„Sprunginnovationen“ – wird wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben?

Im ersten Halbjahr 2018 hat acatech die „Sprunginnovation“ entdeckt: „Impulse für Sprunginnovationen in Deutschland“ – so lautet der Titel eines acatech-Diskussionsbandes, im dem „Neues, Wagemutiges, Richtungsweisendes“ versprochen wird. Was unter „Sprunginnovation“ verstanden werden soll, wird aus dieser Broschüre nicht so richtig deutlich. In der „Ausgangssituation“ wird nichts Neues festgestellt, dort heißt es, dass das deutsche Innovationssystem konservativ ausgerichtet sei (S. 9) und deshalb nicht in der Lage ist, Forschungsergebnisse in „völlig neue Angebote und Geschäftsmodelle“ umzumünzen (S. 9). In der „Gesamtbeurteilung“ ist zu lesen: „Die Ergänzung des deutschen Innovationssystems durch einen Mechanismus, der gezielt Sprunginnovationen fördert, ist dringend geboten. Die bisherige Prägung des deutschen Innovationssystems mag inkrementelle Innovation forciert haben – sie macht das Erzielen von Sprunginnovationen jedoch nicht unmöglich. Dringend erforderlich ist jedoch die Schaffung einer Institution, die Impulse geben kann, um Deutschland als Standort für Sprunginnovationen zu etablieren und zu stärken.“ (S. 13) Für Forschungsministerin Anja Karliczek sind Sprunginnovationen also immer die Innovationen, die Märkte schaffen – so in ihrem Interview vom 30. Juni 2018 in der FAZ (Nr. 149, Seite B 3). Im Netz ist nachzulesen, dass unter Sprunginnovationen „echte“ Innovationen zu verstehen sind, die eine hohe Wirksamkeit gegenüber Kunden und Wettbewerb auslöst. Während die BMBF-Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen zur Eröffnung des PT-Tages „Zukunft des  Innovationssystems“ in Berlin im Juni 2018 noch öffentlich verkündete, dass ihr Ministerium ein umfassendes Innovationsverständnis habe – also technologische wie soziale Innovationen ebenbürtig sehe –, werden in der zitierten acatech-Broschüre zu Sprunginnovation nur die technologischen Herausforderungen, auf die sich Sprunginnovationen beziehen sollen, genannt: „So kann sie in gesellschaftlich relevanten Bereichen ambitionierte und risikobehaftete technologische Herausforderungen identifizieren und Innovatoren starke Anreize dafür bieten, Projekte zur Lösung dieser Herausforderungen anzugehen.“ (S. 9)

Es wurde auch schon mit vielen hundert Millionen Fördergeldern versucht, „völlig neue“ Angebote und Geschäftsmodelle“ mittels Smart Service Welt, Industrie 4.0, Arbeit 4.0 etc. zu Stande zu bringen. Ist der damit erzielte Output und Impact so dürftig, dass es nun „Sprunginnovationen“ samt einer neuen Förderagentur bedarf, um offensichtlich so die Lücke zu den US-amerikanischen Wettbewerbern schließen zu können (S. 9). Wird den Ergebnissen des gerade abgeschlossenen BMBF-Forschungsprojektes „digit-DL“ unter Leitung des ISF München gefolgt, so haben US-amerikanische Firmen deshalb die Nase vorn, da sie keine Trennung zwischen der Produktionssphäre (in Deutschland „Industrie 4.0“) und den Dienstleistungen (hier unter dem Label „Smart Service Welt“) machen und ihr Dreh- und Angelpunkt das Internet der Dinge ist. Sie agieren ganzheitlich, denken die bei uns getrennten Wertschöpfungssphären als Einheit und können dank mangender arbeitsmarktlicher oder datenschutzrechtlicher Regulation recht frei verfahren. Aber aus dem neuen digit-DL-Forschungsreport ist auch herauszulesen, dass gerade marktrelevante Innovationen – seien es Sprunginnovationen, disruptive Innovationen oder wie auch immer – zu einem erheblichen Teil eine sozial-ökonomische Veranstaltung sind, in der alle betrieblichen Ebenen effektiv und effizient zusammenarbeiten müssen und damit gerade organisationale und qualifikatorische wie regulative Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Das heißt, auch „Sprunginnovationen“ werden sich von diesen – mittlerweile gut untersuchten – zentralen Rahmenbedingungen nicht (völlig) lösen können. Sie müssen sogar von Beginn an einbezogen werden, ansonsten besteht das Risiko, (wieder mal) zu kurz oder in die falsche Richtung zu springen.

https://www.bmbf.de/de/karliczek-innovationen-muessen-noch-schneller-kommen-6501.html

https://www.acatech.de/de/aktuelles-presse/presseinformationen-news/news-detail/artikel/neues-wagemutiges-richtungsweisendes-foerdern-diskussionsband-beleuchtet-sprunginnovationen.html

https://www.acatech.de/de/publikationen/diskussion/acatech-diskussion.html

http://digit-dl-projekt.de/

http://digit-dl-projekt.de/wp-content/uploads/2018/06/ISF-Report-IoT-180612r.pdf

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