Ältere Beschäftigte als Innovationsexperten bei der Bewältigung des Unplanbaren (IBU)

Ältere Beschäftigte als Innovationsexperten bei der Bewältigung des Unplanbaren (IBU)

Laufzeit:                   01.06.2012 – 31.05.2015

Koordinator:           Dr. Eckhard Heidling (ISF e.V., München)

 

 

 

1.             Problemstellung

Innovationsprozesse in Unternehmen finden heute verstärkt in Form von Wertschöpfungsketten und Netzwerken statt („Open Innovation“). An diesen unternehmens- und grenzübergreifenden Prozessensind viele Akteure unterschiedlicher Organisationen beteiligt.Die Abläufe werden komplexer und es treten mehr kritische Situationen und Unwägbarkeiten auf. Dies hängt mit dem steigenden Zeit- und Kostendruck und dem wachsenden Bedarf an Ressourcen und Kompetenzen zusammen. Für die Beschäftigten entstehen daraus neue Anforderungen. Technisches Fachwissen bleibt unerlässlich, zusätzlich werden spezifische Kompetenzen gebraucht. Besonders wichtig sind ein spezifisches Erfahrungswissen im Umgang mit Unwägbaremsowie die Fähigkeit, Wissen auch über das eigene Unternehmen hinaus zu teilen.

2.             Lösungsweg

Das Verbundprojekt IBU verfolgt das Ziel, die besonderen Kompetenzen älterer Beschäftigter systematisch zu bestimmen, zu fördern, organisatorisch einzubinden und zu bewerten. Diese Zielsetzung soll durch folgende Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte erreicht werden:

  • Integriertes Konzept zur Erfassung der Innovationskompetenz älterer Beschäftigter
  • Organisationskonzepte in vernetzten Strukturen zur Nutzung der Innovationskompetenz älterer Beschäftigter
  • Laufbahnmodelle zur Entfaltung der Innovationskompetenz älterer Beschäftigter

·        Ganzheitliche Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zur Messung und Bewertung der Innovationskompetenz älterer Beschäftigter

 

Theoretische und methodische Konzeption

Das IBU-Projekt geht von der These aus, dass ältere Beschäftigte über besondere Fähigkeiten im Umgang mit unplanbaren und kritischen Situationen verfügen und diese Kompetenzen eine wachsende Bedeutung in Innovationsprozessen haben. Im theoretisch-konzeptionellen Teil der Projektarbeiten liegt ein Schwerpunkt in der genaueren Bestimmung von Innovationsarbeit und den damit verbundenen Handlungskategorien. Auf dieser Grundlage wird herausgearbeitet, welche Kompetenzen dafür erforderlich sind und wie sie erworben werden können.

Innovationen entstehen in Arbeitsprozessen. Ausgangspunkt der Untersuchungen im Verbundprojekt ist deshalb die zentrale Stellung der Innovationsarbeit. Dabei wird Innovationsarbeit als verbindendes Element der Organisation von technisch-sozialen Innovationsprozessen und den individuellen Fähigkeiten der Beschäftigten verortet. Einem vorherrschenden Verständnis folgend, ist Arbeit verbunden mit einem zielgerichteten, planmäßig-rationalem Handeln. Allerdings ist der verbreitete Grundsatz „erst planen, dann ausführen“ bei Innovationsarbeit mit der Gefahr verbunden, dass Innovationen nicht gefördert, sondern blockiert werden. Da die Ergebnisse von Innovationsprozessen offen und unbestimmt sind, ist es notwendig, den Umgang mit nicht formalisierbaren, informellen Prozessen im Arbeitshandeln in die Analysen einzubeziehen und die Potenziale impliziten Erfahrungswissens genauer zu bestimmen. Ein wichtiges Merkmal von Innovationsarbeit ist die Art und Weise, wie praktisch gehandelt wird. Das Konzept des erfahrungsgeleiteten-subjektivierenden Arbeitshandelns verweist darauf, wie bei Innovationsarbeit die Ziele definiert und die Ergebnisse im praktischen Handeln hergestellt werden. Grundlegend sind dafür ein exploratives und dialogisch-interaktives Vorgehen, eine Wahrnehmung, die mit subjektivem Empfinden und Erleben verbunden ist sowie ein bildhaft-assoziatives Denken. Entsprechend angelegte Untersuchungen von Innovationsarbeit legen den konkreten Verlauf von Innovationsprozessen und den produktiven Umgang mit Überraschungen und Misserfolgen offen.

 

Vorgehen

Im Verbundprojekt werden sozialwissenschaftliche Methoden mit Praxiserfahrungen der Unternehmen und dem Know-how beteiligter Umsetzungspartner kombiniert. Die Vorgehensweise ist empirisch-analytisch angelegt und die Forschungsergebnisse bilden die Grundlage für die Konzeptionvon praktischen Gestaltungsmodellen und Orientierungsleitfäden. Bei der methodischen Konzept- und Verfahrensentwicklung greift das ISF München auf ein umfangreiches Instrumentarium zurück, das insbesondere problemzentrierte und explorative Experteninterviews, arbeits- und industriesoziologische Betriebsfallstudien sowie Gruppendiskussionen umfasst.

Problemorientierte und explorative Experteninterviews: Experten sind zum einen ganz allgemein Kompetenzträger in jeweiligen Arbeitsbereichen, die innerhalb spezifischer organisatorischerRahmenbedingungenagieren. Zum anderen werden in die Projektarbeiten auch ausgewiesene Experten für die Arbeits- und Organisationsgestaltung einbezogen, die den Zusammenhang der Entwicklung von Arbeit und Demografie im Blick haben. Die Experteninterviews werden leitfadengestützt durchgeführt. Eine solche Vorgehensweise gewährleistet eine themenorientierte Fokussierung und lässt zugleich genügend Freiraum für Besonderheiten des Einzelfalls. Die subjektiven Interpretationen und Reflexionen der Befragten können so berücksichtigt werden. Mit dieser Interviewstruktur wird eine vergleichsweise offene Gesprächssituation hergestellt, die für die Interaktionsdynamik hilfreich ist. Bei sensiblen Themen wie alters- und alternsgerechtem Arbeiten, das häufig mit Defiziten in Verbindung gebracht wird, ist die Herstellung einer verlässlichen und vertrauensvollen Gesprächsatmosphäre eine wichtige Voraussetzung für konstruktive Interviews und verwertbare Ergebnisse. Die Interviews mit den unterschiedlichen Perspektiven der Beschäftigten werden in Betriebsfallstudien eingebunden.

Betriebsfallstudien: Das ISF München besitzt langjährige Erfahrung mit der Durchführung von Betriebsfallstudien, in denen betriebliches Handeln in einen systematischen Zusammenhang mit betrieblichen Strategien (wozu auch die Arbeits- und Organisationsgestaltung gehören) gestellt wird. Eine Fallstudie erfasst den Betrieb und seine Verflechtungen mit dem institutionellen Umfeld. In den Blick kommen damit betriebliche und überbetriebliche Strategien, die die Analyse der Auswirkungen auf die Arbeitssituation und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten ermöglichen

Gruppendiskussionen und Workshops: In Feedbackworkshops, die in den Projekten am ISF München und der Universität Augsburg regelmäßig angewendet und weiterentwickelt werden, werden die Forschungsergebnisse zeitnah und praxisadäquat in die beteiligten Unternehmen rückgespiegelt. Außerdem werden die Verbreitungsmedien der Umsetzungspartner genutzt.

3.             Stand / Ergebnisse

Die folgenden Ausführungen umfassen den Stand der Arbeiten zum Arbeitshandeln (1), zum Zusammenhang von Organisation und Innovationskompetenzen (2) sowie Kompetenzerwerb im berufsbiografischen Verlauf (3) der älteren Beschäftigten.

(1) Die vorläufigen empirische Ergebnisse der Erhebungen zum Arbeitshandeln der älteren Beschäftigten aus technischen Berufen bestätigen ihre besonderen Stärken. So zeigt sich etwa eine ausgeprägte Experimentierfreude am Aufbau von auf den ersten Blick kurios anmutenden Versuchsanordnungen, die dann jedoch zu neuen Lösungen führen. Auf Grundlage ihres spezifischen Erfahrungswissens verfügen die älteren Beschäftigten außerdem über ein besonderes Vorstellungsvermögen. So sind sie durch die Wahrnehmung bestimmter Geräusche in der Lage, komplexe Vorgänge einer Anlage in ihrer Vorstellung nachzuvollziehen. Dies können sie mit der Übertragung von Erfahrungen aus anderen Bereichen so kombinieren, dass durch einen spielerischen Umgang mit diesen unterschiedlichen Elementen wie bei einem Puzzle neue Lösungen entstehen. Begleitet wird dies von einem stark gegenstandsbezogenen Interesse und einem ausgeprägten Durchhaltevermögen. Wichtig ist dies besonders in den kritischen Phasen von Innovationsprozessen, mit denen die älteren Beschäftigten häufig produktiv umgehen und so neue Lösungsperspektiven entwickeln. Dies unterstützt die Annahme, dass insbesondere die älteren Beschäftigten positiven Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit von Innovationsprozessen haben.

(2) Die untersuchten Projekte in den bisherigen Erhebungen sind auf Verbesserungen von Produkten sowie technische und organisatorische Prozesse ausgerichtet und beinhalten eine große Bandbreite innovativer Elemente. Das Arbeitshandeln ist durch das Ziel geprägt, für die Kunden individuelle und angepasste neue Lösungen zu generieren. Gebildet werden die Projekte durch altersgemischte Teams, in denen die älteren Beschäftigten eine besondere Rolle einnehmen. Dies hängt mit ihrer spezifischen Innovationskompetenz zusammen. Dabei sind die älteren Beschäftigten in besonderer Weise dazu fähig, in einem begrenzten Zeitraum und ausgehend von der jeweils unterschiedlichen Ausgangslage der Kunden eine situative Neukonfiguration von Arbeits- und Prozessabläufen zu entwickeln. Diese situativen Neukonfigurationen zeichnen sich durch Effizienzsteigerungen, organisatorische Änderungen sowie Arbeitsverbesserungen und Arbeitserleichterungen aus. Kennzeichnend ist, dass die älteren Beschäftigten dabei die Realisierbarkeit der innovativen Ansätze in den Dimensionen Zeit, Kosten und Qualität immer schon mit berücksichtigen. Diese Innovationskompetenzen beruhen auf einem spezifisch erfahrungsgeleiteten Handeln im Arbeitsprozess. In der jeweils aktuellen Arbeitssituation werden Handlungsmuster vergangener Arbeitsprozesse in einem Transformationsprozess erfahrungsgeleitet anschlussfähig gemacht und in innovative Ergebnisse entsprechend dem jeweiligen Kontext bei den Kunden umgesetzt. Diese Innovationskompetenz stellt somit ein komplexes Bündel dar, das die Entwicklung innovativer Lösungen und deren Realisierbarkeit bei jeweils kundenindividuellen Umfeldbedingungen umfasst.

(3) Wie die bisherigen Erhebungen des berufsbiografischen Verlaufs älterer Beschäftigter zeigen, ist ein wichtiger Faktor für den Erwerb von Kompetenzen zum Umgang mit Unwägbarkeiten eine praktische Berufsausbildung. Dabei werdenumfangreiche Praxiserfahrungengesammelt und spezifische Bezüge zu Produkten, Materialien und Werkzeugen entwickelt. Ein weiterer begünstigender Faktor ist eine dynamische Erwerbsbiographie. Diese zeichnet sich durch die Pluralität mehrerer Ausbildungswege und Lehr- und Lernformen (Lehre, Technikerschule, Studium, Weiterbildungslehrgänge) sowie Erfahrungen in Betrieben unterschiedlicher Größenklassen, in unterschiedlichen Unternehmensbereichen (Produktion, Konstruktion, Service, Vertrieb, Programmierung, Planung) undmit verschiedenen Aufgaben aus (repetitiv, kreativ, unterschiedliche Grade von Verantwortungsübernahme). Kennzeichnend sind außerdem unterschiedliche Herausforderungen sowohl fachlicher als auch psychischer Natur. Damit verbunden ist eine breite Anschlussfähigkeit der jeweiligen beruflichen Stationen. Das integrierende Basiselement solcher Erwerbsbiographien bilden ein konstanter Gegenstandsbereich (wie etwa die Branche Maschinenbau) und die Orientierung an persönlichen berufsbiografischen Etappenzielen (beispielsweise von der Produktionstätigkeit über die Technikerschule bis zum Studium).

4.             Veröffentlichungen zum Vorhaben

Böhle, F. (2013): Handlungsfähigkeit mit Ungewissheit - Neue Herausforderungen und Ansätze für den Umgang mit Ungewissheit. In: S. Jeschke; E.–M. Jakobs; A. Dröge (Hrsg.): ExploringUncertainty, Springer Gabler, Wiesbaden, S. 281-293.

Böhle, F. (2013): Subjektivierendes Arbeitshandeln. In: H. Hirsch-Kreinsen; H. Minssen (Hrsg.): Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie, editionsigma, Berlin, S. 425-429.

Fahrion, J. (2013): Demografieorientierte Fabrikplanung. In: S. Jeschke (Hrsg.): Innovationsfähigkeit im demografischen Wandel. Beiträge der Demografietagung des BMBF im Wissenschaftsjahr 2013, Campus Verlag, Frankfurt/New York, S. 43-50.

Heidling, E.; Böhle, F.; Kahlenberg, V.; Ludwig, B.; Neumer, J. (2013): Erste Untersuchungsergebnisse zu Innovationspotenzialen älterer Beschäftigter. IBU Arbeitspapier 1, München, Augsburg.

 

 

Internetadressen

Weitere Informationen finden sich auf der websitedes Verbundprojekts:

www.ibu-verbund.de

 

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