Leben, Arbeit, Digitalisierung

Günter Neubauer hat darauf gedrungen, unseren Verein „Humane Gestaltung von Arbeit und Leben“ zu nennen. Leider kommt die Verbindung der beiden Bereiche in der heutigen Arbeitsforschung viel zu kurz. Wenn sie denn behandelt wird unter dem doch sehr schillernden Begriff „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Aber die digitale Transformation verlangt mehr als das.

Einer der ältesten Forschungslinien, „Lernen im Prozess der Arbeit“, ist sehr zurückgeschnitten worden, nämlich auf die Frage, wie kann ein Beschäftigter sich durch Bildungsmassnahmen innerhalb der Arbeitszeit auf die Digitaliserung einrichten. Dabei ist Lernen im Prozess der Arbeit ein Teil der Entwicklung der Persönlichkeit! Lernen im Prozess der Arbeit kann unterschiedliche Formen haben: Beschäftigte können für Anforderungen sensibilisiert werden, sie können Handlungselemente automatisieren, sie können bewältigte Anforderungen begrifflich und emotional fassen („Stolz“). Die Anforderungsbewältigung kann zu einem Ausgangspunkt der intellektuellen Durchdringung der Arbeitsaufgabe werden. Die beschriebenen Wirkungen hängen von der Arbeitsaufgabe ab. Und zwar in beide Richtungen, in eine negative der gesundheitlichen Gefährdungen und des psychischen Abstumpfens oder in eine positive Richtung der Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur bei den intellektuellen Leistungen, den Einstellungen und der Motivation sowie der emotionalen Stabilität.

Aber neben diesem klassischen Konzept gibt es auch neuere: das von der BAuA untersuchte Konzept des „Detachments“ (Wendsche und Lohmann-Haislah, 2017) und der vom Projekt FiSNET untersuchte Übergang aus dem Erwerbsleben in das „Nichterwerbsleben“.

Schon vor über fünfzig Jahren fiel bei Untersuchungen zur Belastung und Beanspruchung von Fluglotsen auf, dass physiologische Beanspruchungsparameter schon vor der Arbeit, also vor der Belastung, einen Anstieg zeigten. Die Fluglotsen nahmen die Belastungen vorweg. Diese Erfahrung führt der Detachment-Ansatz weiter: Detachment ist die individuelle Wahrnehmung des Beschäftigten, von der Arbeit entfernt zu sein. Ein geringes Detachment ist mit höheren Beanspruchungsfolgen verbunden. Umgangssprachlich: ich arbeite im Kopf weiter, bleibe angespannt und versuche unerledigte Aufgaben in der Freizeit zu erledigen, d.h. die Arbeitsbelastung wirkt fort. Das Arbeiten während der eigentlichen Ruhezeit ist verbunden mit höheren Arbeitsanforderungen, mit geringerem Abschalten und damit mit mehr Belastung. Ein Ergebnis, dass im Umgang mit „flexiblen Arbeitszeiten“, die die Arbeit räumlich und zeitlich entgrenzen, zur Vorsicht mahnt.

„Der Altersübergang als Neuarrangement von Arbeit und Leben“, der Ansatz des FISNET Vorhabens (Schneider und Stadelbacher, 2019), zeigt eine andere Sicht auf die Veränderungen im Erwerbsleben auf. Alter nicht mehr als Zeitablauf, sondern als gesellschaftliche Konstruktion mit unterschiedlichsten Facetten. „Menschen werden immer in einem gesellschaftlichen Kontext alt gemacht“ (a.a.O, S3) und Lohnarbeit spielt in diesem gesellschaftlichen Konstrukt eine besondere Rolle. Beim Altersübergang zeigt sich sehr deutlich, dass Menschen ihre Identität fast nur noch über die Lohnarbeit definieren. Dabei geht es nicht allein um die Frage der finanziellen Sicherheit, oder gar der notwendigen Dienstleistungen im Alter. Es geht also nicht um ein Arrangieren mit dem eigenen Älterwerden, sondern ähnlich wie beim Übergang vom schulischen Leben in das Erwerbsleben um die Frage, welche Lebenslage wähle ich; denn Alter kann auch als „Gewinnen neuer Freiheiten“ gesellschaftlich konstruiert werden. Kistler und Wiegel widmen sich leider nur dem Thema „Altern als Frage der Sozialen Ungleichheit“ (S. 9). Auch zu früheren Lebensabschnitten herrschten soziale Ungleichheiten und es gab immer wieder Auseinandersetzungen zur Veränderung. Alter ist eben nicht nur das Ernten der Früchte der Lebensarbeit, sondern auch immer wieder der Kampf um die eigenen Lebenskonzepte. Wenn ich im Lohnarbeitsleben diesen Kampf nicht gelernt habe, laufe ich Gefahr in einer späteren Lebensphase keine Ressourcen, seien es materielle oder geistige zu besitzen. Dieses „Neuarrangement von Arbeit und Leben“ ist des Schweiss der Alten und Jungen wert.

Schneider, Werner; Stadelbacher, Stephanie: Der Altersübergang als Neuarrangement von Arbeit und Leben Kooperative Dienstleistungen für das Alter(n) in Vielfalt, Springer Verlag (2019)

Wendsche, Johannes; Lohmann-Haislah, Andrea: Detachement als Bindeglied zwischen psychischen Arbeitsanforderungen und ermüdungsrelevanten psychischen Belastungsfolgen: eine Metaanalyse, Z.Arb.Wiss., S. 52-70 (Schwerpunktheft: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt (2017)

Für Ursula – Zukunftsfähig heißt über Misserfolge nachzudenken

Ursula Zahn-Elliott ist aus dem Berufsleben ausgeschieden und auf der Tagung „Arbeitswelten der Zukunft“ wurde an ihre fast 10-jährige Tätigkeit für „Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen“ erinnert. Vorgetragen wurde die Würdigung von einem namhaften Arbeitsforscher. Leider stützt sich die Würdigung in der Hauptsache auf die ERFOLGE der Dienstleistungsforschung. Es wäre besser gewesen, der Vortragende hätte sich mit dem Scheitern einer Initiative auseinandergesetzt, die Ursula Zahn-Elliott sehr am Herzen lag: des Wettbewerbes „Zukunftsfähige Arbeitsforschung“.

Anfang des Jahrtausends machte Ursula Zahn-Elliot das Rahmenkonzept „Innovative Arbeitsgestaltung – Zukunft der Arbeit“ bekannt. Damit war der seit 1998 dauernde Ablösungsprozess des Programms „Arbeit und Technik“ beendet. Neben den „üblichen“ Bekanntmachungen wie „Arbeitsgestaltung im E-Business“, „Arbeitsgestaltung in Virtuellen Unternehmen“ und „Innovationsförderliche Unternehmenskultur und Milieus“ war Ursula Zahn-Elliott besonders der „Wettbewerb Zukunftsfähige  Arbeitsforschung“ wichtig.

Warum? Es ging hier nicht um ein einzelnes Problem der Arbeitsgestaltung, sondern es ging um den zentralen Bestandteil des Systems der Innovationsfähigkeit, um Neues Denken in Arbeitswissenschaft und -forschung. Die Arbeitswissenschaft und -forschung sollten zu einem Selbstinnovationsprozess angeregt werden. Das erste Scheitern bestand darin, den Begriff der Arbeitsforschung benutzen zu müssen; leider – so mussten die Autoren 2005 (Verbundprojekt (Hg.): Zukunftsfähige Arbeitsforschung - Arbeit neu denken, erforschen, gestalten; Eigenverlag, ISBN-Nummer 3-00-015908-8) feststellen – hat sich trotz aller Anstrengungen seit den 1970er Jahren nicht durchgesetzt, dass sich die mit Arbeit befassten Disziplinen als Teile einer integrativen Arbeitswissenschaft verstehen. Das zweite Scheitern bestand darin, dass die Arbeitsforschung nicht im Stande war, der „rasant steigenden Gier“ nach schnellem Erfolg entgegenzuwirken. Die Gier nach schnellem Erfolg macht kurzsichtig, verhindert Qualität und bedeutet auf mittlere Sicht eine Erniedrigung von Wissenschaft und Forschung zur Unternehmensberatung. Die Zukunftsfähige Arbeitsforschung hat die Fähigkeit zur Weitsicht selbst nicht entwickeln können und auch die anderen Disziplinen nicht dazu ermuntern können. Zukunftsfähige Arbeitsforschung hat als drittes das Ziel nicht erreicht, den dauernden Druck auf die arbeitenden Menschen zu nehmen. Damit konnte sie auch keine Arbeitskonzeptionen schaffen, die dem Verlust der Persönlichkeit der Beschäftigten entgegenwirken.

Selten hat die politische Leitung eines Programms den Mut aufgebracht, das Wissenschaftssystem zur Selbstinnovation aufzurufen. Die perfekt organisierte und weltweit vernetzte Tagung fast 20 Jahre nach dem Wettbewerb zeigte, Wissenschaft und Forschung leiden bis heute darunter, dass sie diese Chance nicht ausreichend genutzt  haben. Wenn die eine Disziplin über Arbeitszeit redet, ohne die arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zu kennen, und die andere über Serviceroboter spricht, ohne den technischen Entwicklungsstand zu kennen, wenn „Kompetenz“, „Lernen“, „Fähigkeit“, „Weiterbildung“ von Sprechern unterschiedlicher Disziplinen irgendwie synonym gebraucht werden, wenn hanebüchene Statistiken vorgestellt werden, dann zeigt sich, dass Ursula Zahn-Elliott auch heute noch richtig liegen würde, wenn sie eine Zukunftsfähige Arbeitsforschung auf den Weg bringen wollte.

Revolution vs. Transformation – Sichtweisen der Digitalisierung

Vor ein paar Wochen war ich bei einer Veranstaltung des Fraunhofer Institutes für Experimentelle Softwareentwicklung. Einer der Direktoren, Prof. Dr. Dieter Rombach, sprach dort über die Digitale Transformation. Also nicht über die 4. Revolution, sondern über Transformation. Ich fand das recht interessant und begann dann mal über die „Industrielle Revolution“ nachzudenken. Es gibt diese Revolution im Sinne der Disruption nämlich gar nicht. Schaut man in WIKIPEDIA nach, so handelt es sich um eine Umgestaltung (so das deutsche Wort für Transformation), die die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse betraf und sich über mindestens 150 Jahre hinzog. Die zweite, dritte und vierte Revolution können wir uns sparen. Sie sind nichts als Sprünge in dem Transformationsprozess von einer Agrar- zur Industriegesellschaft. Kern der industriellen Transformation war die Entwicklung der Kraft: weg von tierischer oder natürlicher (z.B. Wasserkraft) hin zur Maschine in unterschiedlichsten Formen und zur Elektrizität.

In meinen Augen hat Bell die Bedeutung der Mikroelektronik im Rahmen einer neuen Transformationslinie nicht erkannt, wenn er sie als technologischen Kern einer neuen Stufe der Industriellen Transformation bezeichnet. Es handelte sich eher um den Beginn der Digitalen Transformation, also einer Entwicklung, bei der nicht die „Kraft“ sondern die „Daten“ Gegenstand sind.

Deutlich wurde die Digitale Transformation mit der breiten Einführung der Computer in Büro und Verwaltung vor ca. 40 Jahren. Klassische „Frauenarbeitsplätze“ wie Sekretärin und Schreibkraft wandelten sich in kurzen Zeit. „One Face to the Customer“ wurde machbar und damit der Grundstein der Customer Service Center gelegt. Ebenso begann in den 80er Jahren die Anwendung der Roboter, allerdings auch mit großen Misserfolgen verknüpft. Der Traum der „Menschenlosen Fabrik“ war gescheitert.  Anfang der 90er Jahre folgten die Datenbanktechnologien mit den ersten Befürchtungen von „Gläsernen Menschen“. Mitte der 90er Jahre begann die Vernetzung mit dem Internet, das sich ins Internet der Dinge erweiterte und bald darauf in die Big Data Analysen überging.  Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und Smart Services waren die entsprechenden wirtschaftlichen Konzepte. Im Moment stehen wir am Beginn der Anwendung Künstlicher Intelligenz und erreichen damit einen neuen Sprung der Transformation. KI als Grundlage für Entscheidungen, sei es im Management eines Unternehmens, sei es als Arzt; KI als Grundlage von Assisstenzsystemen z.B. bei Rechtsanwälten, aber auch KI, die kontrolliert und ermahnt, sieht Sylvia Kuba als mögliche Anwendungsformen (https://awblog.at/kuenstliche-intelligenz-am-arbeitsplatz/) im Arbeitsleben.

Revolution hat den Klang es Unabwendbaren, sie bricht über eine Gesellschaft herein. Transformation hat den Klag der Gestaltungsmöglichkeiten. Verschiedene Wege sind gangbar, aber es kann auch Krisen geben, wenn die Gestaltung versagt. Transformation ist allerdings auch ein langandauernder Prozess, der einen langen Atem und viel Motivation benötigt. Die Sicht als Transformationsprozess macht auch deutlich, dass wir weitere Veränderungen erwarten müssen. Wir werden uns nicht zur Ruhe setzen können.

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Digitale Transformation in den Personenbezogenen Dienstleistungen – das Beispiel Sozialwirtschaft

Am 6.11. besuchte ich die Jahrestagung des Instituts für Technologie und Arbeit in Kaiserslautern. Ein wesentlicher Punkt der Tagung war die Arbeit in der Sozialwirtschaft ( Unterlagen hier: https://www.ita-kl.de/veranstaltungen/veranstaltung-detail-in-german-only.html?no_cache=1&tx_itaextension_pi1%5BshowUid%5D=53 ). Eine sehr interessante Tagung zu einem wenig beachteten Teil der Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen.

Zur Sozialwirtschaft zählen Betriebe und Organisationen, die soziale Dienstleistungen im Bereich des Sozialen (z.B. Hospiz- und Palliativeinrichtungen bzw. -angebote, Schwangerschafts-, Erziehungs-, Sucht- und Schuldnerberatung, Schulsozialarbeit), in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, in Behinderteneinrichtungen, Werkstätten für Behinderte, ambulanten und stationäre Pflegediensten etc. anbieten. Als Teil des Dienstleistungssektors erbringt sie Leistungen für und mit Menschen zum Nutzen der Gesellschaft. Sozialwirtschaftliches Handeln adressiert daher nicht nur die ökonomische, sondern gleichzeitig auch die soziale Dimension. Grundsätzlich kann man die Sozialwirtschaft zu den Bereichen rechnen, die von Personenbezogenen Dienstleistungen bestimmt werden. Trotz seiner Bedeutung ist dieser Bereich in der Dienstleistungsforschung recht unterbelichtet.

Ähnlich wie die Industrielle Transformation verläuft die Digitale Transformation nicht kontinuierlich, sondern in Entwicklungssprüngen im Bereich der Technologien (bspw. Künstliche Intelligenz – KI, Robotik, Quantencomputer), Infrastrukturen (z.B. 5G, Distributed-Ledger-Technologie auf Basis der Blockchain) oder Geschäftsmodellen (bspw. Sharing Ansätze, Crowd Sourcing, Smart Contracting). Die Digitale Transformation mit ihren Entwicklungssprüngen bewirkt einen hohen Veränderungsdruck auf Organisationen und die Beschäftigten in der Sozialwirtschaft. Gleichzeitig erleben aber auch die Klienten einen digitalen Wandel in ihren jeweiligen Lebenswelten, mit Potenzialen (bspw. neue Zugänge zu bzw. Möglichkeiten der Ansprache für bestimmte / vulnerable Gruppen) wie auch Herausforderungen (bspw. Computer-/Spielsucht) für die Interaktionsarbeit.

Die Interaktionsarbeit in der Sozialwirtschaft ist zu großen Teilen – nach der Klassifizierung von Hacker - personenverändernde dialogische Interaktionsarbeit. Der „Customer“ ist Partner im Dienstleistungsgeschehen zum Zweck seiner Selbstveränderung. Ohne die „Koproduktion“ ist in der diesem Typ der Interaktionsarbeit keine Selbstveränderung möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass die „Kooperationsbedingungen“ erst im Verlauf der Interaktionen konkretisiert werden. Der Dienstleistungsprozess ist weit unbestimmter als z.B. in einem Kaufprozess.

Wie bei vielen Personenbezogenen Dienstleistungen ist der Kunde als Klient/Hilfeberechtigter in der Sozialwirtschaft zwar Dienstleistungsempfänger, nicht aber auch Zahler/Käufer der Dienstleistung (meist staatliche Refinanzierung im sog. sozialrechtlichen Dreiecksverhältnis). Die Entwicklung von Geschäftsmodellen, die Bewerbung von (neuen) Angeboten, die Kundenansprache und Kundenbindung wie auch die Interaktion zwischen Leistungserbringern und Leistungsempfängern sowie deren Angehörigen / sozialem Umfeld bzw. Gefüge etc. folgen daher spezifischen Gesetzmäßigkeiten, die es bei der Gestaltung der Dienstleistungssysteme zu berücksichtigen gilt.

Per Anhalter durch die Digitalisierung - KEINE PANIK

„Fortschritt macht arbeitslos“ – „Uns steht eine Katastrophe bevor“ und „Elektronische Bausteine bedrohen Millionen von Arbeitsplätzen in Industrie und Dienstleistungsgewerbe.“ „Weder Regierung noch Gewerkschaften wissen, wie sie die Folgen des Fortschritts unter Kontrolle bringen können.“ „Computer können die meisten Jobs der meisten Menschen für die meiste Zeit ersetzen. Das ist keine Science-Fiction-Vision, sondern eine realistische Annahme für die Jahrtausendwende. Die Expertinnen und Experten sind in zwei Lager gespalten. Die einen behaupten, dass die Flut schnell ansteigt und in 20 Jahren 80 Prozent der Arbeitsplätze vernichtet. Verlierer sind dabei die traditionellen Facharbeiterberufe. Den Kollegen in den Büros und Verwaltungen, in Banken und Versicherungen ergeht es keinesfalls besser. Die bisher privilegierten Angestellten (..) sind gefährdet wie nie zuvor.“ „Der (..) Karlsruher Professor Karl Steinbuch prognostizierte unlängst vier Entwicklungslinien, auf die sich die Arbeitnehmer auszurichten haben:

* Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze nimmt ab.
* Die Zahl der wenig qualifizierten Arbeitsplätze nimmt besonders rasch ab.
* Die Zahl der Hochqualifizierten nimmt kaum ab, und
* die Anforderungen an die Höchstqualifizierten steigen ständig.“

 

Gemeint in den obigen Zitaten mit „Jahrtausendwende“ ist die Wende vom 20. zum 21.Jahrhundert und mit „in zwanzig Jahren“ ist das Ende der 1990er Jahre gemeint. Überschrift und Zitate stammen aus „Der Spiegel“ vom 17.04.1978[1]. Um 2010 beginnt die große Debatte um die Digitalisierung und wiederum wird das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit durch die Medien gejagt, allen voran vom Spiegel: „Die Jobfresser kommen - Roboter, Automatisierung, künstliche Intelligenz: Maschinen werden Millionen unserer Jobs übernehmen.“ (Spiegel Online vom 2.8.2016[2]). Insgesamt scheint sich in der Medienszene in Deutschland seit einem halben Jahrhundert der Trend zu halten, jede technologische Veränderung mit einer Angst auslösenden Berichterstattung zu begleiten. Man könnte lange darüber nachsinnen, warum dies so ist. Ist es die Notwendigkeit der Erhöhung der Auflage, ist es die Kapitalabhängigkeit der Presse oder ist es einfach Dummheit. Ich weiss es nicht.

Jenseits der mangelhaften journalistischen Aufarbeitung des Einflusses neuer Techniken gibt es fundierte Ansätze, wenn es sich um Beschäftigung, Beschäftigungsstruktur und Qualifikation und Kompetenz in der Zukunft handelt. Für die Dienstleistungen besonders wichtig ist die Studie „Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie. Szenario-Rechnungen im Rahmen der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen[3]“. Es ist eine Simulationsstudie, die auf bestimmten Modellannahmen beruht. Zentral ist, dass eine Wirtschaft 4.0 den Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen beschleunigen und der Traum einer beschäftigungspolitischen Renaissance von Industrie 4.0 sich nicht erfüllen wird. Allerdings sind die Veränderungen im Charakter der Arbeitswelt zwischen Branchen, Berufen und Anforderungsniveaus weitaus größer als die quantitativen Veränderungen. Bezogen auf das Jahr 2025 zeigt der Vergleich zwischen einer vollständig digitalisierten Arbeitswelt und einer Arbeitswelt mit bisherigem Entwicklungspfad, dass die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Gesamtniveau der Arbeitsnachfrage mit minus 30.000 Arbeitsplätzen relativ gering ausfallen. Allerdings stehen dabei 1,5 Millionen wegfallenden Arbeitsplätzen etwa die gleiche Anzahl neuer Arbeitsplätze gegenüber, die in der Basisprojektion noch nicht vorhanden waren. Der Verlust an Beschäftigung (trotz höherer Wertschöpfung!) im Produzierenden Gewerbe wird vor allem durch die Branchen „Information und Kommunikation“ und „Erziehung und Unterricht“ aufgefangen.

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollten nicht presse- und panikgeleitet in die Zukunft blicken, sondern auf Basis von nachvollziehbaren Daten kompetent und sachorientiert an der Gestaltung der Zukunft mitwirken.

 [1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40615677.html

[2] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmarkt-der-zukunft-die-jobfresser-kommen-a-1105032.html

[3] Wolter, Marc Ingo; et al., : Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie - Szenario-Rechnungen im Rahmen der  BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen, IAB Forschungsbericht 13/2016 (2016),

 

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