Vom HdA-Programm zum Weißbuch - Leitbilder im Vergleich

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat das Weissbuch „Arbeiten 4.0 Arbeit weiter denken“ als Diskussionsentwurf vorgestellt und zunächst einmal gebührt ihr und allen Beteiligten dafür Dank. Unabhängig von der Bewertung einzelner Inhalte und einzelner Zielsetzungen ist anzuerkennen, dass hier zum ersten Mal versucht wurde, eine Gesamtsicht der Arbeit der Zukunft zu erstellen, also nicht nur ein Forschungsprogramm oder nur eine Arbeitsschutzinitiative. Zugleich hinterlassen 234 Seiten (einschliesslich der Stellungnahmen) natürlich eine gewisse Hilflosigkeit bei jemandem, der dieses Werk beschreiben und bewerten soll. Denn es geht schließlich um

  • Treiber und Trends wie Digitalisierung, Globalisierung, Demographie und Kulturellen Wandel
  • Spannungsfelder der Arbeitswelt 4.0 von Beschäftigungseffekten und Wandel von Tätigkeiten, Digitalen Plattformen, Big Data, Industrie 4.0; zeit- und ortsflexibles Arbeiten, um Unternehmensorganisationen
  • Leitbild Gute Arbeit im Digitalen Wandel
  • Gestaltungsaufgaben wie Beschäftigungsfähigkeit, Arbeitszeit, Dienstleistungen, Gesunde Arbeit, Beschäftigtendatenschutz, Mitbestimmung und Teilhabe, Selbständigkeit und den Sozialstaat.
  • Und zum Schluss um Arbeit weiter denken: Trends erkennen, Innovationen erproben und Sozialpartnerschaft stärken.

Ein erster Schritt zur Annäherung ist die Betrachtung des Leitbildes:

„Die Aufgabe liegt dabei darin, die Chancen zu nutzen, die Arbeiten 4.0 für die Wertschöpfung und Produktivität und zugleich für den Kompetenzerwerb und die individuelle Selbstbestimmung bietet.“ (S. 92) Im Dialogprozess haben sich dann fünf Dimensionen gebildet:

  • Einkommen und soziale Sicherheit
  • Integration in Gute Arbeit
  • Vielfalt als neue Normalität: Lebensphasenorientierung statt starrer Arbeitsmodelle
  • Qualität der Arbeit erhalten
  • Mitbestimmung, Partizipation und Unternehmenskultur zusammendenken

Es lohnt sich dieses Leitbild mit dem des vom BMBF verantworteten Programm „Zukunft der Arbeit – Innovationen für die Arbeit von morgen zu vergleichen“.

„Das Programm „Zukunft der Arbeit“ und seine Ergebnisse werden daran zu messen sein, wie es Arbeitsbedingungen im betrieblichen Alltag verbessern, Arbeitsplätze in Deutschland langfristig sichern, neue generieren und zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen kann.

Zum politischen Leitbild der Arbeit von morgen gehören folgende Ziele:

  • • Die Schaffung von Wohlstand.
  • • Die Schaffung unternehmerischer und persönlicher Freiheiten.
  • • Die Erzielung eines guten Lohns.
  • • Die Erhaltung der Gesundheit.
  • • Die Gestaltung nachhaltiger und umweltfreundlicher Arbeitsbedingungen.

Das Leitbild beschreibt die gesellschaftliche Wunschvorstellung für die Arbeitswirklichkeit der Zukunft, der sich die Politik verpflichtet fühlt.“ (S.12)

Zwei Punkte fallen ins Auge: Mitbestimmung spielt beim BMBF-Programm im Leitbild keine Rolle und umgekehrt sind „unternehmerische Freiheiten“ kein Leitbildthema des BMAS, sieht man von der Behandlung des Themas „Selbstständige“ ab. Interessant ist die starke Hervorhebung der Themen „Gesundheit“ sowie „Nachhaltigkeit“ und „Umweltfreundlichkeit“ beim BMBF, die beim BMAS-Text natürlich im Text auftauchen, aber eben nicht so explizit hervorgehoben sind. Wobei sich dem nachdenklichen Menschen natürlich die Frage stellt, was ein BMBF-Forschungsprogramm zur Erzielung eines guten Lohnes beitragen soll.

Das Weissbuch versteht sich auch in der Tradition der Humanisierung des Arbeitslebens. Deshalb ist auch ein Vergleich mit den Zielen des Humanisierungsprogramms von 1974 interessant.

„Die Humanisierung des Arbeitslebens darf sich aber nicht nur in einem Abbau von Belastungen erschöpfen, sondern sollte darüber hinaus dem einzelnen auch die Möglichkeiten für die Entfaltung seiner Fähigkeiten und damit zur Selbstverwirklichung geben.“ (S. 3)

Zunächst einmal ist weder von Wertschöpfung noch von Produktivität die Rede, sondern die Zielsetzung ist klar auf den arbeitenden Menschen und sein Leben ausgerichtet. D.h. die arbeits- und sozialpolitischen Ziele stehen im Vordergrund und erst später heisst es dann:

Gelingt es die Entfaltungsmöglichkeiten für den arbeitenden Menschen zu erweitern….das in jedem Menschen ruhende Potential an Fähigkeiten zu wecken und zu nutzen, kann erwartet werden, dass die Humanisierung der Arbeit in Zukunft ein wichtiger, die Wettbewerbsfähigkeit stark mit beeinflussender Faktor sein wird.“ (S.5)

Damit dürfte ein wesentlicher Unterschied zwischen den arbeits- und sozialpolitischen Leitbildern damals und heute liegen. Das Selbstbewusstsein der Arbeits- und Sozialpolitik ist heute schon so „gebrochen“, dass es sich nicht aus dem Wohl des Arbeitenden selbst ableitet, sondern zuallererst als Funktion der Wettbewerbsfähigkeit gesehen wird..

„Kompetenzerwerb“ gegen „Entfaltung seiner Fähigkeiten“- zunächst erscheint es ein geringer Unterschied, doch klingt Kompetenzerwerb eher nach Kompetenzen, die für die Arbeit notwendig sind, während „Entfaltung seiner Fähigkeiten“ auch die Entfaltung in das Privatleben hinein bedeutet. Auch wenn Hans Matthöfer schreibt, Millionen von Arbeitnehmern bezögen die Forderung nach einer besseren Qualität des Lebens vor allem auf ihren Arbeitsplatz, muss doch immer klar bleiben, dass 8 Stunden kein Tag sind, die Qualität der täglichen Arbeit sich direkt auf das Leben nach der Arbeit auswirkt.

„individuelle Selbstbestimmung“ gegen „Selbstverwirklichung“ - in einer Zeit, wo „Selbstverantwortung“ zu einem anderen Wort für „Entsolidarisierung“ geworden ist, ist es schon etwas anderes von „individueller Selbstbestimmung“ zu sprechen. In der „Selbstverwirklichung“ steckte immer der andere, die „kooperationsfördernde Organisation“ dahinter.

Andrea Nahles und ihr Ministerium haben einen großen Schritt getan. Der von ihrem Haus durchgeführte Dialogprozess zeigt, dass „Arbeit“ auf der Tagesordnung steht. Wir werden auf hda-online die einzelnen Bestandteile des Weissbuches Stück für Stück analysieren. An Hand einer kurzen Betrachtung der Leitbilder des Weissbuches, des BMBF-Programms „Zukunft der Arbeit“ und des ehemaligen Programms „Humanisierung des Arbeitslebens“ wird aber schon deutlich, wie selbst heutige gute Ansätze hinter die Arbeits- und Sozialpolitik der sozialliberalen Koalition in den 70er zurückgefallen sind.

Klaus Zühlke-Robinet; Gerd Ernst

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