Philosophen und Digitalisierung

Zunächst freute ich mich. In den BLÄTTERN 4/19 fand ich einen Artikel von Hauke Behrendt , akademischer Rat am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart, zum Thema „Wider den Alarmismus – die Chancen der Digitalisierung“. Mir imponierte der Satz: „Nicht die Technik selbst, sondern nur der Mensch setzt Zwecke und bestimmt die dafür erforderlichen Mittel“ (S. 47). Doch dann kam das Grübeln: so, so „der Mensch“. Und so gelangte ich zu Platon, zu Heidegger und – er wird sicher abwehren, in so illustrer Gesellschaft genannt zu werden - zu Luc Ferry.

Was soll das mit Platon, dem Höhlengleichnis (Platon, Politeia,7. Buch, 514-517) und „dem Menschen“? Schauen wir uns die Schattenbetrachter in der Höhle doch an. Sie sind – obwohl sie gefesselt sind – glücklich, sie verteilen Preise, Ehrungen und Anerkennungen für den, der die Schatten, die Unwirklichkeit, am besten beschreibt und die besten Vorhersagen zum Unwirklichen machen kann. Kurz sie leben und treiben Wissenschaft, glücklich und zufrieden in einer Schattenblase. Platon sieht schon, wenn keiner aus dieser Blase heraus gehen will, muss man ihn zwingen. Und was ist der Erfolg? Zuerst wird er von der Wirklichkeit blind, dann gewöhnt er sich an sie. Doch was passiert, wenn er wieder „nach Hause“ will? Er wird von der Dunkelheit wieder blind, ihn ekeln die Ehrungen und Preise an, und wenn er von der Wirklichkeit außerhalb der Höhlenblase erzählt, lachen ihn alle aus. Ja die Blasenbewohner beschließen sogar, man müsse die töten, die ein Leben außerhalb der Höhlenblase ermöglichen. Soweit zu den Menschen, die Zwecke setzen und glauben, sie würden die Mittel bestimmen.

Martin Heideggers Gedanken zur Technik (z.B. „Die Technik und die Kehre, 1953) sind wegen seiner Person, dem Engagement für den Nationalsozialismus und dem Antisemitismus und seiner schwierigen Sprache in der Technikszene kaum rezipiert. Doch es lohnt, über das „Gestell“ – wie Heidegger die Technik nennt, nachzudenken. „Die Herrschaft des Ge-stells droht mit der Möglichkeit, dass dem Menschen versagt sein könnte, in ein ursprünglicheres Entbergen einzukehren und so den Zuspruch einer anfänglicheren Wahrheit zu erfahren.“ (Technik und Kehre, S. 28). In meinen Worten gesprochen, das Ge-stell der Technik schreibt den Menschen den Weg vor, den sie denken können. Soweit zu den Denkmitteln, die Menschen einsetzen können, um Digitalisierung zu gestalten.

Als Philosoph, Minister und Schriftsteller nimmt Luc Ferry eine seltsame Stellung ein. Doch das störte mich nicht, seine Gedanken zur Technik aufzunehmen. Für Ferry ist der Übergang von der Wissenschaft zur Technik der Tod der großen Ideale oder das Verschwinden der Zwecke zugunsten der Mittel. Wissenschaft war einmal eine Methode, den menschlichen Geist zu befreien und sich zu emanzipieren. „Wissenschaft sollte uns vor der Tyrannei der Natur bewahren“ (Ferry, Leben Lernen, dtv, 2009, S.247). Dieser emanzipatorische Anspruch wird durch das Integrieren in die Welt des Wettbewerbs umgewandelt in das „rein mechanische Resultat der freien Konkurrenz zwischen ihren verschiedenen Bestandteilen…..Dieser Fortschritt hat kein anderes Ziel als sich selbst, er strebt nichts anderes an, als mit anderen Konkurrenten im Rennen zu bleiben.“ (S. 248-249)

Da bleibt dann nicht viel. Der Mensch, der in seiner Höhlenblase lebt, dessen Denken im Gestell der Technik eingebunden ist und dessen Umwelt jegliches emanzipatorische Ideal aufgegeben hat, soll also die Zwecke bestimmen. Ich weiss nicht, wie der Mensch aus diesem Dilemma entkommen soll. Mit Hölderlin - da bin ich im Zweifel; mit Selbstreflexion – vielleicht. Aber auf jeden Fall hat die Philosophie noch einiges an Arbeit vor sich.

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