Sind Dienstleistungen planbar?

 Arbeitswissenschaft ist ein schwieriges Geschäft, mit schwierigen Partnern und hohen Anforderungen an die Interdisziplinarität. Gute 1200 Seiten brauchen Schlick, Bruder und Luczak, um „Arbeitswissenschaft“ zu beschreiben. Davon sind knappe 90 Seiten den begrifflichen Klärungen gewidmet, unter anderem der Frage der Verknüpfung von Fachdisziplinen mit den Betrachtungsebenen der Arbeitswissenschaft. Wenn ich über die Frage „Kann man Dienstleistungen planen?“ nachdenken muss, habe ich manchmal das Gefühl, die Autoren hätten sich die Arbeit sparen können.

Also: „Kann man Dienstleistungen planen?“ Eigentlich eine dumme Frage. Denn schon 1996 stellte Rohit Ramaswamy das „Design and Management of Service Processes“ vor, 1998 erschien der DIN-Fachbericht zum „Service Engineering“, in dem grundlegende Vorgehensweisen, Modellierungsansätze und Werkzeuge für das systematische Planen von Dienstleistungen sowie entsprechende Qualifizierungsmethoden beschrieben wurden. 2003 veröffentlichten dann Bullinger und Scheer den grundlegenden Reader zum Service Engineering. Damals waren zumindest die Fachdisziplinen, die sich mit Arbeitswissenschaft befassen, beteiligt. Doch heute treiben (Wirtschafts)informatiker und  Betriebswirte das Thema voran, und für sie ist die systematische Entwicklung von Dienstleistungen kein Problem. Sie modellieren Dienstleistungen, sie simulieren Dienstleistungen, sie testen Dienstleistungen und haben sogar Labs entwickelt, um Dienstleistungen zu gestalten.

Warum behaupten also manche Wissenschaftler, man könne Dienstleistungen nicht planen?

Eine erste Annnäherung: Erinnern wir uns an die Arbeit von Ramaswamy. Er hat keine „Services“ entwickelt, sondern er hat Dienstleistungsprozesse entwickelt und den Teil der Realisierung des Designs hat er ohne Arbeitsgestaltung, nur mit Performance Measurement geplant. In der Sprache von Thomas und Nüttgens ist Ramaswamy die Modellierung von Dienstleistungen angegangen. Heute geht es um Ressourcenmodelle, Prozessmodelle und Produktmodelle. Hier bestehen starke Ähnlichkeiten zu den theoretischen Konzeptionen des Computergestützten Konstruierens (CAD) aus der Welt der materiellen Konstruktion. Eine Antwort wäre also: ja, ich kann Prozesse planen, aber wie Planung und Realisierung übereinstimmen, das bleibt unklar.

Eine zweite Frage: Hat Service Engineering eigentlich etwas mit „Arbeit“ zu tun? Eigentlich müsste die Antwort ein klares „Ja“ sein, aber  wenn man sich die Literatur anschaut, ist die Antwort ein klares „NEIN“. Das vorhandene Service Engineering beschränkt sich auf die Modellierung von Prozessen. Die Gestaltung der Arbeit und damit die Realisierung der Prozesse war kein Thema und ist nicht Thema. Eine Ausnahme gibt es, nämlich den ServLab-Ansatz des IAO, dem allerdings nicht das Konzept einer „mathematischen“ Modellierung von Dienstleistungen zu Grunde liegt. Hier ist es möglich – zumindest im „Schutzraum eines Labs“ – Dienstleistungen in „simulierter Arbeit“ zu realisieren.

Eine zweite Annäherung: Arbeitshandeln ist eine bewusste, zielgerichtete Tätigkeit. Das Ziel ist vor dem Handeln ideell gegeben. Das Handeln wird  auf das Ziel hin reguliert. Im Arbeitshandeln formen sich Produkt und Persönlichkeit. So knapp die Definition Hackers von vor 40 Jahren. Es ist klar, wohin sich das Service Engineering richtet, auf das engere Arbeitziel  und auf die Regulation. Allerdings hat das Service Engineering nicht aus der Arbeitsgestaltung in der Produktion gelernt. Zunächst ist die geplante Zielsetzung sehr eng, ein Arbeitender hat auch persönliche Ziele. Das zweite ist die Regulation der Tätigkeit, die mit der Widerständigkeit des Arbeitsobjektes und –prozesses zusammenhängt. Wie waren Fließfertigungen in den 60er Jahren durchgeplant und trotzdem klappte es nicht! Wie muss das erst heute in der Arbeit an und mit Menschen sein. Es ist ja nicht nur die Widerständigkeit des Materials, sondern wie Böhle es formuliert, müssen sich die Beteiligten ja erst einmal über die GEMEINSAME Zielsetzung des konkreten Arbeits­handels in Bezug auf die Dienstleistung klar werden.

Eine Folgerung: Dienstleistungsprozesse sind planbar, modellierbar, gestaltbar, erlernbar. Doch die Realisierung der Dienstleistungen erfordert mehr als einiger Referenzmodelle.  Die durch Ingenieur- und Informationswissenschaft sowie Betriebswirtschaftslehre entwickelten Ansätze müssen in die Konzepte der Arbeitswissenschaft, insbesondere ihre sozialwissenschaftlichen Teile, integriert werden, um Fortschritte hinsichtlich der Produktivität, der Persönlichkeitsentwicklung des Arbeitenden und des Nutzens für den Kunden zu erzielen. Es wäre ganz sinnvoll, wenn es um Arbeit geht, interdisziplinär zu denken und auf andere Disziplinen zu schauen, wie es das Konzept der Arbeitswissenschaft fordert.

 

G. Ernst

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Wertschöpfungspartnerschaft statt Umsetzungsgespinste

Es ist schon ein prickelndes Gefühl, wenn man die Chance hat, etwa 40 Jahre alte Vermerke „Umsetzungsprobleme bei der Humanisierung des Arbeitslebens[i]“ zu lesen. Dort wird wegen des Anspruchs der prak-tischen Relevanz der Forschung für alle Arbeitnehmer noch von einer „Umsetzungs- und Durchsetzungsstrategie“ gesprochen. Dort werden die Umsetzungsbereiche „Gesetzlicher Handlungsrahmen, Normen und Richtwerte“; „Bildungsmassnahmen“; „Dokumentation Informationsdienste, Projektberichte und Handbücher“; „Beratungsdienste“ und „Konzeptionelle Forschung“ unterschieden. In aufwändigen Tabellen werden diese Umsetzungsbereiche den Umsetzungsträgern „Wissenschaftssystem“, „Betriebliches Management“, „Betriebsräte“ sowie „Vertrauensleute und breite Arbeitnehmerschaft“ zugeordnet. In den damaligen Überlegungen wird schon der Unterschied gemacht zwischen patentfähigen Ergebnissen (bei denen „vor allem der Markt mit allen seinen Schwächen über den Erfolg oder Misserfolg der Dif­fusion“ entscheidet) und den anderen Ergebnissen aus Arbeitsstrukturierungs­massnahmen und arbeits­wissenschaftlichen Untersuchungen. Einen Schritt weiter war man 1992, als Erfahrungen zur Organisations­ge­staltung und Er­fahrungen über Einführungsstrategien und Innovations­barrieren eingeführt wurden[ii]. Mit dem neuen Arbeitsforschungsprogramm wurde 2006 dann neben der Zielsetzung „Innovationen fördern“ die Zielsetzung „Innovationsfähigkeit fördern“ mit einem breiten Strauß an Dialoginstrumenten eingeführt. Der Projekt­träger hat mit Unterstützung der IT-Technologie weitere Schritte gemacht, sei es die Verfüg­barkeit einer Liste der geförderten Projekte, sei es ein Überblick über Veran­stal­tungen oder über ver­öffent­lichte Literatur[iii]. Seit mehreren jahren steht auch der FOEKAT, der Katalog der vom BMBF, BMWI, BMEL, BMUB und BMVi geförderten Projekte zur Verfügung (http://foerderportal.bund.de/foekat/jsp/StartAction.do) . Ebenso haben Vorhaben Methoden zum Transfer ausführlich zusam­men­gestellt[iv].

Doch, wenn man genau nachschaut, ein über den engen Rahmen des BMBF-Projektträgers hinaus­gehendes Modell der Umsetzung oder des Transfers fehlt[v]. 1976 wird die Kritik der Gewerkschaften zitiert, dass die Ausklammerung der Durchsetzungsprobleme dazu führen kann, dass eine Vielzahl von Projekten auf der Ebene unverbindlicher Orientierungshilfen hängenbleibt[vi]. Heute mäkelt man herum, dass diese dicken Bücher von keinem gelesen werden (was übrigens natürlich immer nur an den Büchern liegt, nicht an dem fehlenden Engagement der ins Auge gefassten Leser), man mäkelt herum, dass keine Beschäftigungseffekte erzielt werden, man mäkelt, dass niemand die Ergebnisse kennt (hier empfiehlt sich übrigens zu erinnern: „Niemand ist mein Name“[vii]). Erst Peter und Pöhler gehen 2009 über dieses Gejammere hinaus und fordern einen „arbeitspolitischen Kommunikationsraum“[viii] in dem gesellschaftliche Diskurse neue Orientierungen gewinnen können.

Doch dieser Gedanke ist unter Umsetzungsgesichtspunkten noch zu kurz. Der neue  „Kommunikationsraum“ muss arbeits-, forschungs- und wirtschaftspolitische orientierte Teilsysteme haben. Dabei muss das lineare „Produktionskonzept“ aufgegeben werden. Diese lineare Umsetzungskette zwischen den Teilsystemen ist inzwischen anders geworden.  Viele der früher als „Empfänger“ betrachteten Organisationen betreiben eigene Forschung und produzieren umsetzungsfähige Ergebnisse (vgl. die Projektförderung der Hans-Böckler-Stiftung http://boeckler.de/44449.htm; die Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung http://fes.de/sets/s_pub.htm oder die Darstellung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeits­medizin http://www.baua.de/de/Forschung/Forschung.html ). Es haben sich immer mehr (gewerbliche) Beratungsorga­nisationen gebildet, die im Graubereich zwischen Anwendungsforschung und Beratung arbeiten. Die Forschungsinstitutionen der Sozialpartner nehmen eine eigenständigere Rolle ein. Die früher vereinzelten Technologieberatungsstellen haben ein Netzwerk gebildet[ix]. Zur Lösung kann ein „dialogisches“ Konzept der „Wertschöpfungspartnerschaften“ beitragen, wie es vor ca. 8 Jahren im Programm „Innovationsfähigkeit in einer modernen Arbeitswelt“ diskutiert wurde und heute in der digitalen Wirtschaft angewandt wird.

Die „klassische“ Vorstellung, Wertschöpfung in der Umsetzung vollziehe sich allein in der Anwendung von Arbeits­forschungsergebnissen aus der BMBF-Projektförderung, ist in dieser absoluten Form nicht mehr halt­bar. Es gibt eine Verschiebung der Forschung-Abnehmer-Beziehung in Richtung Partner­schaft und "Co-Produktion" auch ausserhalb der eigentlich geförderten Vorhaben. Welche Strukturen, Konzepte und Instrumente hier notwendig sind, ist aber heute noch weitgehend unklar. Bei der Weiterentwicklung des Gedankens der Koproduktion sind neben den unterschiedlichen „Unternehmenskulturen“ (man sollte die „Alles-mein“-Kultur von Organisationen nicht unterschätzen) auch die unterschiedlichen „Innovations­ge­schwindig­keiten der Teilsysteme" zu berücksichtigen. Ein Forschungsprojekt braucht von der Konzep­tionierung einer Idee über den schwierigen Bewilligungsvorgang bis zur Gewinnung von Zwischen­ergebnissen mindestens drei Jahre, und dabei ist nur der Bewilligungs­vorgang zu be­schleunigen. Betriebe benötigen ebenfalls 2 bis 3 Jahre, bevor die Umsetzung eines häufig nur vorläufigen Forschungsergebnisses durchgeführt worden ist - nur die Presse­mit­teilung ist schneller. Erstaunlicherweise kann die akademische Ausbildung – soweit es nicht um formale Änderungen geht – am schnellstens reagieren; denn die Lehrenden sind am schnellsten im Stande Forschungsergebnisse in ihre Veranstaltungen einzubinden. Kurz es geht nicht allein um die Bestimmung der Akteure im System, um deren „Unternehmens­kulturen“ sondern auch um Innovationsgeschwindigkeiten.

Umsetzung von Ergebnissen ist immer von historischen Umständen abhängig. Es würde sich beim Aufschwung der Arbeitsforschung lohnen, neue Konzepte anzudenken, und nicht in die alten Sackgassen hineinlaufen.

 

[i] Vermerk von Kasiske und Skarpelis „Vorlage für die Umsetzungskommission beim Projektträger“ vom 27.9.1976

[ii] INFAS, 1992 nach Ernst, Büntgen, Pornschlegel, Westfal: Zukunft von Arbeit in logistischen Systemen, Logbuch Verlag 1994

[iii] (http://foerderportal.bund.de/foekat/jsp/StartAction.do; (http://pt-ad.pt-dlr.de/index.php)

[iv] Bach, Leisten und Weinert: Transferbar- Transfermethoden im präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz, Eigenverlag, Aachen, o.J.

[v] Im Rahmen der InnoRegio-Begleitforschung war dies – wenn auch nicht unumstritten – etwas anders. Hier gingen Eickelpasch und Hornschild (Das BMBF Förderprogramm InnoRegio – Ergebnisse der Begleitforschung, Eigenverlag BMBF, Berlin 2005) von theoretisch und empirisch belegbaren Zusammenhängen zwischen Vernetzung und Innovationsfähigkeit aus, die durchaus ein Umsetzungskonzept bilden können.

[vi] Helfert: Forschungs-, aber kein Realisierungsprogramm“ WSI-Mitteilungen, Nr. 12, S. 472 ff, 1974. nach Kasiske und Skarpelis

[vii] Homer: Odyssee nach Schadewaldt, 1964, S.118

[viii] Peter, Pöhler: Umsetzungskonzepte im Humanisierungsprogramm – und was man daraus für heute lernen könnte. Z.Arb.Wiss, Vol. 63, S. 106, 2009

[ix] http://www.tbs-netz.de/

G. Ernst

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Wider eine Teilung in Industrie- und Dienstleistungsarbeit

Wenn Wissenschaftler scharfe Unterscheidungen zwischen Dienstleistungs- und Industriearbeit machen; wenn ein Ministerium Wirtschafts- und Industriepolitik trennt, wenn Gewerkschaften stolz auf das „IG“ sind, dann hat das sicherlich Gründe, aber keine Gründe, die in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Arbeit bestehen. Für die Arbeits­psycho­logie schrieb Winfried Hacker vor fast 40 Jahren: „Gegenstand der ..Arbeits­psychologie ist die psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten der Persönlichkeit im Zusammenhange ihrer Bedingungen und Auswirkungen.“  Bezeichnen wir mit Vorbildern wie Karl Marx und Johannes Paul II, Carl Graf Hoyos und Friedrich Fürstenberg als (Lohn)­Arbeit alle Aktivitäten der Daseinsvorsorge für den einzelnen. Aktivitäten, die verbunden sind mit Veränderungen in Organisationen, aber auch mit Veränderungen in den arbeitenden Menschen. Und sind wir uns mit Martin Baethge einig, dass – ob man sich dessen bewusst ist oder nicht – Arbeit in die großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Interessen­kon­stellationen eingebunden ist. Da gibt es dann keine Dienstleistungs­arbeit da und Industrie­arbeit da, sondern nur noch eine Form von (Lohn)Arbeit.

Jeder, der sich mit Arbeitsforschung beschäftigt, muss wissen, dass die Unterteilung der Wirtschaft in drei Sektoren keinen arbeitswissenschaftlichen Hintergrund hat. Aus Gründen, die bis in das 17. Jahrhundert zurückgehen, werden Volkswirtschaften in drei Sektoren geteilt: Vereinfacht der primäre Sektor die Agrarwirtschaft, der sekundäre die „Industrie“ (besser das Verarbeitende Gewerbe und die Sonstige Produzierende Wirtschaft) und der tertiäre alles, was übrig bleibt: die Dienstleistungen (also die Restkategorie: Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information, Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister, Öffentliche Dienste und „sonstige Dienstleistungen“(!)) Gepaart mit dem Drei-Sektoren-Modell wird eine Entwicklungstheorie, deren Grundlage Jean Fourastie Mitte des 20. Jahrhunderts gelegt hat, in sehr vereinfachter Form verwandt. Vereinfacht deshalb, indem behauptet wird, dass die Dienstleistungen die Zukunft für Wachstum und Beschäftigung moderner Volkswirtschaften ist. Vertieft mag das Modell für volkswirtschaftliche Betrachtungen sinnvoll sein, mit Arbeitwissenschaft hat es aber wenig zu tun.

 Gut, aber Arbeit ist doch sehr unterschiedlich und die verschiedenen Arbeitstätigkeiten müssen doch differenziert werden! Natürlich, aber bitte mit einem aus der eigenen Wissen­schaft abgeleiteten Modell. Eine Möglichkeit hat Hacker aufgezeigt, indem er die mono­logische Arbeit von der dialogisch-interaktiven unterscheidet; und daraus dann auch entsprechende Gestaltungsanforderungen ableitet. In Anlehnung daran arbeiten auch Soziologen wie Wolfgang Dunkel und Fritz Böhle, indem sie „interaktive Arbeit“ oder „Interaktionsarbeit“ beschreiben. Es gibt aber auch andere Wege. So unterscheidet Baethge basierend auf Arbeiten von Kohn aus den 70er Jahren drei Arbeitsformen: den „Umgang mit Sachen“, „Umgang mit Personen“ und „Umgang mit Symbolen“. Will man unbedingt eine Zuordnung zu volkswirt­schaftlichen Kategorien schaffen, so findet man produktbezogene Arbeit in der Industrie und in der Dienstleistungswirtschaft (z.B. Logistik), personenbezogene stärker in Kategorien, die volkswirtschaftlich zu den Dienstleistungen zugeordnet werden, und wissens‑ bzw. symbol­bezogene Arbeit findet man in allen Formen der Wirtschaft, die mit dem Umgang von Informationen und Wissen zu tun haben. Insgesamt eine sehr unscharfe und unbefriedigende Zuordnung.

Es gibt aber natürlich auch andere Forschungsnotwendigkeiten. So ist zu erklären, warum die Beschäftigung in bestimmten Kategorien der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in den letzten 150 Jahren so verändert hat. Warum sank die Beschäftigung im Agrarsektor mit jeder „agrarischen“ Revolution? Ostelbische Junker hätten zum Ende des 19. Jahrhunderts sicher die „4. Agrarische Revolution“ ausgerufen, nachdem Taylor die Produktionsweisen so reformiert hätte. Warum sinkt die Beschäftigung in der Kategorie „Verarbeitendes Gewerbe“ seit Ende des 2. Weltkrieges so deutlich? Was spielt sich ab? Statistische Fehler, reale Veränderungen, reale Verschiebungen? Das sind wichtige Fragen, aber hier handelt es sich nicht um Industriearbeit, sondern um Arbeit, die in der volkswirtschaftlichen Kategorie „Verarbeitendes Gewerbe“ subsummiert wird. Vielleicht ist diese ganze Kategorisierung nicht mehr haltbar und wir müssen sie nur behalten, weil wir – wie Zinn und Reuter 2011 vermuten – nichts besseres haben. 

Zum Schluss: Arbeitswissenschaft und Arbeitsforschung müssen sich um die ganze Arbeit kümmern. Ihre Modelle und Methoden müssen sich auf die ganze Arbeit richten. Und die Differenzierungen, die zu leisten sind, müssen sich aus der Wissenschaft selbst entwickeln, und nicht irgendwoher fremd entliehen werden.

 

Gerhard Ernst

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Körperliche Belastungen: verschwunden

Im September 2014 veröffentlichte die Bundesregierung die „Neue High Tech Strategie“. Im Gegensatz zu früher nimmt die „Innovative Arbeitswelt“ einen besonderen Stellenwert ein. Ein Fortschritt, aber auch ein Grund genauer hinzuschauen:

„In der Arbeitswelt der Zukunft müssen die Arbeitssysteme und Kompetenzen an die neuen technologischen Erfordernisse und die Bedürfnisse der sich in Zeiten des demografischen Wandels verändernden Belegschaft angepasst werden.“

An wen muss angepasst werden: an die Technologie und an die veränderte Belegschaft. Wer muss angepasst werden: die Arbeitssysteme und die „Kompetenzen“. Wessen Kompetenzen wird hier nicht deutlich gesagt, aber nachher wird die „Qualifizierung von Beschäftigten“ erwähnt, so dass der Leser von einer Gleichsetzung zwischen Kompetenzentwicklung und Qualifizierung ausgehen kann. Vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eines Hauses, das sich einmal dem Thema „Lernen im Prozess der Arbeit“ gewidmet hat, wird dies wehtun. Doch die High Tech Strategie entwickelt sich weiter: „Arbeitszeitregelungen, Arbeitsschutz- oder Gesundheitsschutznormen müssen weiterentwickelt werden, um z. B. bestehende Schutzniveaus zu sichern.“ Das klingt gut, aber was soll hier die Einschränkung der Weiterentwicklung auf die Sicherung bestehender Schutzniveaus? Ist es eventuell so, dass die bestehenden Schutzniveaus gefährdet sind? Darauf deuten die Zahlen des Statistischen Bundesamtes[1] (Analyse vom 5.9.2014) hin.

So arbeiten 12% der vollerwerbstätigen Personen mehr als 48 Stunden die Woche. Dabei gilt: je älter desto länger die Arbeitszeit. Und dass es die Führungskräfte sind, die für einen großen Teil zu dieser Entwicklung beitragen, ja dass nach Aussage des Statistischen Bundesamtes „Überlanges Arbeiten bei Führungskräften fast normal“ ist, ist auch nicht optimal; denn wie soll diese Gruppe das bis 67 aushalten? Das kann aber doch nicht die Anpassung in Zeiten des demographischen Wandels an die veränderte Belegschaft sein, die in der High Tech Strategie angesprochen ist.

Fast beruhigend spricht das Statistische Bundesamt davon, dass der Anteil der Erwerbstätigen, die regelmäßig nachts arbeiten, zwischen 1992 und 2012 nur leicht von 7% auf 9% gestiegen ist. D.h. richtig gesprochen: Auch in Zeiten der Digitalisierung ist es nicht gelungen, den Anteil der gesundheitsschädlichen Nachtarbeit zu senken, nein eher im Gegenteil, dieser Anteil steigt. Das ist kein Grund zur Beruhigung. Gleichzeitig ist der Anteil der Erwerbstätigen, die abends arbeiten von 15% auf 22% gestiegen. All das wäre eigentlich ein Grund die geballte Kraft innovativer Technik einzusetzen, um diesen Missständen abzuhelfen.

Körperliche Belastungen und Beanspruchungen und die mit ihnen verbundenen Gefährdungen sowie betriebliche Lösungen sind kein Thema der Forschung mehr und zu großen Teilen auch kein Problem der Regulationen im Gesundheits- und Arbeitsschutz[2]. Der Schwerpunkt der öffentlichen Wahrnehmung liegt auf den ungelösten Problemen der psychischen Belastung und Beanspruchung. Die körperlichen Belastungen werden im Zuge der Digitalisierung von vielen als gelöst angesehen. Doch wie sieht die Realität aus? In diesen Zeiten, wo körperliche Belastungen als erledigt erscheinen, fühlen sich noch immer 11% der Erwerbstätigen belastet (Zahlen von 2007!). Teilt man auf findet man noch immer 2%, die sich von Lärm belastet fühlen, ein Thema das eigentlich seit 25Jahren erledigt sein müsste und 6% klagen über schwierige Körperhaltungen und das Umgehen mit schweren Lasten. Sowohl in der Industrie als auch im Handwerk und in der Landwirtschaft klagten etwa 20% der Erwerbstägigen, dass solche Belastungen ihre Gesundheit beeinträchtigen.

Man darf sich übrigens nicht vorstellen, dass Digitalisierung keine neuen konventionellen Belastungen schafft: Sprachkommunikation bedeutet auf der einen Seite Austausch von Inhalten, für viele ist es jedoch einfach nur Lärm. Sind unsere Großbüros wirklich darauf eingerichtet, soviel Lärm „zu schlucken“? Eine Erkenntnis bei der Automatisierung der Produktion war, dass Systemschnittstellen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht automatisiert waren und Menschen hier „schlechte“ Arbeit verrichten mussten. Wie sieht es in den hochautomatisierten Lagern wirklich aus? Gibt es nicht auch bei den wissensintensiven Dienstleistungen Medienbrüche, bei denen Menschen „einspringen“ müssen?

Für viele kleine und mittlere Unternehmen – aber auch für die selbständig Beschäftigten – z.B. in der Logistik, im Handel, im Verarbeitenden Gewerbe, in Pflegediensten[3] und im Handwerk bleiben die körperlichen Belastungen ein Problem. Sei es, dass die Lösungen zur Arbeitsorganisation nicht verwirklicht werden können, sei es, dass das Führungspersonal die Bedeutung nicht erkennt, sei es, dass eine prinzipiell vorhandene technische Lösung nicht finanzierbar ist. Das Problem ist auch unter wirtschaftspolitischen Aspekten zu betrachten. So wird die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen nicht gefördert, wenn sie ihr vorhandenes Personal „verheizen“ müssen und die Rekrutierung qualifizierten Nachwuchses ist sehr häufig erschwert.

Zusammengefasst: Auch in Zeiten der Digitalisierung bleiben „bad jobs“ bestehen, ein Problem auf das in den Eschborner Thesen hingewiesen wird, das aber in der High Tech Strategie nicht vorgesehen ist. „Innovative Arbeitswelt“ ist mehr als Digitalisierung und wir müssen alles tun, dass ein Arbeitsforschungsprogramm die ganze Arbeit umfasst und sich nicht im Hype der Digitalisierung filetieren lässt.

 

Gerhard Ernst

September 2014

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[1] https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/QualitaetArbeit/QualitaetDerArbeit.html?cms_gtp=318944_slot%253D1&https=1

[2] So ist z.B. das Gewicht von Gütern, die gehoben oder getragen werden müssen, auf 20 kg beschränkt. Dafür müssen dann – um die Produktivität zu halten – in der gleichen Zeit mehr Güter gehoben werden.

[3] Hier ist das Problem besonders gravierend, da zwar technische Hilfsmittel entwickelt sind, aber der Einsatz bei Kleinen und mittleren Unternehmen und Einzelselbständigen mit großen Problemen verbunden ist.

Arbeit in Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen

Machen wir uns nichts vor – die „Öffentlichen Dienstleistungen“ haben massiv an Strahlkraft verloren, nicht nur für die Bürger und Bürgerinnen, sondern auch für die Beschäftigten. Die Finanzkrise führt dazu, „öffentliche Dienste“ zu minimieren, zu privatisieren oder ganz einfach abzuschaffen. Die veränderte Wertschätzung der „Öffentlichen Dienstleistungen“ war verbunden mit der Vorherrschaft des Monetarismus und einem Wandel hin zu einer „Verbetriebswirtschaftlichung der Wirtschaftswissenschaften“ sowie dem Ende anspruchsvoller Erfolgskontroll- und Planungsinstrumente. Doch auch die Strahlkraft hinsichtlich der Beschäftigung ändert sich. Abgesenkte Anfangsbesoldungen, Zeitverträge sind in den letzten Jahren Normalität geworden. Auch hinsichtlich der Belastungen in zentralen Bereichen der „Öffentlichen Dienstleistungen“ sieht es nicht gut aus. So berichtet der DGB-Index Gute Arbeit (o.J.) von einem Anteil an Erwerbsminderungsrenten bei Sozialpflegerischen, Gesundheits- und Verkehrsberufen von 26 bis 32% (Metallerzeugung und -bearbeitung 22 Prozent). Mit dem Konzept der „Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen“ wird ein alternativer Zukunftspfad aufgezeichnet. Das Konzept der Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen soll in der Vorstellung von Sozialer Gerechtigkeit verankert und Dienstleistungs- und Arbeitswissenschaft zur Weiterentwicklung und Realisierung des Konzeptes genutzt werden. Ein hehrer Anspruch. Den Gesellschaftlich Notwendigen Dienstleistungen soll ein Konzept der „Sozialen Innovation“ zu Grunde liegen. Im Gegensatz zu den üblichen Innovationskonzepten steht das Konzept explizit in einen gesellschaftlichen Bewertungszusammenhang: Soziale Innovationen werden als mit sozialem Wandel einhergehende Neuerungen verstanden, die die positive Beeinflussung der Möglichkeiten und Lebenssituationen einer Gesellschaft zum Ziel haben. Sie sind gesellschaftlich folgenreiche, vom vorher gewohnten Schema abweichende Regelungen von Tätigkeiten und Vorgehensweisen. Damit wird die Interessenlage deutlich gemacht und nicht hinter einem angeblichen „ideologiefreien“ Ansatz versteckt. Insgesamt scheint das Konzept der „Sozialen Innovation“ vielversprechend für einen Diskurs um Innovationen in und mit Dienstleistungen zu sein. Doch die „Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen“ bedürfen neuer Produktivitätskonzepte. Denn ein Produktivitätskonzept, das nur nach kurzfristigen Kostensenkungen schaut und Kostenverschiebungen in andere Bereiche riskiert, ist völlig fehl am Platz. Eng verbunden mit einem neuen Produktivitätskonzept ist ein Professionalisierungs­konzept der Dienstleistungen. Dabei geht es nicht nur um professionelle, wertgeschätzte Arbeit, sondern um die professionelle Gestaltung des Dienstleistungssystems. Die „Abkehr vom Industrialismus“ bedeutet nicht einen Abbau des Verarbeitenden Gewerbes, sondern eine Transformation einer gesellschaftlichen Struktur. Heute sieht es so aus, als ob das Gefüge industrieller Ordnungen des beginnenden 20. Jahrhunderts, Architekturen und Denkweisen sich auch über die Gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen stülpen. Inzwischen scheint man die „Industrialisierung“ der Dienstleistungen für normal zu halten. Dies gilt für die Arbeit mit einer immer stärkeren Taylorisierung und Vermarktlichung der Arbeit, die Prekarisierung der Beschäftigung und für die Organisationen mit neuen Formen des Outsourcing und Offshoring. Doch ein Industrialisierungskonzept dieser Art ist kein unausweichlicher Trend, sondern ein Entwicklungsmodell, das sich in der Konkurrenz zu anderen behaupten muss. Ein anderes Entwicklungsmodell orientiert sich am Nutzen für Berger und Bürgerinnen und an der Kreativität und Motivation der Beschäftigten. Es ist immer schön, vom Einnehmen der Kundenperspektive zu reden. Das ist aber in der Realität der Gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen nicht einfach. Open Innovation mit Bürgern und Bürgerinnen, die an diesem Prozess nicht teilnehmen können (seien es kognitive Gründe, sei es technischer Zugang) oder nicht teilnehmen wollen, geht nicht. Die abgespeckten „Normal“Kommunalverwaltungen, die die Dienstleistungen später erbringen sollen, verfügen nicht über das Wissen und die personellen Kapazitäten, einen Innovationsprozess mit Bürgerbeteiligung in Gang zu setzen, geschweige denn, dass sie im Stande sind, den folgenden Dienstleistungsentwicklungsprozess zu übernehmen. Gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen neu zu gestalten, ist noch immer gegen den Zeitgeist. Aber angesichts der Krisen und Umbrüche ist es notwendig und angemessen, neue Dienstleistungskonzepte verbunden mit Guter Arbeit zu entwickeln. Wir müssen für ein funktionierendes Gemeinwesen und gegen die soziale Ungleichheit neue Konzepte verfolgen, die über einfache monetäre Transferleistungen hinausgehen. Wir dürfen uns bei neuen Konzeptionen auch nicht davon abhalten lassen, dass wir erst am Anfang stehen. Eine verstärkte Forschungsarbeit und eine breite gesellschaftliche Diskussion sind notwendig, um aus der heutigen Sackgasse herauszukommen. Gerd Ernst Juni 2014 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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