Wohlbefinden und Leistung - Aufgabe von Arbeits- und Dienstleistungswissenschaft

Der von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft und der Friedrich-Ebert-Stiftung getragene Arbeitskreis „Dienstleistungen“ diskutierte auf seiner letzten Sitzung die Ausrichtung der zukünftigen Dienstleistungsforschung. Ein wesentlicher Punkt, zu dem der ehemalige Präsident der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft Prof. Ralph Bruder den Input gab, war das Zusammenarbeiten von Dienstleistungs- und Arbeitswissenschaft.

Es wurde in der Diskussion schnell deutlich, dass die heutige Dienstleistungsforschung den engen Zusammenhang zwischen der Gestaltung eines Dienstleistungsangebotes und dem Wohlbefinden der die Dienstleistung erfüllenden Menschen noch nicht herstellen kann. Hierzu bedarf es aber nicht nur Anstrengungen der Dienstleistungsforschung, sondern auch einer Arbeitswissenschaft, die eine stärkere Orientierung auf die Dienstleistungen aufbauen muss. Die beiden Disziplinen müssen sich von Anfang an der Frage stellen, welche technischen Lösungen zu einer Steigerung von Wohlbefinden (der Arbeitenden und der „Customer“) sowie zu einer Steigerung der Leistung führen. Nicht das technisch-mögliche ist das Ziel, sondern das auf diesen beiden Gebieten erfolgreiche.

Wohlbefinden und Leistung können (aber nicht müssen) durch Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen erhöht werden.  Die Flexibilisierung von Arbeitszeit  und Arbeitsort  kann  unternehmerisch  notwendig  sein,  aber  auch  von  Beschäftigten  gewünscht werden. Hierbei lehren gerade die Ergebnisse der Arbeitswissenschaft und der Gesundheitsforschung, dass das Risiko langfristiger Schädigungen durch die Betroffenen völlig unterschätzt wird. Dies betrifft die Risiken psychischer Belastungen, der Belastungen durch Nacht- und Schichtarbeit u.ä. Der Umgang mit flexiblen Arbeitsformen muss gelernt werden und muss auch entsprechende Regeln besitzen.

Das Wohlbefinden der Beschäftigten kann auch durch die Kundenerwartungen gefährdet werden. Der Zusammenhang  zwischen  Kundenerwartungen  und  den  sich daraus  ergebenden  Arbeitsbedingungen muss stärker  zu  einem  Thema  in  der arbeitswissenschaftlichen Dienstleistungsforschung werden. Stichworte sind hier Wochenend-/Schichtarbeit, Bereitschaftsdienste, Termin- und Leistungsdruck aber auch Fragen der Mitbestimmung. Aber es geht auch darum, dass die negativen Konsequenzen der Kundenwünsche auf Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastung transparent und öffentlich diskutiert werden, um eine gesellschaftliche Akzeptanz  von  menschengerechten  Arbeitsbedingungen  in  Dienstleistungsberufen  herzustellen (aktuell: Sonntagsarbeit im Handel).  Hier ist auch eine Aufgabe der Verbraucherverbände zu sehen, denen das Thema der Dienstleistungsforschung in Verbindung mit Verbraucherinteressen noch fremd ist

Es war in der Diskussion sehr deutlich, dass eine Verbindung von „Wohlbefinden und Leistung“ akzeptiert wird, wobei natürlich die bekannten Fronten leicht aufbrechen können.  Die Kooperation zwischen Dienstleistungsforschung und Arbeitswissenschaft bedarf weiterer Klärung, wobei auch in Richtung einer Service Science gedacht werden kann.

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Ein Neues Lied – das Motiv

Ich habe ein Neues Lied gefordert. Ich bin kein Komponist, ich kann höchstens das Motiv denken. Ich glaube nicht, dass Beethoven von der Gesamtheit der 5. Sinfonie auf die vier Töne – drei Achtel und ein Halbe Note - gekommen ist. Ich glaube, zuerst ging ihm das Motiv im Kopf herum und darauf baute die Fünfte auf.

Welches Motiv hat dann mein Neues Lied? Es sind die bekannten Wünsche der arbeitenden Menschen.

Die meisten Menschen wollen “Sorgenfrei leben können”. Andere sind bereit, “Wohlstand hart <zu>erarbeiten” und wünschen die “Balance <von > Arbeit und Leben” Andere suchen “Sinn außerhalb der Arbeit”, wiederum andere wollen in einer “Starken Solidargemeinschaft” leben. Einige wollen auch “Engagiert Höchstleistung erzielen” und “Sich selbst verwirklichen”. Aber alle stehen Flexibilisierung und Digitalisierung negativ gegenüber. Fast die Hälfte der Bevölkerung erwartet negative Veränderungen unserer Arbeitswelt. Die Geschwindigkeit der Digitalisierung fördert Abstiegsängste. 81% der Menschen befürchten, dass durch die technologische Entwicklung immer mehr Menschen abgehängt werden.

Und was bietet die Politik? Auch wenn mit dem Weissbuch „Arbeiten 4.0“ ein neues Konzept der Arbeitspolitik angegangen wurde, bleibt weiterhin die Wertschöpfung und Produktivität an erster Stelle; erst dann kommen Kompetenzerwerb und individuelle Selbstbestimmung. Vieles andere sind alte Konzepte in immer neuen Werbeverpackungen: Politik unterstützt weiterhin Flexibilisierung und Digitalisierung, treibt immer weiter menschenferne Technologieforschung voran und bietet dem Gerede über Massenarbeitslosigkeit durch Computer keinen Gegenpart. Sie zeigt außer dem Konzept der Daueranpassung (sprich „Lebenslang lernen“) keine Zukunftsperspektive.

Dar Motiv des Neuen Liedes ist die konsequente Konzentration bei der Gestaltung von Arbeit und Leben auf die Interessen der Menschen. „Wirtschaft muss dem Menschen dienen“ ist festes Gedankengut großer Gruppen in Deutschland.

Die Entwicklung des Motivs darf nicht den angsteinflößenden technologischen und wettbewerbsorientierten Weg beschreiten, sondern einen Weg der humanen Gestaltung von Arbeit und Leben eingeschlagen. Dabei können durchaus auch Disharmonien auftreten; denn erzwungene Harmonien in Form neuer sozialen Kompromisse klingen in den Ohren der arbeitenden Menschen nach neuen Zumutungen. In der Grundschwingung muss die Geltung der Grundwerte des sozialen und demokratischen Rechtsstaates um ihrer selbst willen vorhanden sein. Mächtig muss klingen, dass nicht der Mensch der Produktion, sondern diese dem Menschen zu dienen hat. Das Erleben von Sicherheit und Solidarität bestimmt die Klangfarbe. Erst wenn das gelungen ist, kann erwartet werden, dass das Lied von der humanen Gestaltung von Arbeit und Leben im Einklang mit dem Lied Wettbewerbsfähigkeit sein wird.

Natürlich hat das Motiv auch einzelne Noten, unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Wertigkeit:

  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert Technologie, aber eine andere: Menschen brauchen technische Produkte zum Abbau von Schicht-, Nachtarbeit und irregulärer Arbeit! Produkte zum Abbau psychischer Belastung und Beanspruchung! Produkte zur Verbesserung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Auch Automatisierung ist notwendig, aber so, dass Gute Arbeit und Gute Dienstleistungen entstehen, und niemand das Gefühl hat, immer weiter an den Rand gedrängt zu werden.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert neue Organisationskonzepte, nämlich solche, die den Menschen Sicherheit bieten, eine Balance zwischen Stabilität und Flexibilität erreichen, und die Menschen nicht in die Unplanbarkeit ihres Lebens und ihrer Lebensumgebung stürzen.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert neue Lern- und Bildungskonzepte. Solidarität auch in einer Welt der sogenannten Social Media muss zu einem der wichtigsten Ziele gehören, nicht die Beherrschung gerade en vogue seiender Technologien. Lernen im Prozess der Arbeit muss die Grundlage für ein lebenslanges Lernen werden.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert auch neue Konzepte des Zusammenwirkens der abhängigen, entfremdeten (Lohn)Arbeit mit einer frei zu gestaltenden Zeit. Nicht wie heute, wo unter dem Schlagwort der Flexibilität der „Krake Lohnarbeit“ sich immer weiter in die Freie Zeit hineinfrisst.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben erfordert eine Gestaltung für alle Menschen, die in Deutschland leben. Aufgrund des demographischen Wandels werden sich die Sozialstrukturen der Erwerbstätigen erneut verändern. Das wird mit erheblichen Auswirkungen auf die Zusammensetzung betrieblicher Beleg­schaften verbunden sein.
  • Humane Gestaltung von Arbeit und Leben war schon immer eine europäische Aufgabe. Diese Ansätze müssen in die neuen Ansätze einbezogen werden und mit neuem Leben erfüllt werden.
  • Nicht nur Arbeits-, Bildungs- und Forschungspolitik sind gefordert. Der Kreativität für die humane Gestaltung von Arbeit und Leben sollte die gleiche Unterstützung zukommen wie der nicht auf Menschen orientierten technologischen Entwicklung.

Ein Motiv zu denken ist eines, es auszuarbeiten und eine gesamte Sinfonie daraus zu machen, erfordert Arbeit und Kreativität, aber auch Mut und Zuversicht vieler. Natürlich wird die konsequente Beachtung der Interessen von Menschen mit den Interessen der Wirtschaft kollidieren. Natürlich wird ein Großteil der technologieorientierten Wissenschaft die Unmöglichkeit eines solches Vorgehens propagieren. Angesichts der Ansichten des amerikanischen Präsidenten wagt zwar niemand mehr zu sagen, die Globalisierung lasse eine bestimmte Lösung nicht zu, aber denken tun dies viele. Doch ein Neues Lied muss angesichts der Unruhe der arbeitenden Menschen gesungen werden. Ein Neues Lied muss dazu beitragen, erneut zu lernen, dass Wirtschaft kein Selbstzweck oder ein Bereichern von Einzelnen ist, sondern zur Qualität des Lebens und zur Fortentwicklung einer Gesellschaft dienen muss.

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Humanisierung braucht ein „Neues Lied“ - zur Gründung von „Humane Gestaltung von Arbeit und Leben“

Am 8.Februar ist in Bonn der Verein „Humane Gestaltung von Arbeit und Leben“ gegründet worden. Der Verein will in der Tradition der vielfältigen Bemühungen zur Humanisierung des Arbeitslebens stehen und die Debatte um die humane Gestaltung von Arbeit und Leben unterstützen und fortführen. Zur gleichen Zeit will er aber auch den Gedanken aufgreifen, Arbeit und Leben wieder miteinander zu verbinden; denn „Acht Stunden sind kein Tag.“ Tradition heisst für mich, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu vergleichen und darauf aufbauend ein „Neues Lied“ zu singen.

Als die Gewerkschaft ÖTV Ende der 80er Jahre in einer großen Tarifauseinandersetzung stand, sang der damalige SPD-Ministerpräsident Oskar LaFontaine das „Lied vom Teilen“[1] und fiel den deutschen Gewerkschaften – unter dem Beifall der Arbeitgeber – massiv in den Rücken. In einem 1989 veröffentlichten Buch sind nicht nur seine Thesen dargestellt, sondern auch andere, die sich mit „Humanisierung des Arbeitslebens“ und Gestaltung der Arbeitszeit beschäftigen.

„Aber zugleich eröffnen beide Wege – Arbeitszeitverkürzung und Humanisierung des Arbeitslebens – auch den Weg zu sinnvolleren, verantwortlichungsvolleren Rollen des Arbeitnehmers in einer solidarischen Gesellschaft. Immer weniger wird er auf seine für die Industriegesellschaft kennzeichnende traditionelle Daseinsspaltung verwiesen – einerseits Arbeitnehmer zu sein und andrerseits bloßer Privatmensch. Dazwischen erschliesst sich zunehmend ein Feld sozialer Aktivität und Verantwortung.

Und dies kann zugleich ganz neue Reserven sozialer Leistungsbereitschaft steigern. Soziale Dienstleistungen wie Kindererziehung, Altenpflege und Krankenbetreuung könnten in einem ins Gewicht fallenden Umfang in die kleinen Netze der Familie, des Freundeskreises und der Nachbarschaft zurückverlagert werden.“ (a.a.O., S.68)

Willy Brandt hat diese Sätze 1982 geschrieben, sie wurden in der Debatte um „Das Lied vom Teilen“ wieder aufgenommen. Diese Sätze sind in vielerlei Hinsicht interessant. Zunächst einmal spricht er von der Rolle des Arbeitnehmers in einer solidarischen Gesellschaft. Humanisierung also nicht als Hilfsorgan der Produktivitätssteigerung, sondern eine Grundlage der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dann versucht er diese gesellschaftliche Teilhabe als drittes Feld zwischen der Arbeitnehmerrolle und der Rolle als „bloßer Privatmensch“ zu beschreiben. „Bloßer Privatmensch“ ist das auf sich gestellte, nur sich sehende Individuum. Weder die Konzentration auf das eine noch auf das andere ist für Brandt erstrebenswert, sondern die Verbindung mit sozialer Aktivität und Verantwortung. Erstaunlich ist dann zunächst sein Rekurs auf die „sozialen Dienstleistungen“, die in die kleinen Netze, über die die Menschen selbst bestimmen können, zurückgeholt werden sollen. Er kommt im folgenden dann auch zur realen Mitbestimmung in allen Lebensbereichen.

Doch schauen wir uns unseren heutigen Stand an. Es gibt keine Arbeitszeitverkürzung mehr. „Das Lied vom Teilen“ hat seine Wirkung getan. Nachdem die Arbeitgeber wohl keine Verlängerung der Arbeitszeit (42 Wochenstunden bei den Beamten!) mehr erreichen können (aber sicher wollen: 6*8=48), durchlöchern sie – teilweise mit Zustimmung der Sozialdemokratie – die Grenze zum „bloßen Privatmenschen“. Ach ja, das dazwischenliegende Feld „sozialer Aktivität und Verantwortung“ ist inzwischen verwüstetes, von vielen aufgegebenes Feld. Die „kleinen Netze“ sind unter dem Einfluss der „social media“ (die ja nichts mit „sozial“ zu tun haben) verunstaltet und jeder versucht mit seinem Smartphone, Tablet, VR-Brille o.ä. sein bloßes Privatleben schön zu machen. In den Schulen ist es wichtiger Medienkompetenz zu erlernen als solidarisches Verhalten!

Interessant ist Brandts Haltung zu den „Sozialen Dienstleistungen“. Willy Brandt hier platte Frauenfeindlichkeit zu unterstellen ist etwas kurz; denn bei dem Anteil der männlichen Industriearbeitnehmer 1982 sind es eher die Männer, die in die „sozialen Dienstleistungen“ zurückgeholt werden sollen. Aber für Willy Brandt scheinen solche „sozialen Dienstleistungen“ etwas zu sein, dass sich substantiell von einem kapitalistischen (Arbeits)verhältnis unterscheidet. Auch hier sind wir heute weit weg von diesen Idealen. Noch können sich Staat und Gesellschaft gegen die Übernahme der Bildungsinstitutionen für Kinder und Jugendliche wehren. Bei den Universitäten haben die Privatuniversitäten an Terrain gewonnen und über die Mitbestimmungsregelungen an den Universitäten hat auch die Wirtschaft einen Anspruch erworben, der ihr aus gesamtgesellschaftlicher Sicht nicht zusteht. Andere soziale Dienstleistungen sind heute – auch in meinem Leben – Teil der Gesundheitswirtschaft, Teil der Gesundheitsindustrie. Der Aufschrei „Gesundheit ist keine Ware“ ist ein Schrei der Verzweiflung und die Definition der Gesundheitsindustrie als „Soziale Gesundheitswirtschaft“ bedarf vieler Regeln, um den innewohnenden Kapitalismus zu bändigen.

„Das Lied vom Teilen“ hat - wie der Untertitel es fordert - einen „politischen Neubeginn“ verbunden mit einer „geistig moralischen Wende“ ausgelöst. Doch das will ich wirklich nicht mehr, sondern mit allen Kräften wieder auf das dritte Feld der „sozialen Aktivität und Verantwortung“ steuern, um eine humane Gestaltung von Arbeit und Leben zu erhalten. Wir müssen ein „Neues Lied vom Miteinander in Arbeit und Leben“ singen lernen.

 


[1] Zitate nach: Oskar Lafontaine: „Das Lied vom Teilen“ Die Debatte über Arbeit und politischen Neubeginn, Wilhelm Heine Verlag, München, 1990

Gehört Arbeit in die Armuts-und Reichtumsberichterstattung?

Der 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (http://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Startseite/start.html) ist vor einiger Zeit erschienen und hat die üblichen Fragen ausgelöst, angefangen von der Zensur bis hin zur sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. Das soll alles nicht das Thema sein, sondern die Frage, ob humane Arbeit nicht auch in den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung gehört – wohlgemerkt nicht in den Bericht einer Bundesanstalt oder des Arbeitsministeriums, sondern in einen Bericht der Bundesregierung. Viele werden jetzt sagen, worin besteht denn der Unterschied? Bei einem Bericht der Bundesregierung wird ja doch nur geglättet und getäuscht. Das ist aber nur das (relativ transparente) Ergebnis des Diskussionsprozesses innerhalb der Regierung. Denn Regierungsberichte sollen eine Gesamtschau der sozialen Wirklichkeit geben, die es ermöglicht, verschiedene Politikbereiche zu verzahnen. Es sollen Politikinstrumente aufgezeigt werden, mit denen Armut vermieden und beseitigt werden kann, die Eigenverantwortlichkeit gestärkt und die Polarisierung in der Gesellschaft vermindert werden kann. Darüber hinaus soll der Bericht zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Natürlich konzentriert sich der Bericht zunächst auf Einkommen und Vermögen, die manchmal auch mit Arbeit zu tun haben. Aber das Thema „Arbeit“ taucht nur in der engen Form von „Erwerbstätigkeit“ auf. Auch „Bildung“ hat im Bericht keine Beziehung zu „Arbeit“. Lernen im Prozess der Arbeit ist kein Thema. Die Teilung Erwerbstätige vs. Erwerbslose ist sicher sinnvoll, aber wir müssen auch sehen, dass es bei den Erwerbstätigen deutliche gesundheitliche Ungleichheiten gibt. Sie gehen auf unterschiedliche Formen der Arbeitsbelastung zurück, besonders wenn es zu einer Kumulation von Belastungen kommt. Das kann ein Risiko für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und somit auch ein Armutsrisiko darstellen. Nicht selten ist die Kumulation ungünstiger Arbeitsbedingungen zudem mit einer im Durchschnitt geringeren Bezahlung und ungünstigeren sozialen Absicherung gekoppelt, was die Situation für die Betroffenen erschwert. Es ist vielleicht sogar von großer Relevanz für die Politik, dass derzeit 40% der jährlichen Neuzugänge in die Erwerbsminderungsrente auf psychische Belastungen zurückzuführen sind. Schlechte Arbeit kann zum Gesundheitsrisiko und damit auch zum Armutsrisiko werden. Es wäre ganz sinnvoll, wenn wir wüssten, wie der Umfang dieses Risikos ist. Aber es können nicht nur die klassischen Belastungen zum Risiko werden, sondern auch die Unplanbarkeit der eigenen Zukunft und der scheinbar unabwendbare Wandel der Arbeitswelt. Es ist nämlich nicht nur die Unsicherheit, ob ich überhaupt noch eine Beschäftigung habe, sondern auch die Unklarheit über zukünftige Statusveränderungen im Wandel meiner Arbeit. Insgesamt erscheint es ganz sinnvoll, den Armuts- und Reichtumsbericht um das Thema „Arbeit“ zu erweitern. Dazu gehört die Einbeziehung von Daten zu Arbeit und Gesundheit (insbesondere psychische Belastung und Beanspruchung, aber auch die Darstellung kumulierender Risiken für spezifische Branchen, Berufe und Regionen). Dazu gehört auch die Ausweitung der Betrachtung des Wandels der Arbeit und seine Auswirkungen auf die Beschäftigten. P.S.: Die Kolumne basiert auf Vorträgen eines internen Workshops, deshalb habe ich die Quellen nicht angeführt. Weitere Informationen können aber angefordert werden. G. Ernst Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Zeit zu gestalten - Positionen zum Arbeitszeitgesetz

Es ist schwierig, noch etwas über die Auseinandersetzung zur Arbeitszeit zu schreiben, auch wenn die „Arbeitszeitkonferenz“ von DGB und Friedrich-Ebert-Stiftung am 17./18.1. viele neue Hinweise zu den Positionen gab. Bei den Gewerkschaften (z.B. im Eingangsreferat von Reiner Hoffmann oder dem Statement von Annelie Buntenbach (beide DGB-Bundesvorstand) oder dem Beitrag zum Streitgespräch von Andrea Kocsis (Ver.di Bundesvorstand) gab es die eindeutige Aussage, dass es Flexibilisierung genug gibt und das Arbeitszeitgesetz keiner Änderungen bedürfe. Unterstützt wurden sie hierbei von Andreas Hoff, einem Unternehmensberater zum Thema Arbeitszeitsysteme. Auch die Betriebsräte aus den Großunternehmen sahen keinen Bedarf an Gesetzesänderungen.

Die Arbeitgeberseite sieht dies (natürlich) vollkommen anders. Zunächst einmal wehrte sich Roland Wolf von der BDA gegen die These, den 8-Stunden-Tag in Frage zu stellen: „Niemand hat die Absicht, den 8-Stunden-Tag abzuschaffen“ (Wörtliches Zitat, dessen Verbindung zu dem Ulbricht-Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ Roland Wolf im Streitgespräch wohl nicht klar war.) Nein, die Arbeitgeberseite will auf die Wochenarbeitszeit hin; denn (wiederum wörtlich) „6 mal 8 ist 48“. Und dann warnte er davor, dass man jetzt durch die Flexibilisierung den Druck herausnehmen solle, damit später einem „nicht alles um die Ohren fliegt“. Allerdings konnte er dann nicht klären, was denn da fliegen solle. Natürlich will die Arbeitgeberseite die Ruhezeit weiter flexibilisieren, obwohl Andreas Hoff darüber berichtete, dass angesichts der steigenden Arbeitsbelastungen man im Pflegebereich von der Sonderregelung „9 Stunden“ (also aufeinderfolge von Spät- und Frühschicht) wieder abschaffen wolle. Interessanterweise übte Roland Wolf Kritik am Vorgehen von Arbeitsministerin Nahles mit ihren Experimentalräumen: Wenn man erst in zwei Jahren zu einem Ergebnis komme, sei die BDA nicht mehr daran interessiert. Man wolle die Flexibilisierung jetzt.

Die Position der SPD wurde von Ministerin Andrea Nahles und MdB Dr. Carola Reimann vertreten. Auch wenn Andrea Nahles in der Eifel wohnt, verströmte sie bei ihrer Rede den Charme einer rheinischen Frohnatur. Sie wusste natürlich, dass sie sich nicht gerade auf freundlichem Boden aufhält und hielt trotzdem an ihrem Flexiblisierungsgedanken und an ihren Experimentalräumen fest. Sie wurde zwar nicht so offen kritisch angegangen wie ihre Staatssekretärin einige Monate zuvor, aber der Beifall blieb höflich. Nicht so höflich war das Publikum zu Carola Reimann (MdB SPD) und Brigitte Pothmer (MdB Bündnis 90/ Die Grünen). Sie fuhren unter dem Label „Frauenbewegt“ einen offenen Konfrontationskurs gegen die Betriebsräte. Reimann forderte eine Deregulierung, um eine Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Bei der Darstellung von Pothmer, die wieder das unsägliche Beispiel der Mutter, die nach einem frühen Arbeitsschluss ihr Kind versorgt, und sich dann gegen 2100/2200 Uhr wieder „an ihr Projekt setzt“ (wörtlich), wurde das Publikum sichtbar unruhig; denn welches Bild einer arbeitenden Frau hat diese Abgeordnete eigentlich? Reimann weigerte sich in der Diskussion mit dem Publikum sogar auf die Frage zu antworten, warum die SPD ihre Argumentation beim Wechsel von Arbeitszeitordnung zu Arbeitszeitgesetz aufgeben und für weitergehende, gesundheitsgefährdende Flexibilisierung sei. Der CDU-Abgeordnete Lagoski vertrat eine sehr harte Position: das Arbeitszeitgesetz bedürfe keiner Änderung und man brauche die von Nahles vorgeschlagenen Experimentierräume nicht. Allerdings räumte er ein, dass er sich nicht sicher sei, inwieweit die CDU/CSU Fraktion diese Haltung mittrage. Klaus Ernst (MdB Die Linke) baute auf seinen Erfahrungen als IG Metall Bevollmächtigter auf, lehnte Flexibilisierung ab und forderte stattdessen eine verstärkte Rückkehr zur „Sicherheit“.

Ich möchte diese Positionen nicht ausführlich diskutieren, aber manchmal wäre mir lieb, dass arbeitswissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse (z.B. aus dem Arbeitszeitreport 2016 der BAuA oder dem Jahrbuch Gute Arbeit Ausgabe 2017) und ein fundierteres Bild arbeitender Menschen in den Köpfen unserer weiblichen und männlichen Abgeordneten wären.

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