Revolution vs. Transformation – Sichtweisen der Digitalisierung

Vor ein paar Wochen war ich bei einer Veranstaltung des Fraunhofer Institutes für Experimentelle Softwareentwicklung. Einer der Direktoren, Prof. Dr. Dieter Rombach, sprach dort über die Digitale Transformation. Also nicht über die 4. Revolution, sondern über Transformation. Ich fand das recht interessant und begann dann mal über die „Industrielle Revolution“ nachzudenken. Es gibt diese Revolution im Sinne der Disruption nämlich gar nicht. Schaut man in WIKIPEDIA nach, so handelt es sich um eine Umgestaltung (so das deutsche Wort für Transformation), die die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse betraf und sich über mindestens 150 Jahre hinzog. Die zweite, dritte und vierte Revolution können wir uns sparen. Sie sind nichts als Sprünge in dem Transformationsprozess von einer Agrar- zur Industriegesellschaft. Kern der industriellen Transformation war die Entwicklung der Kraft: weg von tierischer oder natürlicher (z.B. Wasserkraft) hin zur Maschine in unterschiedlichsten Formen und zur Elektrizität.

In meinen Augen hat Bell die Bedeutung der Mikroelektronik im Rahmen einer neuen Transformationslinie nicht erkannt, wenn er sie als technologischen Kern einer neuen Stufe der Industriellen Transformation bezeichnet. Es handelte sich eher um den Beginn der Digitalen Transformation, also einer Entwicklung, bei der nicht die „Kraft“ sondern die „Daten“ Gegenstand sind.

Deutlich wurde die Digitale Transformation mit der breiten Einführung der Computer in Büro und Verwaltung vor ca. 40 Jahren. Klassische „Frauenarbeitsplätze“ wie Sekretärin und Schreibkraft wandelten sich in kurzen Zeit. „One Face to the Customer“ wurde machbar und damit der Grundstein der Customer Service Center gelegt. Ebenso begann in den 80er Jahren die Anwendung der Roboter, allerdings auch mit großen Misserfolgen verknüpft. Der Traum der „Menschenlosen Fabrik“ war gescheitert.  Anfang der 90er Jahre folgten die Datenbanktechnologien mit den ersten Befürchtungen von „Gläsernen Menschen“. Mitte der 90er Jahre begann die Vernetzung mit dem Internet, das sich ins Internet der Dinge erweiterte und bald darauf in die Big Data Analysen überging.  Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und Smart Services waren die entsprechenden wirtschaftlichen Konzepte. Im Moment stehen wir am Beginn der Anwendung Künstlicher Intelligenz und erreichen damit einen neuen Sprung der Transformation. KI als Grundlage für Entscheidungen, sei es im Management eines Unternehmens, sei es als Arzt; KI als Grundlage von Assisstenzsystemen z.B. bei Rechtsanwälten, aber auch KI, die kontrolliert und ermahnt, sieht Sylvia Kuba als mögliche Anwendungsformen (https://awblog.at/kuenstliche-intelligenz-am-arbeitsplatz/) im Arbeitsleben.

Revolution hat den Klang es Unabwendbaren, sie bricht über eine Gesellschaft herein. Transformation hat den Klag der Gestaltungsmöglichkeiten. Verschiedene Wege sind gangbar, aber es kann auch Krisen geben, wenn die Gestaltung versagt. Transformation ist allerdings auch ein langandauernder Prozess, der einen langen Atem und viel Motivation benötigt. Die Sicht als Transformationsprozess macht auch deutlich, dass wir weitere Veränderungen erwarten müssen. Wir werden uns nicht zur Ruhe setzen können.

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Per Anhalter durch die Digitalisierung - KEINE PANIK

„Fortschritt macht arbeitslos“ – „Uns steht eine Katastrophe bevor“ und „Elektronische Bausteine bedrohen Millionen von Arbeitsplätzen in Industrie und Dienstleistungsgewerbe.“ „Weder Regierung noch Gewerkschaften wissen, wie sie die Folgen des Fortschritts unter Kontrolle bringen können.“ „Computer können die meisten Jobs der meisten Menschen für die meiste Zeit ersetzen. Das ist keine Science-Fiction-Vision, sondern eine realistische Annahme für die Jahrtausendwende. Die Expertinnen und Experten sind in zwei Lager gespalten. Die einen behaupten, dass die Flut schnell ansteigt und in 20 Jahren 80 Prozent der Arbeitsplätze vernichtet. Verlierer sind dabei die traditionellen Facharbeiterberufe. Den Kollegen in den Büros und Verwaltungen, in Banken und Versicherungen ergeht es keinesfalls besser. Die bisher privilegierten Angestellten (..) sind gefährdet wie nie zuvor.“ „Der (..) Karlsruher Professor Karl Steinbuch prognostizierte unlängst vier Entwicklungslinien, auf die sich die Arbeitnehmer auszurichten haben:

* Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze nimmt ab.
* Die Zahl der wenig qualifizierten Arbeitsplätze nimmt besonders rasch ab.
* Die Zahl der Hochqualifizierten nimmt kaum ab, und
* die Anforderungen an die Höchstqualifizierten steigen ständig.“

 

Gemeint in den obigen Zitaten mit „Jahrtausendwende“ ist die Wende vom 20. zum 21.Jahrhundert und mit „in zwanzig Jahren“ ist das Ende der 1990er Jahre gemeint. Überschrift und Zitate stammen aus „Der Spiegel“ vom 17.04.1978[1]. Um 2010 beginnt die große Debatte um die Digitalisierung und wiederum wird das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit durch die Medien gejagt, allen voran vom Spiegel: „Die Jobfresser kommen - Roboter, Automatisierung, künstliche Intelligenz: Maschinen werden Millionen unserer Jobs übernehmen.“ (Spiegel Online vom 2.8.2016[2]). Insgesamt scheint sich in der Medienszene in Deutschland seit einem halben Jahrhundert der Trend zu halten, jede technologische Veränderung mit einer Angst auslösenden Berichterstattung zu begleiten. Man könnte lange darüber nachsinnen, warum dies so ist. Ist es die Notwendigkeit der Erhöhung der Auflage, ist es die Kapitalabhängigkeit der Presse oder ist es einfach Dummheit. Ich weiss es nicht.

Jenseits der mangelhaften journalistischen Aufarbeitung des Einflusses neuer Techniken gibt es fundierte Ansätze, wenn es sich um Beschäftigung, Beschäftigungsstruktur und Qualifikation und Kompetenz in der Zukunft handelt. Für die Dienstleistungen besonders wichtig ist die Studie „Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie. Szenario-Rechnungen im Rahmen der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen[3]“. Es ist eine Simulationsstudie, die auf bestimmten Modellannahmen beruht. Zentral ist, dass eine Wirtschaft 4.0 den Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen beschleunigen und der Traum einer beschäftigungspolitischen Renaissance von Industrie 4.0 sich nicht erfüllen wird. Allerdings sind die Veränderungen im Charakter der Arbeitswelt zwischen Branchen, Berufen und Anforderungsniveaus weitaus größer als die quantitativen Veränderungen. Bezogen auf das Jahr 2025 zeigt der Vergleich zwischen einer vollständig digitalisierten Arbeitswelt und einer Arbeitswelt mit bisherigem Entwicklungspfad, dass die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Gesamtniveau der Arbeitsnachfrage mit minus 30.000 Arbeitsplätzen relativ gering ausfallen. Allerdings stehen dabei 1,5 Millionen wegfallenden Arbeitsplätzen etwa die gleiche Anzahl neuer Arbeitsplätze gegenüber, die in der Basisprojektion noch nicht vorhanden waren. Der Verlust an Beschäftigung (trotz höherer Wertschöpfung!) im Produzierenden Gewerbe wird vor allem durch die Branchen „Information und Kommunikation“ und „Erziehung und Unterricht“ aufgefangen.

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollten nicht presse- und panikgeleitet in die Zukunft blicken, sondern auf Basis von nachvollziehbaren Daten kompetent und sachorientiert an der Gestaltung der Zukunft mitwirken.

 [1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40615677.html

[2] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmarkt-der-zukunft-die-jobfresser-kommen-a-1105032.html

[3] Wolter, Marc Ingo; et al., : Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie - Szenario-Rechnungen im Rahmen der  BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen, IAB Forschungsbericht 13/2016 (2016),

 

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Wohlbefinden und Leistung - Aufgabe von Arbeits- und Dienstleistungswissenschaft

Der von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft und der Friedrich-Ebert-Stiftung getragene Arbeitskreis „Dienstleistungen“ diskutierte auf seiner letzten Sitzung die Ausrichtung der zukünftigen Dienstleistungsforschung. Ein wesentlicher Punkt, zu dem der ehemalige Präsident der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft Prof. Ralph Bruder den Input gab, war das Zusammenarbeiten von Dienstleistungs- und Arbeitswissenschaft.

Es wurde in der Diskussion schnell deutlich, dass die heutige Dienstleistungsforschung den engen Zusammenhang zwischen der Gestaltung eines Dienstleistungsangebotes und dem Wohlbefinden der die Dienstleistung erfüllenden Menschen noch nicht herstellen kann. Hierzu bedarf es aber nicht nur Anstrengungen der Dienstleistungsforschung, sondern auch einer Arbeitswissenschaft, die eine stärkere Orientierung auf die Dienstleistungen aufbauen muss. Die beiden Disziplinen müssen sich von Anfang an der Frage stellen, welche technischen Lösungen zu einer Steigerung von Wohlbefinden (der Arbeitenden und der „Customer“) sowie zu einer Steigerung der Leistung führen. Nicht das technisch-mögliche ist das Ziel, sondern das auf diesen beiden Gebieten erfolgreiche.

Wohlbefinden und Leistung können (aber nicht müssen) durch Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen erhöht werden.  Die Flexibilisierung von Arbeitszeit  und Arbeitsort  kann  unternehmerisch  notwendig  sein,  aber  auch  von  Beschäftigten  gewünscht werden. Hierbei lehren gerade die Ergebnisse der Arbeitswissenschaft und der Gesundheitsforschung, dass das Risiko langfristiger Schädigungen durch die Betroffenen völlig unterschätzt wird. Dies betrifft die Risiken psychischer Belastungen, der Belastungen durch Nacht- und Schichtarbeit u.ä. Der Umgang mit flexiblen Arbeitsformen muss gelernt werden und muss auch entsprechende Regeln besitzen.

Das Wohlbefinden der Beschäftigten kann auch durch die Kundenerwartungen gefährdet werden. Der Zusammenhang  zwischen  Kundenerwartungen  und  den  sich daraus  ergebenden  Arbeitsbedingungen muss stärker  zu  einem  Thema  in  der arbeitswissenschaftlichen Dienstleistungsforschung werden. Stichworte sind hier Wochenend-/Schichtarbeit, Bereitschaftsdienste, Termin- und Leistungsdruck aber auch Fragen der Mitbestimmung. Aber es geht auch darum, dass die negativen Konsequenzen der Kundenwünsche auf Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastung transparent und öffentlich diskutiert werden, um eine gesellschaftliche Akzeptanz  von  menschengerechten  Arbeitsbedingungen  in  Dienstleistungsberufen  herzustellen (aktuell: Sonntagsarbeit im Handel).  Hier ist auch eine Aufgabe der Verbraucherverbände zu sehen, denen das Thema der Dienstleistungsforschung in Verbindung mit Verbraucherinteressen noch fremd ist

Es war in der Diskussion sehr deutlich, dass eine Verbindung von „Wohlbefinden und Leistung“ akzeptiert wird, wobei natürlich die bekannten Fronten leicht aufbrechen können.  Die Kooperation zwischen Dienstleistungsforschung und Arbeitswissenschaft bedarf weiterer Klärung, wobei auch in Richtung einer Service Science gedacht werden kann.

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Interaktionsarbeit als Arbeitsform – eine Einstimmung auf den Frühjahrskongress der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft veranstaltet zusammen mit dem Institut für Arbeitswissenschaft aus Darmstadt, der Arbeitsgruppe Wissen-Denken-Handeln, dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München, der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und dem Institut für Angewandte Informatik in Leipzig auf dem Frühjahrskongress der GFA ein Symposium zur Interaktionsarbeit. Damit wird auch ein kleiner Beitrag zum Wissenschaftsjahr 2018 “Arbeitswelten der Zukunft” geleistet.

Interaktionsarbeit bestimmt sich durch das Ziel der Arbeitsaufgabe: Arbeit mit und am Menschen. Hacker nennt dementsprechend sein Lehrbuch „Arbeitsgegenstand Mensch: Psychologie dialogisch-interaktiver Erwerbsarbeit“. Zur Interaktionsarbeit gehören das Lehren, das Pflegen, das Heilen, das Beraten, das Verkaufen. Im Unterschied dazu z.B. die Arbeit im logistischen Lagern mit der Verteilung von Gütern oder die Wissensarbeit, deren Ziel die Verarbeitung oder Produktion von Wissen ist. Interaktionsarbeit ist Bestandteil von „Service-Prozessen“ in kooperativen „Service-Systemen“. „Service” heist, dass es sich hier nicht um eine volkswirtschaftliche Kategorie handelt, sondern um einen kollaborativen Prozess zwischen Akteuren, in dem gemeinsam Werte produziert werden. Dementsprechend findet sich Interaktionsarbeit nicht nur im volkswirtschaftlich definierten Dienstleistungssektor, sondern auch im (volkswirtschaftlich) definierten Verarbeitenden Gewerbe.

Interaktionsarbeit als Erwerbsarbeit heisst, dass das „Subjekt Mensch“ gleichzeitig „Objekt“ der Dienstleistungen (im Sinne des „Service“) ist und dies in einem kapitalistischen System. Damit werden die Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit, das heißt der Verkauf der Arbeitskraft als Ware und die Arbeitsmarktsituation dominant wirksam. Hacker fordert deshalb, dass zur Interaktionsarbeit eine hohe ethische Verantwortung gehört, und die Arbeitswissenschaft den handelnden Menschen Modelle, Methoden und Werkzeuge zur Verfügung stellen muss, um geleitet von dieser Verantwortung ihrer (Erwerbs)Arbeit nachzukommen. Brucks hat diesen Weg nicht gewählt, sie wirft der Handlungstheorie vor, „blind für die Sozialität und auch die Körperlichkeit von Handeln sowie deren Vermittlung im emotionalen Ausdruck“ zu sein.  Interaktionsarbeit unterliegt historisch bedingten Prozessen, die sich in der Gestaltung von Dienstleistungsprozessen, Arbeitsaufgaben und Arbeitsbedingungen niederschlagen. Einer dieser Prozesse ist der Ersatz menschlicher Arbeit durch Technik. So ist Interaktionsarbeit seit Jahrzehnten Digitalisierungsprozessen unterworfen. Insbesondere in der Beratung hat sich der unmittelbare persönliche Kontakt, der vor 50 Jahren definierendes Merkmal war, zu einem Kontinuum von unmittelbarem persönlichen Kontakt bis zu einem technisch-vermittelten, ja „technisch-ersetzten“ Kontakt entwickelt.

1999 fand ein wichtiger Klärungsschritt mit dem Themenheft „Personenbezogene Dienstleistung - Arbeit der Zukunft“ der Zeitschrift für Arbeitswissenschaft statt. Dort verankerten die viel zu früh verstorbenen André Büssing und Ursula Brucks die Begriffe der „Interaktionsarbeit“und der „Gefühlsarbeit“und es wurden die Konzepte des subjektivierenden Arbeitshandelns von Böhle und der emotionalen Dissonanz von Nerdinger vorgestellt. Der nächste Schritt war die Erweiterung des Untersuchungsfeldes auf Softwareentwicklung, Lehrerarbeit, Friseurarbeit, Arbeit im Zug und Arbeit im Call Center. Böhle und Glaser haben dann die Tausch-, Dispositions- und Bearbeitungsbeziehung als grundlegend für die Interaktionsarbeit herausgearbeitet. Böhle ordnet die Interaktionsarbeit dem Konzept des „Subjektivierenden Arbeitshandeln“ zu und definiert als weitere Kernbestandteile der Interaktionsarbeit die Emotionsarbeit und die Gefühlsarbeit. Hackers Ansatz ordnet die Interaktionsarbeit als „dialogisch-interaktive Erwerbsarbeit“ in die Handlungsregulationstheorie ein. Damit stehen der Arbeitswissenschaft zwei weitentwickelte theoretische Konzepte zur Verfügung, um darauf aufbauend eine wissenschaftliche Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Die theoretisch fundierte Ableitung von Gestaltungserfordernissen ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. In Hackers Modell ist das Vorhandensein zweier mentaler Modelle typisch für dialogisch-interaktive Arbeit. Die systematische, aufeinander bezogene Gestaltung der beiden Modelle als eine Grundlage für die Gestaltung der Interaktionsarbeit ist aber nicht bekannt. In Böhles Konzeption ist für Interaktionsdienstleistungen der „Abgleich unterschiedlicher Interessen“ (was als Abstimmung der beiden mentalen Modelle verstanden werden kann) für die Kooperation notwendig. Dieser Abgleich scheint aber eher unsystematisch und nicht verbalisiert zu verlaufen. Massnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes kollidieren häufig mit Interessen der Kunden, sei es in Fragen der Arbeitszeitgestaltung oder des Technikeinsatzes, aber auch mit genuinen Teilen der Interaktionsarbeit: das Leid in der Pflege gehört zur Interaktionsarbeit. Damit bleibt häufig nur noch Gestaltung der Leistungsvoraussetzungen. Die Gestaltung der Leistungsvoraussetzungen reicht von Fragen der Aus-, Weiter- und Fortbildung zu Maßnahmen der Personalentwicklung und der Kompetenzentwicklung. Dabei sollte immer wieder berücksichtigt werden, dass Verhältnisprävention vor Verhaltensprävention geht.

 Doch nicht nur die arbeitswissenschaftliche Weiterentwicklung ist von Bedeutung, sondern auch das Überschreiten der Disziplingrenzen. Die Arbeitswissenschaft in Deutschland hat vor ca. 30 Jahren den Weg zu einem an Zielhierarchien orientierten Ebenenmodell vollzogen. Das erlaubt der Arbeitswissenschaft eine Arbeitsteilung und Standortbestimmung zwischen den kooperierenden Disziplinen. In der Dienstleistungswissenschaft steht dieser Entwicklungsprozess in Deutschland noch am Anfang. Während in Deutschland vielfach noch über Forschung in der (volkswirtschaftlich definierten) Dienstleistungsökonomie nachgedacht wird, wird im internationalen Raum schon das Konzept der „Service Science“ diskutiert. Doch mit dem Oberkasseler Manifest werden auch in Deutschland Beiträge zur Entwicklung einer Service Science geleistet.. Dabei bietet sich in der deutschen Wissenschaftslandschaft die Chance der Verbindung von Arbeits- und Dienstleistungswissenschaft.  Diese Verbindung ist nicht nur wissenschaftlich sinnvoll, indem die Trennung zwischen informatikzentrierter und sozialwissenschaftlicher Dienstleistungsforschung aufgehoben wird. Die Beziehung zwischen Dienstleistungs- und Arbeitswissenschaft kann auch einen engeren Zusammenhang zwischen Konzeption und Leistung  eines  Dienstleistungsangebotes sowie dem  Wohlbefinden  der  die  Dienstleistung erfüllenden Menschen herstellen.

Die Frühjahrstagung findet vom 21.02.-23.02.2018 am FOM Hochschulzentrum Frankfurt a. Main statt.

G.Ernst Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ein Neues Lied – das Motiv

Ich habe ein Neues Lied gefordert. Ich bin kein Komponist, ich kann höchstens das Motiv denken. Ich glaube nicht, dass Beethoven von der Gesamtheit der 5. Sinfonie auf die vier Töne – drei Achtel und ein Halbe Note - gekommen ist. Ich glaube, zuerst ging ihm das Motiv im Kopf herum und darauf baute die Fünfte auf.

Welches Motiv hat dann mein Neues Lied? Es sind die bekannten Wünsche der arbeitenden Menschen.

Die meisten Menschen wollen “Sorgenfrei leben können”. Andere sind bereit, “Wohlstand hart <zu>erarbeiten” und wünschen die “Balance <von > Arbeit und Leben” Andere suchen “Sinn außerhalb der Arbeit”, wiederum andere wollen in einer “Starken Solidargemeinschaft” leben. Einige wollen auch “Engagiert Höchstleistung erzielen” und “Sich selbst verwirklichen”. Aber alle stehen Flexibilisierung und Digitalisierung negativ gegenüber. Fast die Hälfte der Bevölkerung erwartet negative Veränderungen unserer Arbeitswelt. Die Geschwindigkeit der Digitalisierung fördert Abstiegsängste. 81% der Menschen befürchten, dass durch die technologische Entwicklung immer mehr Menschen abgehängt werden.

Und was bietet die Politik? Auch wenn mit dem Weissbuch „Arbeiten 4.0“ ein neues Konzept der Arbeitspolitik angegangen wurde, bleibt weiterhin die Wertschöpfung und Produktivität an erster Stelle; erst dann kommen Kompetenzerwerb und individuelle Selbstbestimmung. Vieles andere sind alte Konzepte in immer neuen Werbeverpackungen: Politik unterstützt weiterhin Flexibilisierung und Digitalisierung, treibt immer weiter menschenferne Technologieforschung voran und bietet dem Gerede über Massenarbeitslosigkeit durch Computer keinen Gegenpart. Sie zeigt außer dem Konzept der Daueranpassung (sprich „Lebenslang lernen“) keine Zukunftsperspektive.

Dar Motiv des Neuen Liedes ist die konsequente Konzentration bei der Gestaltung von Arbeit und Leben auf die Interessen der Menschen. „Wirtschaft muss dem Menschen dienen“ ist festes Gedankengut großer Gruppen in Deutschland.

Die Entwicklung des Motivs darf nicht den angsteinflößenden technologischen und wettbewerbsorientierten Weg beschreiten, sondern einen Weg der humanen Gestaltung von Arbeit und Leben eingeschlagen. Dabei können durchaus auch Disharmonien auftreten; denn erzwungene Harmonien in Form neuer sozialen Kompromisse klingen in den Ohren der arbeitenden Menschen nach neuen Zumutungen. In der Grundschwingung muss die Geltung der Grundwerte des sozialen und demokratischen Rechtsstaates um ihrer selbst willen vorhanden sein. Mächtig muss klingen, dass nicht der Mensch der Produktion, sondern diese dem Menschen zu dienen hat. Das Erleben von Sicherheit und Solidarität bestimmt die Klangfarbe. Erst wenn das gelungen ist, kann erwartet werden, dass das Lied von der humanen Gestaltung von Arbeit und Leben im Einklang mit dem Lied Wettbewerbsfähigkeit sein wird.

Natürlich hat das Motiv auch einzelne Noten, unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Wertigkeit:

  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert Technologie, aber eine andere: Menschen brauchen technische Produkte zum Abbau von Schicht-, Nachtarbeit und irregulärer Arbeit! Produkte zum Abbau psychischer Belastung und Beanspruchung! Produkte zur Verbesserung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Auch Automatisierung ist notwendig, aber so, dass Gute Arbeit und Gute Dienstleistungen entstehen, und niemand das Gefühl hat, immer weiter an den Rand gedrängt zu werden.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert neue Organisationskonzepte, nämlich solche, die den Menschen Sicherheit bieten, eine Balance zwischen Stabilität und Flexibilität erreichen, und die Menschen nicht in die Unplanbarkeit ihres Lebens und ihrer Lebensumgebung stürzen.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert neue Lern- und Bildungskonzepte. Solidarität auch in einer Welt der sogenannten Social Media muss zu einem der wichtigsten Ziele gehören, nicht die Beherrschung gerade en vogue seiender Technologien. Lernen im Prozess der Arbeit muss die Grundlage für ein lebenslanges Lernen werden.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert auch neue Konzepte des Zusammenwirkens der abhängigen, entfremdeten (Lohn)Arbeit mit einer frei zu gestaltenden Zeit. Nicht wie heute, wo unter dem Schlagwort der Flexibilität der „Krake Lohnarbeit“ sich immer weiter in die Freie Zeit hineinfrisst.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert eine Gestaltung für alle Menschen, die in Deutschland leben. Aufgrund des demographischen Wandels werden sich die Sozialstrukturen der Erwerbstätigen erneut verändern. Das wird mit erheblichen Auswirkungen auf die Zusammensetzung betrieblicher Beleg­schaften verbunden sein.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben war schon immer eine europäische Aufgabe. Diese Ansätze müssen in die neuen Ansätze einbezogen werden und mit neuem Leben erfüllt werden.
  • Nicht nur Arbeits-, Bildungs- und Forschungspolitik sind gefordert. Der Kreativität für die humane Gestaltung von Arbeit und Leben sollte die gleiche Unterstützung zukommen wie der nicht auf Menschen orientierten technologischen Entwicklung.

Ein Motiv zu denken ist eines, es auszuarbeiten und eine gesamte Sinfonie daraus zu machen, erfordert Arbeit und Kreativität, aber auch Mut und Zuversicht vieler. Natürlich wird die konsequente Beachtung der Interessen von Menschen mit den Interessen der Wirtschaft kollidieren. Natürlich wird ein Großteil der technologieorientierten Wissenschaft die Unmöglichkeit eines solches Vorgehens propagieren. Angesichts der Ansichten des amerikanischen Präsidenten wagt zwar niemand mehr zu sagen, die Globalisierung lasse eine bestimmte Lösung nicht zu, aber denken tun dies viele. Doch ein Neues Lied muss angesichts der Unruhe der arbeitenden Menschen gesungen werden. Ein Neues Lied muss dazu beitragen, erneut zu lernen, dass Wirtschaft kein Selbstzweck oder ein Bereichern von Einzelnen ist, sondern zur Qualität des Lebens und zur Fortentwicklung einer Gesellschaft dienen muss.

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