Der Router als neue Steckdose – Eine Vorbereitung auf den HGAL-Workshop „Ökologie der Arbeit“

Vor Jahrzehnten gab es einen Spruch: „Was interessiert mich die Problematik der Atomkraftwerke? Bei mir kommt Strom aus der Steckdose.“ Welche Rolle Energie in der Digitalisierung spielt, scheint ähnlichen Verdrängungsmechanismen zu unterliegen. Anstatt ein paar Übel bei der Wurzel zu packen, versteigt sich die Politik in Deutschland in neue Steuerfantasien. Nachdem vor über 100 Jahren die Sektsteuer zum Aufbau der kaiserlichen Flotte gebraucht wurde, die KFZ-Steuer für das Produkt „Auto“ eingefordert wurde, die Biersteuer für das Bier erhoben wird, die Versicherung für die Dienstleistung „Versicherung“ abgezogen wird, soll demnächst Luft (in dem Fall CO2) besteuert werden. Das alles, um Szenarien gerecht zu werden, die eine Klimabedrohung simulieren. Die Digitalisierung kommt aber in diesen Bedrohungsszenarien zunächst nicht vor.

Dabei weist der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)“ in seinem Memorandum „Digitales Momentum für die UN-Nachhaltigkeitsagenda im 21. Jahrhundert“ ausdrücklich daraufhin: „Denn bisher zeigt sich, dass die Digitalisierung selbst ressourcen-, energie- und treibhausgasintensiv ist: Rechenzentren nutzen enorme Mengen an Energie, und viele digitale Geräte und Infrastrukturen basieren auf nicht erneuerbaren Ressourcen. Zudem hat sich die oft artikulierte Hoffnung, die Digitalisierung könnte quasi automatisch in vielen Teilen der Wirtschaft und Gesellschaft signifikant zur Entkopplung von Wohlstandsentwicklung und Ökosystembelastung beitragen, nicht bewahrheitet….In diesem Sinne scheint die Digitalisierung als eine Art Brandbeschleuniger für nicht nachhaltiges, lineares Wirtschaften zu wirken.“ (S.5/6 des Berichtes). Das scheint aber auch alles zu sein. Auf der BMBF-Seite zum Wissenschaftsjahr „Künstliche Intelligenz“ wird das Problem nicht einmal gestreift. Die Digitalstrategie des BMBF sieht als „Grundlage für die aktive Gestaltung des digitalen Wandels .. gute Bildung für mehr digitale Kompetenzen, digital ausgestattete und vernetzte Hochschulen und Forschungseinrichtungen, exzellente Forschung und eine offene Innovations- und Wagniskultur.“ (https://www.bmbf.de/de/digitale-wirtschaft-und-gesellschaft-148.html). Das Thema „Digitalisierung und Ökologie“ kommt nicht vor.

Dabei zeigt ein Memorandum des SHIFTProjektes (https://theshiftproject.org/en/article/unsustainable-use-online-video/) zitiert nach Heise-online (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Klimawandel-Online-Pornos-produzieren-so-viel-CO2-wie-Rumaenien-4469108.html), dass die Digitaltechnik (alles zusammen) mittlerweile für 3,7 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist, während auf den zivilen Luftverkehr 2018 lediglich 2 Prozent der Emissionen entfielen. Je nach Szenario könnte der Digital-Anteil an den weltweiten Emissionen bis 2025 auf mehr als 8 Prozent steigen, was höher wäre als der aktuelle Anteil von Autos und Motorrädern. Online-Traffic ist für mehr als die Hälfte des CO2-Fußabdrucks der digitalen Technik verantwortlich und Videos für 80 Prozent vom Online- Traffic-Fussabdruck. Allein Netflix & Co. sollen demnach für ungefähr so viel CO2-Ausstoß verantwortlich sein wie Belgien, insgesamt liegt Online-Streaming Belastung auf dem Niveau des gesamten CO2-Ausstosses von Spanien.

Ich kann nicht sagen, inwieweit die sehr anschaulich klingenden Vergleiche stimmen oder die erhobenen Zahlen reliabel und valide sind. Wichtig erscheint mir, dass im ShiftProject vom üblichen Gerede und der Produktionszentrierung abgegangen wird und die Probleme der Digitalisierung hinsichtlich der Ökologie deutlich benannt sind.

Wenn im Rahmenprogramm „Produktion, Dienstleistung, Arbeit für morgen“ im Kleinen gefordert wird, die Trias der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie, Soziales) in allen Vorhaben zu berücksichtigen, so muss auch die Forschungspolitik im Großen diese Trias in ihren Programmen berücksichtigen. Die fortdauernden Hypes um Industrie 4.0 und Digitalisierung brauchen endlich eine ökologische Flankierung. Auch Dienstleistungen sind – wie hier bei der Digitalisierung gezeigt wurde, aber auch bei CarSharing zu vermuten ist – nicht automatisch „ökoeffizient“. Klaus Zühlke-Robinet und Gerhard Ernst schrieben 2018 (S.41) dass es schon 2010 erste Warnungen gab, dass eine „Dienstleistungsgesellschaft“ eine „Anti-Umweltgesellschaft“ werden könnte. Leider ist das Thema „Ökoeffiziente Dienstleistungen“ unter den obengenannten Hypes nicht weiterverfolgt worden. Vielleicht ein sinnvolleres Thema als dauernd die arbeitenden Menschen mit Steuererhöhungen zu plagen.

Philosophen und Digitalisierung

Zunächst freute ich mich. In den BLÄTTERN 4/19 fand ich einen Artikel von Hauke Behrendt , akademischer Rat am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart, zum Thema „Wider den Alarmismus – die Chancen der Digitalisierung“. Mir imponierte der Satz: „Nicht die Technik selbst, sondern nur der Mensch setzt Zwecke und bestimmt die dafür erforderlichen Mittel“ (S. 47). Doch dann kam das Grübeln: so, so „der Mensch“. Und so gelangte ich zu Platon, zu Heidegger und – er wird sicher abwehren, in so illustrer Gesellschaft genannt zu werden - zu Luc Ferry.

Was soll das mit Platon, dem Höhlengleichnis (Platon, Politeia,7. Buch, 514-517) und „dem Menschen“? Schauen wir uns die Schattenbetrachter in der Höhle doch an. Sie sind – obwohl sie gefesselt sind – glücklich, sie verteilen Preise, Ehrungen und Anerkennungen für den, der die Schatten, die Unwirklichkeit, am besten beschreibt und die besten Vorhersagen zum Unwirklichen machen kann. Kurz sie leben und treiben Wissenschaft, glücklich und zufrieden in einer Schattenblase. Platon sieht schon, wenn keiner aus dieser Blase heraus gehen will, muss man ihn zwingen. Und was ist der Erfolg? Zuerst wird er von der Wirklichkeit blind, dann gewöhnt er sich an sie. Doch was passiert, wenn er wieder „nach Hause“ will? Er wird von der Dunkelheit wieder blind, ihn ekeln die Ehrungen und Preise an, und wenn er von der Wirklichkeit außerhalb der Höhlenblase erzählt, lachen ihn alle aus. Ja die Blasenbewohner beschließen sogar, man müsse die töten, die ein Leben außerhalb der Höhlenblase ermöglichen. Soweit zu den Menschen, die Zwecke setzen und glauben, sie würden die Mittel bestimmen.

Martin Heideggers Gedanken zur Technik (z.B. „Die Technik und die Kehre, 1953) sind wegen seiner Person, dem Engagement für den Nationalsozialismus und dem Antisemitismus und seiner schwierigen Sprache in der Technikszene kaum rezipiert. Doch es lohnt, über das „Gestell“ – wie Heidegger die Technik nennt, nachzudenken. „Die Herrschaft des Ge-stells droht mit der Möglichkeit, dass dem Menschen versagt sein könnte, in ein ursprünglicheres Entbergen einzukehren und so den Zuspruch einer anfänglicheren Wahrheit zu erfahren.“ (Technik und Kehre, S. 28). In meinen Worten gesprochen, das Ge-stell der Technik schreibt den Menschen den Weg vor, den sie denken können. Soweit zu den Denkmitteln, die Menschen einsetzen können, um Digitalisierung zu gestalten.

Als Philosoph, Minister und Schriftsteller nimmt Luc Ferry eine seltsame Stellung ein. Doch das störte mich nicht, seine Gedanken zur Technik aufzunehmen. Für Ferry ist der Übergang von der Wissenschaft zur Technik der Tod der großen Ideale oder das Verschwinden der Zwecke zugunsten der Mittel. Wissenschaft war einmal eine Methode, den menschlichen Geist zu befreien und sich zu emanzipieren. „Wissenschaft sollte uns vor der Tyrannei der Natur bewahren“ (Ferry, Leben Lernen, dtv, 2009, S.247). Dieser emanzipatorische Anspruch wird durch das Integrieren in die Welt des Wettbewerbs umgewandelt in das „rein mechanische Resultat der freien Konkurrenz zwischen ihren verschiedenen Bestandteilen…..Dieser Fortschritt hat kein anderes Ziel als sich selbst, er strebt nichts anderes an, als mit anderen Konkurrenten im Rennen zu bleiben.“ (S. 248-249)

Da bleibt dann nicht viel. Der Mensch, der in seiner Höhlenblase lebt, dessen Denken im Gestell der Technik eingebunden ist und dessen Umwelt jegliches emanzipatorische Ideal aufgegeben hat, soll also die Zwecke bestimmen. Ich weiss nicht, wie der Mensch aus diesem Dilemma entkommen soll. Mit Hölderlin - da bin ich im Zweifel; mit Selbstreflexion – vielleicht. Aber auf jeden Fall hat die Philosophie noch einiges an Arbeit vor sich.

Für Ursula – Zukunftsfähig heißt über Misserfolge nachzudenken

Ursula Zahn-Elliott ist aus dem Berufsleben ausgeschieden und auf der Tagung „Arbeitswelten der Zukunft“ wurde an ihre fast 10-jährige Tätigkeit für „Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen“ erinnert. Vorgetragen wurde die Würdigung von einem namhaften Arbeitsforscher. Leider stützt sich die Würdigung in der Hauptsache auf die ERFOLGE der Dienstleistungsforschung. Es wäre besser gewesen, der Vortragende hätte sich mit dem Scheitern einer Initiative auseinandergesetzt, die Ursula Zahn-Elliott sehr am Herzen lag: des Wettbewerbes „Zukunftsfähige Arbeitsforschung“.

Anfang des Jahrtausends machte Ursula Zahn-Elliot das Rahmenkonzept „Innovative Arbeitsgestaltung – Zukunft der Arbeit“ bekannt. Damit war der seit 1998 dauernde Ablösungsprozess des Programms „Arbeit und Technik“ beendet. Neben den „üblichen“ Bekanntmachungen wie „Arbeitsgestaltung im E-Business“, „Arbeitsgestaltung in Virtuellen Unternehmen“ und „Innovationsförderliche Unternehmenskultur und Milieus“ war Ursula Zahn-Elliott besonders der „Wettbewerb Zukunftsfähige  Arbeitsforschung“ wichtig.

Warum? Es ging hier nicht um ein einzelnes Problem der Arbeitsgestaltung, sondern es ging um den zentralen Bestandteil des Systems der Innovationsfähigkeit, um Neues Denken in Arbeitswissenschaft und -forschung. Die Arbeitswissenschaft und -forschung sollten zu einem Selbstinnovationsprozess angeregt werden. Das erste Scheitern bestand darin, den Begriff der Arbeitsforschung benutzen zu müssen; leider – so mussten die Autoren 2005 (Verbundprojekt (Hg.): Zukunftsfähige Arbeitsforschung - Arbeit neu denken, erforschen, gestalten; Eigenverlag, ISBN-Nummer 3-00-015908-8) feststellen – hat sich trotz aller Anstrengungen seit den 1970er Jahren nicht durchgesetzt, dass sich die mit Arbeit befassten Disziplinen als Teile einer integrativen Arbeitswissenschaft verstehen. Das zweite Scheitern bestand darin, dass die Arbeitsforschung nicht im Stande war, der „rasant steigenden Gier“ nach schnellem Erfolg entgegenzuwirken. Die Gier nach schnellem Erfolg macht kurzsichtig, verhindert Qualität und bedeutet auf mittlere Sicht eine Erniedrigung von Wissenschaft und Forschung zur Unternehmensberatung. Die Zukunftsfähige Arbeitsforschung hat die Fähigkeit zur Weitsicht selbst nicht entwickeln können und auch die anderen Disziplinen nicht dazu ermuntern können. Zukunftsfähige Arbeitsforschung hat als drittes das Ziel nicht erreicht, den dauernden Druck auf die arbeitenden Menschen zu nehmen. Damit konnte sie auch keine Arbeitskonzeptionen schaffen, die dem Verlust der Persönlichkeit der Beschäftigten entgegenwirken.

Selten hat die politische Leitung eines Programms den Mut aufgebracht, das Wissenschaftssystem zur Selbstinnovation aufzurufen. Die perfekt organisierte und weltweit vernetzte Tagung fast 20 Jahre nach dem Wettbewerb zeigte, Wissenschaft und Forschung leiden bis heute darunter, dass sie diese Chance nicht ausreichend genutzt  haben. Wenn die eine Disziplin über Arbeitszeit redet, ohne die arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zu kennen, und die andere über Serviceroboter spricht, ohne den technischen Entwicklungsstand zu kennen, wenn „Kompetenz“, „Lernen“, „Fähigkeit“, „Weiterbildung“ von Sprechern unterschiedlicher Disziplinen irgendwie synonym gebraucht werden, wenn hanebüchene Statistiken vorgestellt werden, dann zeigt sich, dass Ursula Zahn-Elliott auch heute noch richtig liegen würde, wenn sie eine Zukunftsfähige Arbeitsforschung auf den Weg bringen wollte.

Leben, Arbeit, Digitalisierung

Günter Neubauer hat darauf gedrungen, unseren Verein „Humane Gestaltung von Arbeit und Leben“ zu nennen. Leider kommt die Verbindung der beiden Bereiche in der heutigen Arbeitsforschung viel zu kurz. Wenn sie denn behandelt wird unter dem doch sehr schillernden Begriff „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Aber die digitale Transformation verlangt mehr als das.

Einer der ältesten Forschungslinien, „Lernen im Prozess der Arbeit“, ist sehr zurückgeschnitten worden, nämlich auf die Frage, wie kann ein Beschäftigter sich durch Bildungsmassnahmen innerhalb der Arbeitszeit auf die Digitaliserung einrichten. Dabei ist Lernen im Prozess der Arbeit ein Teil der Entwicklung der Persönlichkeit! Lernen im Prozess der Arbeit kann unterschiedliche Formen haben: Beschäftigte können für Anforderungen sensibilisiert werden, sie können Handlungselemente automatisieren, sie können bewältigte Anforderungen begrifflich und emotional fassen („Stolz“). Die Anforderungsbewältigung kann zu einem Ausgangspunkt der intellektuellen Durchdringung der Arbeitsaufgabe werden. Die beschriebenen Wirkungen hängen von der Arbeitsaufgabe ab. Und zwar in beide Richtungen, in eine negative der gesundheitlichen Gefährdungen und des psychischen Abstumpfens oder in eine positive Richtung der Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur bei den intellektuellen Leistungen, den Einstellungen und der Motivation sowie der emotionalen Stabilität.

Aber neben diesem klassischen Konzept gibt es auch neuere: das von der BAuA untersuchte Konzept des „Detachments“ (Wendsche und Lohmann-Haislah, 2017) und der vom Projekt FiSNET untersuchte Übergang aus dem Erwerbsleben in das „Nichterwerbsleben“.

Schon vor über fünfzig Jahren fiel bei Untersuchungen zur Belastung und Beanspruchung von Fluglotsen auf, dass physiologische Beanspruchungsparameter schon vor der Arbeit, also vor der Belastung, einen Anstieg zeigten. Die Fluglotsen nahmen die Belastungen vorweg. Diese Erfahrung führt der Detachment-Ansatz weiter: Detachment ist die individuelle Wahrnehmung des Beschäftigten, von der Arbeit entfernt zu sein. Ein geringes Detachment ist mit höheren Beanspruchungsfolgen verbunden. Umgangssprachlich: ich arbeite im Kopf weiter, bleibe angespannt und versuche unerledigte Aufgaben in der Freizeit zu erledigen, d.h. die Arbeitsbelastung wirkt fort. Das Arbeiten während der eigentlichen Ruhezeit ist verbunden mit höheren Arbeitsanforderungen, mit geringerem Abschalten und damit mit mehr Belastung. Ein Ergebnis, dass im Umgang mit „flexiblen Arbeitszeiten“, die die Arbeit räumlich und zeitlich entgrenzen, zur Vorsicht mahnt.

„Der Altersübergang als Neuarrangement von Arbeit und Leben“, der Ansatz des FISNET Vorhabens (Schneider und Stadelbacher, 2019), zeigt eine andere Sicht auf die Veränderungen im Erwerbsleben auf. Alter nicht mehr als Zeitablauf, sondern als gesellschaftliche Konstruktion mit unterschiedlichsten Facetten. „Menschen werden immer in einem gesellschaftlichen Kontext alt gemacht“ (a.a.O, S3) und Lohnarbeit spielt in diesem gesellschaftlichen Konstrukt eine besondere Rolle. Beim Altersübergang zeigt sich sehr deutlich, dass Menschen ihre Identität fast nur noch über die Lohnarbeit definieren. Dabei geht es nicht allein um die Frage der finanziellen Sicherheit, oder gar der notwendigen Dienstleistungen im Alter. Es geht also nicht um ein Arrangieren mit dem eigenen Älterwerden, sondern ähnlich wie beim Übergang vom schulischen Leben in das Erwerbsleben um die Frage, welche Lebenslage wähle ich; denn Alter kann auch als „Gewinnen neuer Freiheiten“ gesellschaftlich konstruiert werden. Kistler und Wiegel widmen sich leider nur dem Thema „Altern als Frage der Sozialen Ungleichheit“ (S. 9). Auch zu früheren Lebensabschnitten herrschten soziale Ungleichheiten und es gab immer wieder Auseinandersetzungen zur Veränderung. Alter ist eben nicht nur das Ernten der Früchte der Lebensarbeit, sondern auch immer wieder der Kampf um die eigenen Lebenskonzepte. Wenn ich im Lohnarbeitsleben diesen Kampf nicht gelernt habe, laufe ich Gefahr in einer späteren Lebensphase keine Ressourcen, seien es materielle oder geistige zu besitzen. Dieses „Neuarrangement von Arbeit und Leben“ ist des Schweiss der Alten und Jungen wert.

Schneider, Werner; Stadelbacher, Stephanie: Der Altersübergang als Neuarrangement von Arbeit und Leben Kooperative Dienstleistungen für das Alter(n) in Vielfalt, Springer Verlag (2019)

Wendsche, Johannes; Lohmann-Haislah, Andrea: Detachement als Bindeglied zwischen psychischen Arbeitsanforderungen und ermüdungsrelevanten psychischen Belastungsfolgen: eine Metaanalyse, Z.Arb.Wiss., S. 52-70 (Schwerpunktheft: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt (2017)

Digitale Transformation in den Personenbezogenen Dienstleistungen – das Beispiel Sozialwirtschaft

Am 6.11. besuchte ich die Jahrestagung des Instituts für Technologie und Arbeit in Kaiserslautern. Ein wesentlicher Punkt der Tagung war die Arbeit in der Sozialwirtschaft ( Unterlagen hier: https://www.ita-kl.de/veranstaltungen/veranstaltung-detail-in-german-only.html?no_cache=1&tx_itaextension_pi1%5BshowUid%5D=53 ). Eine sehr interessante Tagung zu einem wenig beachteten Teil der Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen.

Zur Sozialwirtschaft zählen Betriebe und Organisationen, die soziale Dienstleistungen im Bereich des Sozialen (z.B. Hospiz- und Palliativeinrichtungen bzw. -angebote, Schwangerschafts-, Erziehungs-, Sucht- und Schuldnerberatung, Schulsozialarbeit), in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, in Behinderteneinrichtungen, Werkstätten für Behinderte, ambulanten und stationäre Pflegediensten etc. anbieten. Als Teil des Dienstleistungssektors erbringt sie Leistungen für und mit Menschen zum Nutzen der Gesellschaft. Sozialwirtschaftliches Handeln adressiert daher nicht nur die ökonomische, sondern gleichzeitig auch die soziale Dimension. Grundsätzlich kann man die Sozialwirtschaft zu den Bereichen rechnen, die von Personenbezogenen Dienstleistungen bestimmt werden. Trotz seiner Bedeutung ist dieser Bereich in der Dienstleistungsforschung recht unterbelichtet.

Ähnlich wie die Industrielle Transformation verläuft die Digitale Transformation nicht kontinuierlich, sondern in Entwicklungssprüngen im Bereich der Technologien (bspw. Künstliche Intelligenz – KI, Robotik, Quantencomputer), Infrastrukturen (z.B. 5G, Distributed-Ledger-Technologie auf Basis der Blockchain) oder Geschäftsmodellen (bspw. Sharing Ansätze, Crowd Sourcing, Smart Contracting). Die Digitale Transformation mit ihren Entwicklungssprüngen bewirkt einen hohen Veränderungsdruck auf Organisationen und die Beschäftigten in der Sozialwirtschaft. Gleichzeitig erleben aber auch die Klienten einen digitalen Wandel in ihren jeweiligen Lebenswelten, mit Potenzialen (bspw. neue Zugänge zu bzw. Möglichkeiten der Ansprache für bestimmte / vulnerable Gruppen) wie auch Herausforderungen (bspw. Computer-/Spielsucht) für die Interaktionsarbeit.

Die Interaktionsarbeit in der Sozialwirtschaft ist zu großen Teilen – nach der Klassifizierung von Hacker - personenverändernde dialogische Interaktionsarbeit. Der „Customer“ ist Partner im Dienstleistungsgeschehen zum Zweck seiner Selbstveränderung. Ohne die „Koproduktion“ ist in der diesem Typ der Interaktionsarbeit keine Selbstveränderung möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass die „Kooperationsbedingungen“ erst im Verlauf der Interaktionen konkretisiert werden. Der Dienstleistungsprozess ist weit unbestimmter als z.B. in einem Kaufprozess.

Wie bei vielen Personenbezogenen Dienstleistungen ist der Kunde als Klient/Hilfeberechtigter in der Sozialwirtschaft zwar Dienstleistungsempfänger, nicht aber auch Zahler/Käufer der Dienstleistung (meist staatliche Refinanzierung im sog. sozialrechtlichen Dreiecksverhältnis). Die Entwicklung von Geschäftsmodellen, die Bewerbung von (neuen) Angeboten, die Kundenansprache und Kundenbindung wie auch die Interaktion zwischen Leistungserbringern und Leistungsempfängern sowie deren Angehörigen / sozialem Umfeld bzw. Gefüge etc. folgen daher spezifischen Gesetzmäßigkeiten, die es bei der Gestaltung der Dienstleistungssysteme zu berücksichtigen gilt.

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