektive erscheint dies als Kostenproblematik, weil die professionellen Reproduktionstätigkeiten erheblich über staatliche Transfers finanziert werden.
Anfang 2017 zeigt Ver.di auf, wie der übermäßige Exportüberschuss zugunsten auch des Dienstleistungssektors genutzt werden muss: „Letztlich gilt also, eine Rückumverteilung zugunsten der Löhne durchzusetzen. Zugleich sind höhere Staatsausgaben erforderlich, mit denen Investitionen, öffentliche Daseinsvorsorge und soziale Sicherheit ausgebaut werden, anstatt die 'schwarze Null´ und eine Begrenzung der Staatsausgaben zu verfolgen. Insbesondere Personal und Wertschöpfung in den gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen müssen ausgeweitet werden“ (Ver.di, Konjunkturinfo 01-2017, S.12).

Die Leistungsfähigkeit des industriellen Exportsektors beruht auch auf der Abwertung von Reproduktions- und Sorgetätigkeiten, wenn hier private und öffentliche Anbieter über die Lohnkosten konkurrieren. Die Folge sind Leistungsverdichtung, Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, Fachkräfteengpässe und Rückverlagerung von Sorgeleistungen in die Privathaushalte. Hier zeigt sich, dass personenbezogene Dienstleistungen gegen die digitale Rationalisierung weitgehend resistent sind, aber nicht gegen soziale Rationalisierung.
„Gerade im Bereich der sorgenden, pflegenden, erziehenden, bildenden Tätigkeiten käme es hingegen darauf an, eine hohe Dienstleistungsqualität zu garantieren, indem der Verdrängung von menschlicher Arbeitskraft aus den Bereichen professioneller Sorgearbeit Grenzen gesetzt werden. Das geht nicht ohne staatlich finanzierte Nachfrage nach entsprechenden Dienstleistungen. Und diese Nachfrage lässt sich nur finanzieren, wenn Steuerprivilegien einkommensstarker Gruppen beseitigt, die Einnahmesituation des Staates verbessert und aus den exportstarken Sektoren zugunsten reproduktiver Tätigkeiten und Humandienstleistungen umverteilt wird“ (K. Dörre, Industrie 4.0 – Neue Prosperität oder Vertiefung gesellschaftlicher Spaltungen?, Working Paper 02/2016, Jena, S. 11).

Sowohl die Gewerkschaft Ver.di als auch der Sozialwissenschaftler Dörre geben konkrete Hinweise für die vom BMAS erkannte „Notwendigkeit einer nachhaltigen Finanzierung des personenbezogenen Dienstleistungssektors“. Die Realisierung ihrer Vorschläge im Interesse der Humanisierung dieser Dienstleistungsarbeit verlangt letztlich „einen Bruch mit der Wettbewerbszentrierung und die Durchsetzung eines qualitativ neuen (Re-) Produktionsregimes, das auf sozialem Wachstum beruht“ (K. Dörre, a.a.O.).
Ein Arbeitsschwerpunkt „Humanisierung personenbezogener Dienstleistungen“ kann den notwendigen Bewusstseinswandel vom einzelwirtschaftlichen zum gemeinnützigen Denken fördern:
 Aufklärungs- und Informationsarbeit über die umfassende Bedeutung der Humandienstleistungen werden zeigen, dass ausreichende und qualifizierte soziale Dienstleistungen der gesamten Gesellschaft, Jungen und Alten, Frauen und Männern, Gesunden und Kranken, Beschäftigten in industriellen, dienstleistenden, handwerklichen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten sowie Arbeitenden, Arbeitslosen und Rentnern Nutzen bringen.
 Kritische Aufarbeitung neoliberaler Politiken sowohl der Bundesregierung als auch der EU-Kommission zur Senkung steuerfinanzierter Sozialausgaben, zur weiteren Prekarisierung der Dienstleistungen und zur Privatisierung öffentlichen Eigentums: Steuerprivilegien und Steuersenkungen; Sparpolitik und Schuldenbremse; fehlende Investitionsmittel und Fachpersonal in den Kommunen zur Sanierung von Straßen, Schulen, Kindergärten und zur Versorgung werdender Mütter; Einführung einer EU-Dienstleistungskarte als Freibrief für Sozialdumping und Niedriglöhne, usw.
 Kritik der neuen Geschäftsmodelle der Internetkonzerne in den elektronischen Medien, im Versandhandel, im Taxigewerbe, in der Touristik, usw. sowie Kritik der alten mit Steuergeldern finanzierten Energie- und Industriekonzerne, die immer noch beim Klimawandel, bei der Energiewende, beim Dieselskandal, bei der Umweltzerstörung, usw. die Kosten zu Lasten des Staates/der Steuerzahler externalisieren.

Günter Neubauer, 20.03.2017

Public Health und die Welt der Arbeit-ein Memorandum

 

Public Health und die Welt der Arbeit – ein Memorandum

Von Rainer Müller, Eva Senghaas-Knobloch, Joachim Larisch

Zusammenfassung: in der Stellungnahme der Leopoldina, acatech und Union der deutschen Akademien der Wissenschaften vom Sommer 2015 zu“ Public Health in Deutschland. Strukturen, Entwicklungen und globale Herausforderungen“ werden effektive Public-Health-Systeme und eine flächendeckende Gesundheitsversorgung zu den dringlichsten Aufgaben des 21. Jahrhunderts gezählt und es wird zu neuen Initiativen zur Stärkung von Public Health und Global Health aufgerufen. Das hier vorgelegte Memorandum greift die Intention der Stellungnahme auf und verknüpft sie mit den Initiativen der WHO,ILO,EU sowie des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung, Aufgaben für Gesundheit und Public Health verstärkt mit Fragen und Gestaltung menschenwürdiger Arbeit        ( decent work) zu verknüpfen. Politik für eine menschengerechte Arbeit ist historisch ein zentraler Teil von Public Health und Global Health. Die Anfragen der Politik richten sich diesbezüglich an die Arbeitsforschung und an die Gesundheitsforschung, zu einer inter – bzw. transdisziplinären Kooperation zu kommen. Das vorliegende Memorandum will zu einer solchen innovativen Wissenschaftskooperation aufrufen und beitragen.

Zunächst wird auf die Anfrage der Politik an die Arbeits – und Gesundheitsforschung Bezug genommen (I). Nach einer Entfaltung des Begriffs der Gesundheit als öffentliches und privates Gut und des Begriffs von Public Health (II) wird in einem 3. Schritt auf die Herausforderung wesentlicher gesellschaftlicher Entwicklungen für öffentliche Gesundheit eingegangen (III). In einem 4. Schritt für das Konzept des Humanvermögens als Schlüsselkonzept für die theoretische Fundierung interdisziplinärer Forschung zur Überbrückung der verschiedenen Traditionen in der Arbeits – und Gesundheitsforschung skizziert (IV) und im fünften Schritt (V) werden Grundfragen der Normativität, Ethik und der Interdisziplinarität thematisiert; im abschließenden (VI) Verfahrensvorschlag wird ein mehrstufiger Prozess empfohlen, um in den Arbeits – und Gesundheitswissenschaften (Medizin sowie Ingenieur – und Rechtswissenschaft eingeschlossen) Themen, Grundsätze und Schlussfolgerungen für eine vertiefte Kooperation mit Blick auf ein gemeinsames Verständnis von Public Health angesichts der Welt der Arbeit zu benennen.

 

 

 

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