Gehört Arbeit in die Armuts-und Reichtumsberichterstattung?

Der 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (http://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Startseite/start.html) ist vor einiger Zeit erschienen und hat die üblichen Fragen ausgelöst, angefangen von der Zensur bis hin zur sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. Das soll alles nicht das Thema sein, sondern die Frage, ob humane Arbeit nicht auch in den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung gehört – wohlgemerkt nicht in den Bericht einer Bundesanstalt oder des Arbeitsministeriums, sondern in einen Bericht der Bundesregierung. Viele werden jetzt sagen, worin besteht denn der Unterschied? Bei einem Bericht der Bundesregierung wird ja doch nur geglättet und getäuscht. Das ist aber nur das (relativ transparente) Ergebnis des Diskussionsprozesses innerhalb der Regierung. Denn Regierungsberichte sollen eine Gesamtschau der sozialen Wirklichkeit geben, die es ermöglicht, verschiedene Politikbereiche zu verzahnen. Es sollen Politikinstrumente aufgezeigt werden, mit denen Armut vermieden und beseitigt werden kann, die Eigenverantwortlichkeit gestärkt und die Polarisierung in der Gesellschaft vermindert werden kann. Darüber hinaus soll der Bericht zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Natürlich konzentriert sich der Bericht zunächst auf Einkommen und Vermögen, die manchmal auch mit Arbeit zu tun haben. Aber das Thema „Arbeit“ taucht nur in der engen Form von „Erwerbstätigkeit“ auf. Auch „Bildung“ hat im Bericht keine Beziehung zu „Arbeit“. Lernen im Prozess der Arbeit ist kein Thema. Die Teilung Erwerbstätige vs. Erwerbslose ist sicher sinnvoll, aber wir müssen auch sehen, dass es bei den Erwerbstätigen deutliche gesundheitliche Ungleichheiten gibt. Sie gehen auf unterschiedliche Formen der Arbeitsbelastung zurück, besonders wenn es zu einer Kumulation von Belastungen kommt. Das kann ein Risiko für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und somit auch ein Armutsrisiko darstellen. Nicht selten ist die Kumulation ungünstiger Arbeitsbedingungen zudem mit einer im Durchschnitt geringeren Bezahlung und ungünstigeren sozialen Absicherung gekoppelt, was die Situation für die Betroffenen erschwert. Es ist vielleicht sogar von großer Relevanz für die Politik, dass derzeit 40% der jährlichen Neuzugänge in die Erwerbsminderungsrente auf psychische Belastungen zurückzuführen sind. Schlechte Arbeit kann zum Gesundheitsrisiko und damit auch zum Armutsrisiko werden. Es wäre ganz sinnvoll, wenn wir wüssten, wie der Umfang dieses Risikos ist. Aber es können nicht nur die klassischen Belastungen zum Risiko werden, sondern auch die Unplanbarkeit der eigenen Zukunft und der scheinbar unabwendbare Wandel der Arbeitswelt. Es ist nämlich nicht nur die Unsicherheit, ob ich überhaupt noch eine Beschäftigung habe, sondern auch die Unklarheit über zukünftige Statusveränderungen im Wandel meiner Arbeit. Insgesamt erscheint es ganz sinnvoll, den Armuts- und Reichtumsbericht um das Thema „Arbeit“ zu erweitern. Dazu gehört die Einbeziehung von Daten zu Arbeit und Gesundheit (insbesondere psychische Belastung und Beanspruchung, aber auch die Darstellung kumulierender Risiken für spezifische Branchen, Berufe und Regionen). Dazu gehört auch die Ausweitung der Betrachtung des Wandels der Arbeit und seine Auswirkungen auf die Beschäftigten. P.S.: Die Kolumne basiert auf Vorträgen eines internen Workshops, deshalb habe ich die Quellen nicht angeführt. Weitere Informationen können aber angefordert werden. G. Ernst Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Humanisierung braucht ein „Neues Lied“ - zur Gründung von „Humane Gestaltung von Arbeit und Leben“

Am 8.Februar ist in Bonn der Verein „Humane Gestaltung von Arbeit und Leben“ gegründet worden. Der Verein will in der Tradition der vielfältigen Bemühungen zur Humanisierung des Arbeitslebens stehen und die Debatte um die humane Gestaltung von Arbeit und Leben unterstützen und fortführen. Zur gleichen Zeit will er aber auch den Gedanken aufgreifen, Arbeit und Leben wieder miteinander zu verbinden; denn „Acht Stunden sind kein Tag.“ Tradition heisst für mich, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu vergleichen und darauf aufbauend ein „Neues Lied“ zu singen.

Als die Gewerkschaft ÖTV Ende der 80er Jahre in einer großen Tarifauseinandersetzung stand, sang der damalige SPD-Ministerpräsident Oskar LaFontaine das „Lied vom Teilen“[1] und fiel den deutschen Gewerkschaften – unter dem Beifall der Arbeitgeber – massiv in den Rücken. In einem 1989 veröffentlichten Buch sind nicht nur seine Thesen dargestellt, sondern auch andere, die sich mit „Humanisierung des Arbeitslebens“ und Gestaltung der Arbeitszeit beschäftigen.

„Aber zugleich eröffnen beide Wege – Arbeitszeitverkürzung und Humanisierung des Arbeitslebens – auch den Weg zu sinnvolleren, verantwortlichungsvolleren Rollen des Arbeitnehmers in einer solidarischen Gesellschaft. Immer weniger wird er auf seine für die Industriegesellschaft kennzeichnende traditionelle Daseinsspaltung verwiesen – einerseits Arbeitnehmer zu sein und andrerseits bloßer Privatmensch. Dazwischen erschliesst sich zunehmend ein Feld sozialer Aktivität und Verantwortung.

Und dies kann zugleich ganz neue Reserven sozialer Leistungsbereitschaft steigern. Soziale Dienstleistungen wie Kindererziehung, Altenpflege und Krankenbetreuung könnten in einem ins Gewicht fallenden Umfang in die kleinen Netze der Familie, des Freundeskreises und der Nachbarschaft zurückverlagert werden.“ (a.a.O., S.68)

Willy Brandt hat diese Sätze 1982 geschrieben, sie wurden in der Debatte um „Das Lied vom Teilen“ wieder aufgenommen. Diese Sätze sind in vielerlei Hinsicht interessant. Zunächst einmal spricht er von der Rolle des Arbeitnehmers in einer solidarischen Gesellschaft. Humanisierung also nicht als Hilfsorgan der Produktivitätssteigerung, sondern eine Grundlage der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dann versucht er diese gesellschaftliche Teilhabe als drittes Feld zwischen der Arbeitnehmerrolle und der Rolle als „bloßer Privatmensch“ zu beschreiben. „Bloßer Privatmensch“ ist das auf sich gestellte, nur sich sehende Individuum. Weder die Konzentration auf das eine noch auf das andere ist für Brandt erstrebenswert, sondern die Verbindung mit sozialer Aktivität und Verantwortung. Erstaunlich ist dann zunächst sein Rekurs auf die „sozialen Dienstleistungen“, die in die kleinen Netze, über die die Menschen selbst bestimmen können, zurückgeholt werden sollen. Er kommt im folgenden dann auch zur realen Mitbestimmung in allen Lebensbereichen.

Doch schauen wir uns unseren heutigen Stand an. Es gibt keine Arbeitszeitverkürzung mehr. „Das Lied vom Teilen“ hat seine Wirkung getan. Nachdem die Arbeitgeber wohl keine Verlängerung der Arbeitszeit (42 Wochenstunden bei den Beamten!) mehr erreichen können (aber sicher wollen: 6*8=48), durchlöchern sie – teilweise mit Zustimmung der Sozialdemokratie – die Grenze zum „bloßen Privatmenschen“. Ach ja, das dazwischenliegende Feld „sozialer Aktivität und Verantwortung“ ist inzwischen verwüstetes, von vielen aufgegebenes Feld. Die „kleinen Netze“ sind unter dem Einfluss der „social media“ (die ja nichts mit „sozial“ zu tun haben) verunstaltet und jeder versucht mit seinem Smartphone, Tablet, VR-Brille o.ä. sein bloßes Privatleben schön zu machen. In den Schulen ist es wichtiger Medienkompetenz zu erlernen als solidarisches Verhalten!

Interessant ist Brandts Haltung zu den „Sozialen Dienstleistungen“. Willy Brandt hier platte Frauenfeindlichkeit zu unterstellen ist etwas kurz; denn bei dem Anteil der männlichen Industriearbeitnehmer 1982 sind es eher die Männer, die in die „sozialen Dienstleistungen“ zurückgeholt werden sollen. Aber für Willy Brandt scheinen solche „sozialen Dienstleistungen“ etwas zu sein, dass sich substantiell von einem kapitalistischen (Arbeits)verhältnis unterscheidet. Auch hier sind wir heute weit weg von diesen Idealen. Noch können sich Staat und Gesellschaft gegen die Übernahme der Bildungsinstitutionen für Kinder und Jugendliche wehren. Bei den Universitäten haben die Privatuniversitäten an Terrain gewonnen und über die Mitbestimmungsregelungen an den Universitäten hat auch die Wirtschaft einen Anspruch erworben, der ihr aus gesamtgesellschaftlicher Sicht nicht zusteht. Andere soziale Dienstleistungen sind heute – auch in meinem Leben – Teil der Gesundheitswirtschaft, Teil der Gesundheitsindustrie. Der Aufschrei „Gesundheit ist keine Ware“ ist ein Schrei der Verzweiflung und die Definition der Gesundheitsindustrie als „Soziale Gesundheitswirtschaft“ bedarf vieler Regeln, um den innewohnenden Kapitalismus zu bändigen.

„Das Lied vom Teilen“ hat - wie der Untertitel es fordert - einen „politischen Neubeginn“ verbunden mit einer „geistig moralischen Wende“ ausgelöst. Doch das will ich wirklich nicht mehr, sondern mit allen Kräften wieder auf das dritte Feld der „sozialen Aktivität und Verantwortung“ steuern, um eine humane Gestaltung von Arbeit und Leben zu erhalten. Wir müssen ein „Neues Lied vom Miteinander in Arbeit und Leben“ singen lernen.

 


[1] Zitate nach: Oskar Lafontaine: „Das Lied vom Teilen“ Die Debatte über Arbeit und politischen Neubeginn, Wilhelm Heine Verlag, München, 1990

Vom HdA-Programm zum Weißbuch - Leitbilder im Vergleich

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat das Weissbuch „Arbeiten 4.0 Arbeit weiter denken“ als Diskussionsentwurf vorgestellt und zunächst einmal gebührt ihr und allen Beteiligten dafür Dank. Unabhängig von der Bewertung einzelner Inhalte und einzelner Zielsetzungen ist anzuerkennen, dass hier zum ersten Mal versucht wurde, eine Gesamtsicht der Arbeit der Zukunft zu erstellen, also nicht nur ein Forschungsprogramm oder nur eine Arbeitsschutzinitiative. Zugleich hinterlassen 234 Seiten (einschliesslich der Stellungnahmen) natürlich eine gewisse Hilflosigkeit bei jemandem, der dieses Werk beschreiben und bewerten soll. Denn es geht schließlich um

  • Treiber und Trends wie Digitalisierung, Globalisierung, Demographie und Kulturellen Wandel
  • Spannungsfelder der Arbeitswelt 4.0 von Beschäftigungseffekten und Wandel von Tätigkeiten, Digitalen Plattformen, Big Data, Industrie 4.0; zeit- und ortsflexibles Arbeiten, um Unternehmensorganisationen
  • Leitbild Gute Arbeit im Digitalen Wandel
  • Gestaltungsaufgaben wie Beschäftigungsfähigkeit, Arbeitszeit, Dienstleistungen, Gesunde Arbeit, Beschäftigtendatenschutz, Mitbestimmung und Teilhabe, Selbständigkeit und den Sozialstaat.
  • Und zum Schluss um Arbeit weiter denken: Trends erkennen, Innovationen erproben und Sozialpartnerschaft stärken.

Ein erster Schritt zur Annäherung ist die Betrachtung des Leitbildes:

„Die Aufgabe liegt dabei darin, die Chancen zu nutzen, die Arbeiten 4.0 für die Wertschöpfung und Produktivität und zugleich für den Kompetenzerwerb und die individuelle Selbstbestimmung bietet.“ (S. 92) Im Dialogprozess haben sich dann fünf Dimensionen gebildet:

  • Einkommen und soziale Sicherheit
  • Integration in Gute Arbeit
  • Vielfalt als neue Normalität: Lebensphasenorientierung statt starrer Arbeitsmodelle
  • Qualität der Arbeit erhalten
  • Mitbestimmung, Partizipation und Unternehmenskultur zusammendenken

Es lohnt sich dieses Leitbild mit dem des vom BMBF verantworteten Programm „Zukunft der Arbeit – Innovationen für die Arbeit von morgen zu vergleichen“.

„Das Programm „Zukunft der Arbeit“ und seine Ergebnisse werden daran zu messen sein, wie es Arbeitsbedingungen im betrieblichen Alltag verbessern, Arbeitsplätze in Deutschland langfristig sichern, neue generieren und zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen kann.

Zum politischen Leitbild der Arbeit von morgen gehören folgende Ziele:

  • • Die Schaffung von Wohlstand.
  • • Die Schaffung unternehmerischer und persönlicher Freiheiten.
  • • Die Erzielung eines guten Lohns.
  • • Die Erhaltung der Gesundheit.
  • • Die Gestaltung nachhaltiger und umweltfreundlicher Arbeitsbedingungen.

Das Leitbild beschreibt die gesellschaftliche Wunschvorstellung für die Arbeitswirklichkeit der Zukunft, der sich die Politik verpflichtet fühlt.“ (S.12)

Zwei Punkte fallen ins Auge: Mitbestimmung spielt beim BMBF-Programm im Leitbild keine Rolle und umgekehrt sind „unternehmerische Freiheiten“ kein Leitbildthema des BMAS, sieht man von der Behandlung des Themas „Selbstständige“ ab. Interessant ist die starke Hervorhebung der Themen „Gesundheit“ sowie „Nachhaltigkeit“ und „Umweltfreundlichkeit“ beim BMBF, die beim BMAS-Text natürlich im Text auftauchen, aber eben nicht so explizit hervorgehoben sind. Wobei sich dem nachdenklichen Menschen natürlich die Frage stellt, was ein BMBF-Forschungsprogramm zur Erzielung eines guten Lohnes beitragen soll.

Das Weissbuch versteht sich auch in der Tradition der Humanisierung des Arbeitslebens. Deshalb ist auch ein Vergleich mit den Zielen des Humanisierungsprogramms von 1974 interessant.

„Die Humanisierung des Arbeitslebens darf sich aber nicht nur in einem Abbau von Belastungen erschöpfen, sondern sollte darüber hinaus dem einzelnen auch die Möglichkeiten für die Entfaltung seiner Fähigkeiten und damit zur Selbstverwirklichung geben.“ (S. 3)

Zunächst einmal ist weder von Wertschöpfung noch von Produktivität die Rede, sondern die Zielsetzung ist klar auf den arbeitenden Menschen und sein Leben ausgerichtet. D.h. die arbeits- und sozialpolitischen Ziele stehen im Vordergrund und erst später heisst es dann:

Gelingt es die Entfaltungsmöglichkeiten für den arbeitenden Menschen zu erweitern….das in jedem Menschen ruhende Potential an Fähigkeiten zu wecken und zu nutzen, kann erwartet werden, dass die Humanisierung der Arbeit in Zukunft ein wichtiger, die Wettbewerbsfähigkeit stark mit beeinflussender Faktor sein wird.“ (S.5)

Damit dürfte ein wesentlicher Unterschied zwischen den arbeits- und sozialpolitischen Leitbildern damals und heute liegen. Das Selbstbewusstsein der Arbeits- und Sozialpolitik ist heute schon so „gebrochen“, dass es sich nicht aus dem Wohl des Arbeitenden selbst ableitet, sondern zuallererst als Funktion der Wettbewerbsfähigkeit gesehen wird..

„Kompetenzerwerb“ gegen „Entfaltung seiner Fähigkeiten“- zunächst erscheint es ein geringer Unterschied, doch klingt Kompetenzerwerb eher nach Kompetenzen, die für die Arbeit notwendig sind, während „Entfaltung seiner Fähigkeiten“ auch die Entfaltung in das Privatleben hinein bedeutet. Auch wenn Hans Matthöfer schreibt, Millionen von Arbeitnehmern bezögen die Forderung nach einer besseren Qualität des Lebens vor allem auf ihren Arbeitsplatz, muss doch immer klar bleiben, dass 8 Stunden kein Tag sind, die Qualität der täglichen Arbeit sich direkt auf das Leben nach der Arbeit auswirkt.

„individuelle Selbstbestimmung“ gegen „Selbstverwirklichung“ - in einer Zeit, wo „Selbstverantwortung“ zu einem anderen Wort für „Entsolidarisierung“ geworden ist, ist es schon etwas anderes von „individueller Selbstbestimmung“ zu sprechen. In der „Selbstverwirklichung“ steckte immer der andere, die „kooperationsfördernde Organisation“ dahinter.

Andrea Nahles und ihr Ministerium haben einen großen Schritt getan. Der von ihrem Haus durchgeführte Dialogprozess zeigt, dass „Arbeit“ auf der Tagesordnung steht. Wir werden auf hda-online die einzelnen Bestandteile des Weissbuches Stück für Stück analysieren. An Hand einer kurzen Betrachtung der Leitbilder des Weissbuches, des BMBF-Programms „Zukunft der Arbeit“ und des ehemaligen Programms „Humanisierung des Arbeitslebens“ wird aber schon deutlich, wie selbst heutige gute Ansätze hinter die Arbeits- und Sozialpolitik der sozialliberalen Koalition in den 70er zurückgefallen sind.

Klaus Zühlke-Robinet; Gerd Ernst

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Zeit zu gestalten - Positionen zum Arbeitszeitgesetz

Es ist schwierig, noch etwas über die Auseinandersetzung zur Arbeitszeit zu schreiben, auch wenn die „Arbeitszeitkonferenz“ von DGB und Friedrich-Ebert-Stiftung am 17./18.1. viele neue Hinweise zu den Positionen gab. Bei den Gewerkschaften (z.B. im Eingangsreferat von Reiner Hoffmann oder dem Statement von Annelie Buntenbach (beide DGB-Bundesvorstand) oder dem Beitrag zum Streitgespräch von Andrea Kocsis (Ver.di Bundesvorstand) gab es die eindeutige Aussage, dass es Flexibilisierung genug gibt und das Arbeitszeitgesetz keiner Änderungen bedürfe. Unterstützt wurden sie hierbei von Andreas Hoff, einem Unternehmensberater zum Thema Arbeitszeitsysteme. Auch die Betriebsräte aus den Großunternehmen sahen keinen Bedarf an Gesetzesänderungen.

Die Arbeitgeberseite sieht dies (natürlich) vollkommen anders. Zunächst einmal wehrte sich Roland Wolf von der BDA gegen die These, den 8-Stunden-Tag in Frage zu stellen: „Niemand hat die Absicht, den 8-Stunden-Tag abzuschaffen“ (Wörtliches Zitat, dessen Verbindung zu dem Ulbricht-Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ Roland Wolf im Streitgespräch wohl nicht klar war.) Nein, die Arbeitgeberseite will auf die Wochenarbeitszeit hin; denn (wiederum wörtlich) „6 mal 8 ist 48“. Und dann warnte er davor, dass man jetzt durch die Flexibilisierung den Druck herausnehmen solle, damit später einem „nicht alles um die Ohren fliegt“. Allerdings konnte er dann nicht klären, was denn da fliegen solle. Natürlich will die Arbeitgeberseite die Ruhezeit weiter flexibilisieren, obwohl Andreas Hoff darüber berichtete, dass angesichts der steigenden Arbeitsbelastungen man im Pflegebereich von der Sonderregelung „9 Stunden“ (also aufeinderfolge von Spät- und Frühschicht) wieder abschaffen wolle. Interessanterweise übte Roland Wolf Kritik am Vorgehen von Arbeitsministerin Nahles mit ihren Experimentalräumen: Wenn man erst in zwei Jahren zu einem Ergebnis komme, sei die BDA nicht mehr daran interessiert. Man wolle die Flexibilisierung jetzt.

Die Position der SPD wurde von Ministerin Andrea Nahles und MdB Dr. Carola Reimann vertreten. Auch wenn Andrea Nahles in der Eifel wohnt, verströmte sie bei ihrer Rede den Charme einer rheinischen Frohnatur. Sie wusste natürlich, dass sie sich nicht gerade auf freundlichem Boden aufhält und hielt trotzdem an ihrem Flexiblisierungsgedanken und an ihren Experimentalräumen fest. Sie wurde zwar nicht so offen kritisch angegangen wie ihre Staatssekretärin einige Monate zuvor, aber der Beifall blieb höflich. Nicht so höflich war das Publikum zu Carola Reimann (MdB SPD) und Brigitte Pothmer (MdB Bündnis 90/ Die Grünen). Sie fuhren unter dem Label „Frauenbewegt“ einen offenen Konfrontationskurs gegen die Betriebsräte. Reimann forderte eine Deregulierung, um eine Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Bei der Darstellung von Pothmer, die wieder das unsägliche Beispiel der Mutter, die nach einem frühen Arbeitsschluss ihr Kind versorgt, und sich dann gegen 2100/2200 Uhr wieder „an ihr Projekt setzt“ (wörtlich), wurde das Publikum sichtbar unruhig; denn welches Bild einer arbeitenden Frau hat diese Abgeordnete eigentlich? Reimann weigerte sich in der Diskussion mit dem Publikum sogar auf die Frage zu antworten, warum die SPD ihre Argumentation beim Wechsel von Arbeitszeitordnung zu Arbeitszeitgesetz aufgeben und für weitergehende, gesundheitsgefährdende Flexibilisierung sei. Der CDU-Abgeordnete Lagoski vertrat eine sehr harte Position: das Arbeitszeitgesetz bedürfe keiner Änderung und man brauche die von Nahles vorgeschlagenen Experimentierräume nicht. Allerdings räumte er ein, dass er sich nicht sicher sei, inwieweit die CDU/CSU Fraktion diese Haltung mittrage. Klaus Ernst (MdB Die Linke) baute auf seinen Erfahrungen als IG Metall Bevollmächtigter auf, lehnte Flexibilisierung ab und forderte stattdessen eine verstärkte Rückkehr zur „Sicherheit“.

Ich möchte diese Positionen nicht ausführlich diskutieren, aber manchmal wäre mir lieb, dass arbeitswissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse (z.B. aus dem Arbeitszeitreport 2016 der BAuA oder dem Jahrbuch Gute Arbeit Ausgabe 2017) und ein fundierteres Bild arbeitender Menschen in den Köpfen unserer weiblichen und männlichen Abgeordneten wären.

Arbeit der Zukunft – QuoVadis?

Ende 2016 soll das Weissbuch „Arbeit 4.0“ publiziert werden und Anfang 2017 will die Kommission „Zukunft der Arbeit“ ihre Ergebnisse veröffentlichen. Also Zeit, ein kleines Resumee zu halten.

Es gibt Stimmen, die sprechen von einer desolaten Situation, was die eingeschränkte Dimension von öffentlich geförderten Humanisierungsaktivitäten als auch eine sich von humaner Arbeit und gutem Leben weiter entfernende Realität angeht. Es gibt – auch ich gehöre dazu – Stimmen, die heftig Kritik an der realen Arbeitspolitik üben. Dabei geht oft verloren, von welchem Punkt wir gestartet sind.

Zurück nach 2013. Dort sollte ein Forschungsprogramm zu „Produktion, Dienstleistung und Arbeit“ verabschiedet werden, das keinen ausformulierten Arbeitsteil besass. Also ohne Arbeitsforschung, geschweige Humanisierung auskommen sollte. Es ist den Anstrengungen vieler Menschen aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Politik zu verdanken – und ich will hier nur Jörg Hentrich und Claudius Riegler mit den ESCHBORNER THESEN nennen, dass die Humanisierung und die Förderung der Produktions-, Dienstleistungs- und Arbeitsforschung im Koalitionsvertrag verankert wurden. 2016 hat der Bundestag – praktisch mit Unterstützung aller Fraktionen – dann einen Antrag zu „Innovative Arbeitsforschung für eine Humanisierung unserer Arbeitswelt und mehr Beschäftigung“ beschlossen.

Es hat unsäglich lange gedauert bis das BMBF diesen Auftrag in Programm, Bekanntmachungen und Projekte umsetzte. Aber seit Beginn 2016 ist hier ein Wandel zu beobachten. Das Arbeitsforschungsprogramm ist verabschiedet. In 2016 sind zwei neue Bekanntmachungen erschienen, eine dritte wird erwartet und auch die Anzahl der Vorhaben steigt. Es ist auch zugesagt, dass der Wechsel der Projektträger keine Verzögerungen mit sich bringen wird.

Relativ rasch hat das BMAS „Arbeit 4.0“ auf den Weg gebracht. Das Grünbuch hat einen – zum Teil auch kontroversen – lebendigen Diskursprozess ermöglicht.

In NRW haben das Forschungs- und Arbeitsministerium mit dem Themenbereich „Digitalisierung von Arbeit – Industrie 4.0“ am Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung einen weiteren Schritt auf Länderebene getan.

Die Hans-Böckler-Stiftung hat zusammen mit den Gewerkschaften Kommission „Arbeit der Zukunft“ ins Leben gerufen. Hier sollen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Vorständen und Betriebsräten großer Unternehmen, aus der Digital- und Kreativwirtschaft, aus Gewerkschaften und Ministerien unter der Leitung des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann und der Soziologin Prof. Dr. Kerstin Jürgens bis Mai 2017 einen Empfehlungskatalog zur Arbeit der Zukunft erarbeiten.

„Henne – Ei – Probleme“ sind mir bekannt. Deshalb weiß ich nicht, wie die real vorhandenen Arbeitsbedingungen mit diesen arbeits- und forschungspolitischen Anstrengungen interagieren. Aber es scheint mir so, dass die Chancen der Digitalisierung auf der Ebene der arbeitenden Menschen (noch) nicht ankommen und hier auch viel Unmut vorhanden ist.

Gibt es also einen Fortschritt? Gemessen an 2013 auf jeden Fall. Wir können über neue Programme und Ansätze diskutieren. Während vor 2013 überhaupt keine programmatische Grundlage vorhanden war, können jetzt Forschung und Arbeit vor programmatischen Hintergründen kritisch hinterfragt und weiterentwickelt werden. Mit den laufenden Anstrengungen in der Forschungsförderung ist auch damit zu rechnen, dass wieder Menschen auf allen Qualifikationsstufen ausgebildet werden, denen die Zielsetzungen und methodischen Ansätze einer humanen Gestaltung der Arbeit nicht mehr fremd sind. Es bleibt die Lücke zwischen Forschung und Realität. Ich weiss, dass gesellschaftliche Verhältnisse – angefangen vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit bis hin zum Neoliberalismus in unseren eigenen Köpfen – massive Friktionen verursachen werden. Deshalb sind auch neue Anstrengungen notwendig, die über die früheren Ansätze der Umsetzung von Humanisierungsergebnissen hinausgehen. Wir werden ähnliche Wege wie in der Dienstleistungswirtschaft gehen müssen, um ein neues Bewusstsein zu wecken.

Doch wohin sollen wir gehen? Pöhler und Peter (Pöhler und Peter: Erfahrungen mit dem Humanisierungsprogramm, Bund Verlag, 1982) haben vor 36 Jahren zwei Wege aufgezeigt: den des technologiepolitischen Forschungsprogramms mit ganz bestimmten besonderen Merkmalen und den eines „sozialdemokratischen Reformprojekts“. Pöhler und Peter kritisierten 1982, dass die strategischen Ausgangsbedingungen so heterogen waren, „dass ein in sich geschlossenes Konzept der Humanisierung nicht erwartet werden konnte. Es verwundert deshalb nicht, dass das Aktionsprogramm weniger eine ausgefeilte Strategie der Humanisierungspolitik zum Ausdruck bringt, als vielmehr eine Addition unterschiedlicher und zum Teil divergierender Teilziele“. Die Kritik trifft auch für das heutige Programm zu. Doch wer sollte denn 2013 ein in sich geschlossenes Konzept der Humanisierung formulieren? Die Initiatoren der ESCHBORNER THESEN waren ja froh, dass sich überhaupt noch genügend Interessierte fanden.

Ich habe mit Absicht den Originalbegriff „sozialdemokratisches Reformprojekt“ für die Bezeichnung des 2. Weges beibehalten. Seit der Agenda 2010, also seit über 15 Jahren hat der Begriff „Reform“ seinen Heiligenschein verloren, ähnlich wie „Innovation“, „Flexibilisierung“ und „Digitalisierung“. Die arbeitenden Menschen sind häufig der Ansicht, dass diese Konzepte nur zu ihren Lasten gehen. Also bleibt die Frage, was setzen wir an Stelle der „Reform“? Die dazugehörende Eigenschaft „sozialdemokratisch“ zeigt, dass es nicht allein um „Humanisierung des Arbeitslebens“ oder gar nur um „Arbeitsforschung“ geht, sondern um eine politische Zielsetzung, die wie Günter Neubauer (http://hda-online.net/arbeitswelt-gestalten/technologie-und-arbeitsleben/99-digitalisierung-von-arbeit-und-leben.html) es gefordert hat, die „Humanisierung von Arbeit UND Leben“ umfasst. Doch welche politische Gruppierung ist heute in der Lage, ein solches „Gesamtprogramm“ zu formulieren? Und es wird eine politische Kraft sein müssen; denn es wir mehr sein müssen als ein neuer sozialer Kompromiss.

Bleibt also nur, den Weg von vor knapp 40 Jahren zu wiederholen: Ausgehend von einem technologiepolitischen Programmansatz, Ziele des Programms zu gewichten, Programmpartner zu gewinnen und dann den Weg zur „Humanisierung von Arbeit und Leben“ zu gehen. Rollen wir den Stein der Humanisierung wieder den Berg hinauf? Lassen wir den Stein liegen, wo er hingehört, lassen wir ihn gar auf die Gegner der Humanisierung ins Tal rollen, oder tragen wir den Hang ab, um der Mühe enthoben zu sein?

G. Ernst

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