Digitalisierung und Produktivität - wird die Digitalisierung überschätzt?

Werden die mit Digitalisierung verknüpften politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Versprechen gehalten? Wird sie die wirtschaftliche Produktivität beflügeln, für Arbeitsgestaltung und Humanisierung der Arbeit eine „Digitalisierungsdividende“ (Mattke 2016) abwerfen? Zweifel sind angebracht.

Eine Studie des gewerkschaftsnahen wirtschaftswissenschaftlichen IMK untersucht die deutsche Produktivitätsschwäche (Herzog-Stein u.a. 2017). Als wesentlicher Grund wird das Ausbleiben von bahnbrechenden Innovationen genannt - selbst mit der Digitalisierung sind keine verbunden.

"Von den Produktivitätssprüngen, die manche Experten aufgrund zunehmender Digitalisierung erwarten, ist also bislang in den Daten nichts zu sehen. Demnach ist der wirtschaftliche Innovationsprozess am besten als eine Reihe einzelner Erfindungen zu verstehen, auf die schrittweise Verbesserungen folgen, bis das Potenzial voll ausgeschöpft ist. Die weitestreichenden ökonomischen Auswirkungen habe die sogenannte zweite industrielle Revolution gehabt, also der Siegeszug von Elektrizität und Verbrennungsmotor ab Ende des 19. Jahrhunderts. Damals seien multidimensionale Erfindungen mit extrem vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Ausgangspunkt gewesen. (...) Die dritte industrielle Revolution - die Einführung von Computern und Robotern - habe zwar zu erheblichen Fortschritten geführt, berge aber kaum noch zusätzliches Potenzial. Die vierte industrielle Revolution wiederum hält der Wirtschaftswissenschaftler für überschätzt: Phänomene wie die zunehmende Vernetzung, der 3D-Druck oder selbstfahrende Autos hätten vergleichsweise geringe ökonomische Bedeutung, die Entwicklung sei eher evolutionär als revolutionär und zudem eng auf Digitalisierung beschränkt. Das heißt: Dramatische Produktivitätseffekte sind nicht zu erwarten."

Im österreichischen Standard wird auf eine IWF-Studie zu diesem Thema hingewiesen, die auf die Wachstums- und Produktivitätsschwäche der traditionellen Volkswirtschaften eingehen und zu ähnlichen Einschätzungen kommen.

Das IAB beziffert die Produktivitätswirkung einer umfassenden Digitalisierung der deutschen Wirtschaft bis zum Jahr 2025 auf jährlich 0,3 Prozent und entspricht damit dem relativ verhaltenden Niveau des durchschnittlichen jährlichen Arbeitsproduktivitätswachstums des Zeitraums 2001 bis 2010. (Wolter et al. 2016)

Am 8. März 2017 fand bei der Friedrich-Ebert-Stiftung das Expertengespräch "Produktivität von Dienstleistungen" statt (siehe auch die Nachricht von Gerd Ernst "Expertengespräch: Stärkung der Dienstleistungsforschung"). Dort machte Peter Brödner deutlich, dass Computerisierung/Digitalisierung nicht per se zu Produktivitätssprüngen führt. Sein Fazit: "Der säkulare Niedergang der Produktivitätszuwächse verschärft die Verteilungskämpfe. Infolge der Schwächung gewerkschaftlicher Gegenmacht und Deregulierung entstehen bspw. Organisationsformen von Wissensarbeit, die als »Crowdsourcing« digitales Tagelöhnertum ermöglichen. Ursache ist aber nicht die »Digitalisierung« - Vermittlungsplattformen sind schon lange gängige Technik -, sondern sind die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. Stattgebannt auf die Schlange der »Digitalisierung« zu starren, gilt es, die Gegenmacht zu stärken." (s. a. Brödner 2015)

Hartmut Hirsch-Kreinsen (2016) entzaubert "Industrie 4.0 als Technologieversprechen". Ob die versprochenen Vorteile, die positiven Entwicklungsperspektiven absehbar Realität werden, ist für ihn fraglich. Viele Unternehmen ziehen nicht so mit, wie es sich Verbände, Politik und Beratungsunternehmen wünschen. Sie werden die neuen technologischen Potenziale eher selektiv nutzen. Die Datensicherheit ist eine offene Flanke. Auch werden die erwarteten ökonomischen Erfolge noch lange auf sich warten lassen, da es nicht in jedem Fall einen positiven Zusammenhang zwischen dem Einsatz von IuK-Technologien und Produktivitätssteigerung gibt.

Im Januar 2017 führte das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid im Auftrag des BMBF eine repräsentative Befragung zum Thema „Wissen schaffen – Denken und Arbeiten in der Welt von morgen“ durch. Über 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beantworteten 20 Fragen zu Veränderungen in der Arbeitswelt vom morgen. Die Ergebnisse deuten auf eine große Skepsis gegenüber der Digitalisierung hin. 84 Prozent der Befragten denken, dass durch die Digitalisierung der Unterschied zwischen hohen und niedrigen Gehältern weiter zunimmt. Fast 60 Prozent glauben außerdem, dass durch die Veränderungen Jobs verloren gehen könnten. (BMBF-Homepage, Zukunftsmonitor)

Am 29.03.2017 lud das BMBF zur „4. ZukunftsNacht“ ein, das Thema lautete: „Wissen schaffen – Denken und Arbeiten in der Welt von morgen“. Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeit? Welchen Stellenwert wird Arbeit in Zukunft haben? Diese und weitere Fragen diskutierten Bürgerinnen und Bürger mit Bundesforschungsministerin Johanna Wanka. Auf der BMBF-Homepage ist dazu zu lesen: „Die Gäste wünschten sich, dass digitale Kompetenzen in Aus- und Weiterbildung stärker vermittelt werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei Lernformen, die junge wie ältere Menschen dabei unterstützen, ihre digitalen Kompetenzen anzupassen und aufzubauen. Der Bürgerdialog brachte auch den Wunsch zum Ausdruck, die Öffentlichkeit besser über technologische Möglichkeiten zu informieren, um Chancen aufzuzeigen und Ängste im Zusammenhang mit dem digitalen Wandel abzubauen. Des Weiteren bestand Einigkeit darüber, dass flexible Arbeitszeitmodelle intensiver erforscht werden sollen.“

Wird das BMAS-„Weissbuch Arbeit 4.0“als wichtiger Referenzpunkt der Debatte zur Arbeit der Zukunft gesehen, so brachte die BMBF-Zukunftsnacht keine neuen und über das Weissbuch hinausgehenden Erkenntnisse. Was in der „ZukunftsNacht“ des BMBF diskutiert und vorgebracht wurde, ist schon lange bekannt. Ebenfalls nicht Neues bringt die Forschungsagenda Industrie 4.0 bezüglich der dort aufgeworfenen Forschungsbedarfe zur Arbeitsgestaltung. Die im Oktober 2016 veröffentliche „Forschungsagenda Industrie 4.0 – Aktualisierung des Forschungsbedarfs“ der Plattform Industrie 4.0 wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überwiegend aus dem Produktions- und IKT-Bereich sowie von Vertretern von Unternehmen und Verbänden (aber keine Sozialpartner) verfasst. Die Überschrift „Technologieakzeptanz und Arbeitsgestaltung“ (S. 21) zeigt, dass diese Forschungsagenda nicht in der Lage sein wird, den Nutzen der Digitalisierung für die Beschäftigten zu vermitteln. Ziel der Forschungsagenda ist die weitere und flächendeckende Vernetzung der Dinge in der Wertschöpfung (Internet der Dinge) zu fördern und zu propagieren. Allerdings merken die Beschäftigten tagtäglich, dass tatsächlich die beteiligten Menschen mitvernetzt werden, der Mensch als Objekt gedacht wird, dessen Zustände beobachtbar und steuerbar werden (Meixner 2016). Wenn dann die Akzeptanz ausbleibt, wird die Akzeptanzforschung bemüht. Sie springt dann ein, wenn die Sinnhaftigkeit oder der Nutzen etwa technologischer Entwicklungen nicht deutlich wird. Ob es mit diese Forschungsagenda gelingt, den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen, bleibt offen. Dafür ist es erforderlich, die Perspektive zu öffnen und auf der Basis der Ergebnisse der Arbeitsforschung umfassendere und gestaltungspolitisch anspruchsvollere Forschungslinien aufzubauen.

Ittermann u.a. (2016) zeigen mit Blick auf frühere Debatten zur Humanisierung der Arbeit, dass Wertschöpfung als sozio-technisches System zu begreifen ist, betriebliche, überbetriebliche und die gesellschaftliche Ebenen in die Gestaltung einzubeziehen sind. Im Verständnis der Arbeitspolitik werden Unternehmen als sozial verfasste Organisationen verstanden und ihre jeweiligen „betriebliche Sozialverfassungen“(Hildebrandt/Seltz 1989) sind wichtige Gestaltungskontexte. Werden sie ignoriert, können Gestaltungsprojekte rasch zu Industrie 4.0-Ruinen werden (im Zusammenhang mit CIM s. Menez/Pfeiffer/Oestreicher 2016).

Da hilft es auch nicht weiter, wenn Wolfgang Schroeder (2017) den partizipativen Charakter von Industrie 4.0 hervorhebt: „Die Industrie 4.0-Strategie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ausdrücklich auf die deutschen Verbände setzt. Durch sie wird der gestalterische, evolutionär verlaufende Prozess der Implementierung neuer Technologien mit Leben gefüllt. (…) Der Technik- und Marktzentrierung, wie sie in anderen Ländern vorherrschend ist, wird insbesondere durch das Gewicht der Gewerkschaften eine soziale und gesamtgesellschaftliche Dimension hinzugefügt.“

Solange der politische Diskurs zur Digitalisierung den Eindruck vermittelt, also ob dieser Prozess eine zwangsläufige Entwicklung ist („Der Wandel von Arbeitsprozessen schreitet unaufhaltsam voran…..“, so ist es auf der BMBF-Homepage zur „ZukunftsNacht“ zu lesen), wird die politisch-gesellschaftliche Gestaltung dieser insbesondere technologisch getriebenen Entwicklung hinterherlaufen. Tatsächliche Gestaltung setzt einen ergebnisoffenen Prozess voraus, der aber mit der breiten medialen Ankündigung der „Industrie 4.0“ durch das politisch-administrative System plus Vertreter der Produktions- und IKT-Wissenschaft von Anfang an kaum mehr vorhanden gewesen ist.

Doch Digitalisierung bietet auch Chancen: „Sollte es bei der Gestaltung der digitalen Arbeit gelingen, durch mächtige Solidarität der Logik der demokratischen Humanisierung gegen die Logik der kapitalistischen Rationalisierung zum Durchbruch zu verhelfen, so könnte diese Arbeitswelt das Zentrum einer humanen Arbeitsgesellschaft der Zukunft darstellen. In dieser müsste Arbeit als persönlichkeitsproduktives, solidarisches und demokratisches „Handeln“ eine Chance haben, müsste die Logik der Humanität gegen die der Automation gestärkt werden. Ergänzt, geschützt und gefördert werden müsste eine solche Arbeitswelt durch ein sozialstaatliches Modell, das sich auf die Höhe der digitalen Zeit heraufreformiert hat. Notwendig wäre ein Ensemble aus Institutionen, Regeln und Leistungen, das alle Formen abhängiger Arbeit schützt, kollektive Mitbestimmung und individuelle Partizipation neu kombiniert und ein stabiles Fundament für individuelle Autonomie sichert. Eine solche Gesellschaft, die die demokratischen Potenziale der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft in vollem Umfange zu aktivieren verstünde, würde freilich früher oder später mit dem Modell des Gegenwartskapitalismus kollidieren und zugleich über dieses hinausweisen. Und es würde neue Anforderungen an die Humanisierungspolitik (nicht nur) der Gewerkschaften stellen.“ (Urban 2016)

Quellen:

https://www.boeckler.de/107957_107971.htm

http://www.fes.de/de/abteilung-wirtschafts-und-sozialpolitik/schwerpunkt-arbeit/#c25009

http://derstandard.at/2000055396451/Produktivitaet-Innovative-Ideen-ohne-Wirkung

https://www.zukunft-verstehen.de/zukunftsforen/zukunftsforum-4/der-zukunftsmonitor

https://www.zukunft-verstehen.de/zukunftsforen/zukunftsforum-4/die-zukunftsnacht

http://www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/In-der-Praxis/Online-Bibliothek/online-bibliothek.html?cms_gtp=332182_list%253D2#formular

https://www.fes.de/de/abteilung-wirtschafts-und-sozialpolitik/publikationen-sortiert/wiso-direkt/

https://www.heise.de/tr/artikel/Warten-auf-die-digitale-Dividende-3082573.html

Peter Brödner 2015: Industrie 4.0 und Big Data. Kritik einer technikzentrierten Perspektive. In: Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung. Nr. 103, September 2015

Hildebrandt, Eckart; Seltz, Rüdiger 1989: Wandel betrieblicher Sozialverfassung durch systemische Kontrolle? Die Einführung computergestützter Produktionsplanungs- und -steuerungssysteme im bundesdeutschen Maschinenbau. Berlin.

Peter Ittermann, Jonathan Niehaus, Hartmut Hirsch-Kreinsenu.a. 2016: Social Manufacturing and Logistics. Gestaltung von Arbeit in der digitalen Produktion und Logistik. Soziologisches Arbeitspapier Nr. 47/2016, TU Dortmund

Alexander Herzog-Stein u.a. 2017: Wachstum und Produktivität im Gegenwind: Eine Analyse der Argumente Robert Gordons im Spiegel der deutschen Produktivitätsschwäche (pdf), IMK-Report 124, März 2017

Hartmut Hirsch-Kreinsen 2016: Industrie 4.0 als Technologieversprechen. Soziologisches Arbeitspapier Nr. 46/2016, TU Dortmund.

Sascha Mattke 2016: Warten auf die digitale Dividende. https://www.heise.de/tr/artikel/Warten-auf-die-digitale-Dividende-3082573.html

Raphael Menez, Sabine Pfeiffer, Elke Oestreicher 2016: Leitbilder von Mensch und Technik im Diskurs zur Zukunft der Fabrik und Computer Integrated Manufacturing (CIM). WP 02-2016, Lehrstuhl für Soziologie, Universität Hohenheim

Werner Meixner 2016: Die Gefahr der totalen Vernetzung. Festvortrag beim Deutschen Kongress der Laboratoriumsmedizin DKLM in Mannheim am 30.09.2016.

Wolfgang Schroeder 2017: Industrie 4.0 und der rheinische kooperative Kapitalismus. Friedrich-Ebert-Stiftung, WISO-direkt, 03/2017

Hans-Jürgen Urban 2016: Arbeit im Spannungsfeld von Digitalisierung und Prekarisierung, oder: was Hannah Arendt uns zur Solidarität 4.0 zu sagen hat. Vortrag am 11. Mai 2016 auf den Hannah Arendt Tagen 2016 in Hannover

Wolter, M. I. / Mönnig, A. / Hummel, M. / Weber, E. / Zika, G. / Helmrich, R. / Maier, T. / Neuber-Pohl, C. 2016: Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie: Szenario-Rechnungen im Rahmen der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen. IAB-Forschungsbericht Nr. 13/2016.

 

Schaffen Unternehmen die duale berufliche Ausbildung selbst ab?Anmerkungen zum BIBB-Report 4/2015

 
Obwohl zur Zeit landauf, landab das hohe Lied des Nutzensder dualen beruflichen Ausbildung und ihres Beitrags etwa zur niedrigen Jugendarbeitslosigkeit, zur Innovationsstärke der Unternehmen oder der hohen inner- und zwischenbetrieblichen Mobilität gesungen wird, erweckt der neue BIBB-Report „Rückzug von Betrieben aus der beruflichen Ausbildung: Gründe und Muster“ (Autoren: Sabine Mohr, Klaus Troltsch, Christian Gerhards) den Eindruck, als ob sich die duale berufliche Bildung langsam selbst abschafft, weil ihre Basis, die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen zerbröckelt.
Der Report analysiert, wie sich die nachlassende Ausbildungsbeteiligung in den Jahren 2011 bis 2014 – gemessen am Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge – aus Sicht der Betriebe erklärt. Neben vielen anderen Gründen, warum Betriebe nicht (mehr) ausbilden, zeigt der Report, dass sich eine bedeutende Gruppe von Betrieben aus der beruflichen Ausbildung zurückgezogen hat, die jetzt ihren Fachkräftebedarf vom externen Arbeitsmarkt deckt. Dieser Trend zeigt sich insbesondere in kleinen Betrieben des Dienstleistungssektors (S. 13).
Wie kann es sein, dass Unternehmen ihre zentrale Grundlage ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit so eklatant zerstören? Der große Vorteil der dualen Berufsausbildung, nämlich die direkte Verzahnung mit dem Betrieb, wird für das System zum Fallstrick, wenn Betriebe nicht (mehr) bereit sind, in die duale Ausbildung zu investieren.
Eine immer kleiner werdende Zahl von Betrieben sorgt mit ihrer Ausbildungsleistung dafür, dass Unternehmen Fachkräfte zur Verfügung stehen. Die wenigen ausbildenden Betrieben erbringen also eine Leistung für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft. So betrachtet ist der Nutzen der dualen Ausbildung ein öffentliches Gut, von dem jeder profitiertund keiner vom Nutzen des öffentlichen Gutes ausgeschlossen werden kann. Das heißt aber auch, dass die Mehrheit der Betriebe, die keine (Ausbildungs-)Leistung für die Wirtschaft erbringt,von der (monetären) Vorleistung anderer profitiert. Sie kommt in den Genuss des öffentlichen Gutes „Fachkräfte“ ohne dafür selbst einen eigenen Beitrag geleistet zu haben–„Trittbrettfahrer“ verlassen sich also auf die Ausbildungsleistung anderer.
Wie kann dieses öffentliche Gut erhalten und weiter bereitgestellt werden? Zu Beginn der Kolumne wurde schon darauf verwiesen, dass derzeit viel zur Situation und zur Zukunft der dualen beruflichen Ausbildung diskutiert und geschrieben wird wie es auch sehr viele gesetzliche und tariflichen Initiativen gibt, die auf beiden Seiten des Ausbildungsmarktes ansetzen, um ihn zu stabilisieren und gar auszubauen. Ein rascher Blick zurück in die Geschichte der modernen dualen beruflichen Ausbildung zeigt, dass dieses System von Anbeginn mitunter heftige Krisen durchlebt und schon des Öfteren für Tod erklärt worden ist. Kaum war das Berufsbildungsgesetz 1969 in Kraft, kam die moderne duale Berufsausbildung schon in ihre erste Krise. Die damalige ökonomische Krise ab 1973 ließ die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen rapide zurückgehen. Um gewerkschaftspolitische Forderungen nach einer betrieblichen Ausbildungsabgabe abzuwehren, empfahl die BDA seinen Unternehmen in den „Ausbildungsstreik“ zu treten. In der Folge stieg die Jugendarbeitslosigkeit dramatisch an.
Zwei Beispiele zeigen, wie die „Krise der Selbstverpflichtung“ (Gerhard Bosch, ifo Schnelldienst 6/2004, S. 16) gemeistert werden konnte. Das erste Beispiel ist die Bauwirtschaft (Gerhard Bosch/Klaus Zühlke-Robinet: Der Bauarbeitsmarkt. Ökonomie und Soziologie einer Branche.2000). Erst eine existenzielle „Lehrlingskrise“ veranlasste die Branche, sich am eigenen Schopfe selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Starke und Mitgliederverpflichtende Verbände haben das Gesamtinteresse für die Branche formuliert, aggregiert und in Verhandlungen eingebracht. Außerdem war eine ausgeprägte Sozialpartnerschaft zwischen den Verbänden ein gutes „Schmiermittel“ für die Suche nach pragmatischen und zugleich systemstabilisierenden Lösungen. Seit 1975 gilt der tarifvertragliche Grundsatz, alle Baubetriebe zahlen für das Gemeinschaftsgut „Qualifikation“ und die Unternehmen, die das Gut produzieren, werden dafür finanziell „belohnt“. Noch heute ist diese Umlagefinanzierung unumstritten. Ein jüngeres Beispiel ist die gesetzliche Einführung der Umlagefinanzierung der Altenpflegeausbildung in NRW. Seit 2012 zahlen alle in der Pflege tätigen Einrichtungen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit und Größe in einen Ausbildungsfonds ein, aus dem die ausbildenden Einrichtungen finanziell unterstützt werden.
Gesetzliche oder/und verbandliche Regelungen können durchaus einen Beitrag leisten, die monetäre Last für die duale betriebliche Ausbildung auf alle Betriebe zu verteilen und ausbildende Betriebe zu belohnen. Damit wird auch gezeigt, dass für die berufliche betriebliche Ausbildung alle Unternehmen verantwortlich sind, es also eine gemeinsame Aufgabe von allen ist, für den erforderlichen Nachwuchs von Fachkräften zu sorgen. Allerdings braucht es dazu interessenformierender Verbände auf Seiten der Beschäftigten wie der Arbeitgeber sowie einen aktiven Staat.
Wenn alle profitieren, sollen auch alle zahlen – dies spielt in der aktuell geführten Debatte zur dualen beruflichen Ausbildung keine Rolle. Sicherlich trägt der „Akademisierungswahn“ und die "Durchakademisierung der Gesellschaft" (so die Kernthesen von Julian Nida Rühmelin) auch dazu bei, dass sich Unternehmen lieber am Markt der Hochschulabgänger bedienen, als ihren Bedarf an Fachkräften durch eigene betriebliche Anstrengung zu decken.
Für Martin Baethge und Markus Wieck ist die Akademisierung unumkehrbar und wirkt auf das jetzige institutionelle Gefüge und System der dualen Berufsausbildung massiv zurück: „Der Wandel zu einem neuen, stark wissensbasierten Ausbildungssystem erscheint unumkehrbar. In ihm werden die Institutionen und Governance-Formen der dualen Ausbildung allenfalls eine nachgeordnete Bedeutung haben. Was an ihre Stelle treten könnte, bleibt im Moment völlig offen.“ (Martin Baethge; Markus Wieck:Wendepunkt in der deutschen Bildungsgeschichte. Mitteilungen aus dem SOFI, Januar 2015)
Die weitere Diskussion zur dualen beruflichen Ausbildung hat sich dringend den sie tragenden Akteuren und Institutionen zu widmen. Das von ihnen getragene Sozialmodell der dualen beruflichen Ausbildung bringt hohe Wohlfahrtseffekte (Gerhard Bosch: Facharbeit, Berufe und berufliche Arbeitsmärkte. WSI-Mitteilungen 01/2014), die dann gefährdet sind, wenn dessen institutionelle Basis verloren geht. Leider gibt es gerade dazu von den großen DGB-Gewerkschaften kaum/keine einschlägigen Diskussionsbeiträge.Das von Hans-Jürgen Urban propagierte „Leitbild ‘erweiterte moderne Beruflichkeit‘„ (Perspektiven der Berufsbildung. Für eine gemeinsame Orientierung von beruflicher und hochschulischer Bildung. Gegenblende 33, 2015)hat wenig Zukunft, wenn es (bald) keine ausbildenden Betriebe mehr gibt.

Verfasst von Klaus Zühlke-Robinet
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Gewerkschaften, Arbeit, Zukunft

Gewerkschaften | Arbeit| Zukunft

Buchbesprechung zu

Reiner Hoffmann, Claudia Bogedan (Hg.): Arbeit der Zukunft. Campus, 2015, 520 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-593-50451-3

Veränderte Wertschöpfungsketten, Industrie 4.0, Smart Service Welt, Crowdsourcing, Werkverträge, psychische Belastungen – das sind nur einige Schlagwörter, die die rasanten Veränderungen in der Arbeit und in der Wirtschaft beschreiben. Die hinter dieses Begriffen liegenden Entwicklungen sind aber nicht nur wirtschaftsgetrieben, sondern resultieren ebenso aus neuen Lebensentwürfen und Konsumstilen, aus neuen Ansprüchen etwa gegenüber der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatheit/-zeit oder aus veränderten Haltungen gegenüber dem „Sinn“ der Arbeit. Insofern sind Überlegungen zur Arbeit der Zukunft bzw. Zukunft der Arbeit durchaus angebracht.

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann und die Leiterin der Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, Claudia Bogedan haben mit diesem Herausgeberwerk eine vorzügliche Plattform für Positionsbestimmungen insbesondere für Gewerkschaften und Wissenschaft geschaffen. Der Band enthält vier Kapitel mit insgesamt 28 Beiträgen. In den jeweiligen Einführungsaufsätzen der beiden Herausgeber bezieht Reiner Hoffmann mit 11 Thesen Position (u. a. „Gute Arbeit ist mitbestimmte Arbeit“, „Gute Arbeit braucht Qualifizierungs- und Entwicklungschancen“) und Claudia Bogedan präsentiert „25 Perspektiven“.

Den Auftakt in Kapitel II mit dem Titel „Welche Einflüsse werden die Arbeit der Zukunft bestimmen“ machen Jutta Allmendinger und Ellen von den Driesch (WZB) mit einem Beitrag zu „Bildung in Deutschland: Elf Mythen – elf Tatsachen“. Hierzu zählen u. a. berufliche und akademische Bildung sind gleichwertig, gegliederte Schulsysteme führen zu höheren Leistungen oder Bildungsarmut ist unvermeidbar. Für Martin Kuhlmann und Michael Schumann (SOFI) steht fest: „Digitalisierung fordert Demokratisierung der Arbeitswelt heraus“. So lautet ihr Beitrag und sie plädieren für eine aktive Einmischung der Gewerkschaften in den Betrieben. Beteiligungsorientierte Arbeits- und Organisationsformen können den Ausgangspunkt bilden, um dem mit Industrie 4.0 verbundenem technologischen Determinismus ein Gegenkonzept entgegen zu stellen. Eine Neujustierung des Verhältnisses von direkter und repräsentativer Interessenvertretung tut Not. Günter Schmid (ehem. WZB) befasst sich mit der Frage, was Europa zur neuen Ordnung der Arbeit beitragen kann. Entgegen aller Unkenrufe ist dafür Europa der „Ort“. Voraussetzung ist der konsequente Ausbau europäischer demokratischer Institutionen für die Aufrechterhaltung arbeits- und sozialrechtlicher hoher Standards. Es werden vier Strategien einer Europäisierung des Arbeitsmarktes gebündelt und beispielhaft erläutert: investive Sozialtransfers, geschützte Flexibilität, Investitionen in Menschen und effiziente Arbeitsmarktregulierung. Weitere Artikel befassen sich etwa mit der Zukunft der Arbeitgeberverbände, Arbeitsmigration, Umwelt und Nachhaltigkeit oder Crowdsourcing.

Kapitel III ist überschrieben mit „Wie wird die Arbeit der Zukunft aussehen? Wie sollte die Zukunft der Arbeit aussehen?“ Auch hier ist das thematische Spektrum der Beiträge weit - hier eine kleine „Kostprobe“. Ulrich Mückenberger (Universität Bremen) befasst sich mit der Frage „Was wäre heute unter „Humanisierung der Arbeit“ zu verstehen?“ Seine Themen dabei sind Humane Arbeitsprodukte und Bürgerrechte im Betrieb oder Optionszeiten/Care-Zeiten. Nicht nur vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werden Care-Zeiten immer wichtiger. Dieses Thema wird im Aufsatz „Zeit für Care: Fürsorgliche Praxis in ‚atmenden Lebensläufen‘“ von  Karin Jurczyk (Dt. Jugendinstitut, München) weitergeführt. „Arbeit und Bildung“ (Sabine Pfeiffer, ISF München, Universität Hohenheim), personenbezogene Dienstleistungen (Michaela Evans, Josef Hilbert, IAT Gelsenkirchen) oder „Interaktive Arbeit und die Einbeziehung des Kunden“ (Wolfgang Dunkel, ISF München) markieren ebenfalls einige weitere Themen dieses Kapitels. Gerhard Bosch‘ Beitrag „Einen neue Ordnung der Arbeit: Herausforderungen für die Politik“ skizziert Eckpunkte zu einer „neuen Arbeitsordnung“ wie flexibles Normalarbeitsverhältnis für Frauen und Männer“, „inklusive Tarifordnung“ und „investive Beschäftigungspolitik“. Christina Klenner (Hans-Böckler-Stiftung) und Karin Schulze Bischoff (WSI/Hans-Böckler-Stiftung) plädieren vor dem Hintergrund veränderter Erwerbsverläufe und Lebenslaufpolitik für die Eröffnung vielfältiger Optionen bei gesicherten (Arbeitsmarkt-)Übergängen. Abgerundet wird dieses Kapitel mit weiteren Beiträgen etwa zu innovativer Arbeitszeitpolitik, Neuordnung von Leben und Arbeit oder Ungleichheit und Arbeit im zweiten Maschinenzeitalter.

Der im abschließenden Kapitel „Ausblick“ verfasste Beitrag ist zusammen von allen Mitgliedern des DGB-Bundesvorstandes erstellt worden und lautet „Auf dem Weg zu einer Neuen Ordnung der Arbeit“. Als zentrale Treiber der Veränderungen werden die Individualisierung unserer Gesellschaft, der demografische Wandel, Globalisierung und Europäisierung sowie immer raschere Innovationszyklen und die Digitalisierung unserer Wirtschaft und Arbeitswelt genannt. Damit eng verbunden sind die Herausforderungen einer mehrfach entgrenzten Arbeitswelt in räumlicher, zeitlicher und funktionaler Hinsicht. Laut der Autorinnen und Autoren werden die folgenden vier „Grundmaxime“ die gewerkschaftliche Arbeit (weiterhin) leiten:

·         Gute Arbeit ist gut bezahlte Arbeit, sozial abgesichert und menschengerecht gestaltet.

·         Gute Arbeit braucht gute Bildung, Qualifizierungs- und Entwicklungschancen.

·         Gute Arbeit ist mitbestimmte Arbeit.

·         Gute Arbeit ist tariflich geschützte und gestaltete Arbeit.

Abschließend laden die Autorinnen und Autoren des DGB-Bundesvorstandes zur weiteren Debatte und Diskussion ein. Denn gerade Megatrends wie die Digitalisierung werden auch in Zukunft viele Fragen aufwerfen, für die es heute noch keine abschließenden Antworten gibt.

Mit diesem Band positioniert sich der DGB zum großen gesellschaftlichen Feld der „Arbeit der Zukunft“. Dieser Titel ist laut Reiner Hoffmann (nachzulesen in seinem Einführungsbeitrag) bewusst so gewählt, denn es gibt eine Zukunft der Arbeit – die Arbeit ginge nicht aus und werde auch weiterhin im Lebensmittelpunkt der Menschen stehen -, doch deren Gestaltung sei eine ständige Aufgabe, die einer Reflexion bedürfe. Wenn er jedoch schreibt, dass die Erwerbsarbeit weiterhin in hohem Maße von der industriellen Wertschöpfung abhinge, ist dies sicherlich weiterhin zutreffend in der mittleren Frist. Doch falls das Tempo der Durchdigitalisierung der Wirtschaft, Gesellschaft und der Lebenssphäre weiter so anhält, können sich traditionelle, industriegeprägte Wertschöpfungsketten auflösen und unter Federführung etwa eines digitalen Plattformanbieters neu zusammensetzen (dazu siehe acatech, 2015: Smart Service Welt). Unter diesen Vorzeichen können Automobilbauer zu Zulieferer von digital basierten Mobilitätsanbietern werden, die ihrerseits innerhalb Wertschöpfungskette „Mobilität“ den digitalen Kontrollpunkt besetzen und beherrschen und Kunden zudem die Möglichkeit bieten, ihre Mobilitätswünsche selbst zu orchestrieren. Ob dann noch von „Industrie“ oder von „Dienstleistungen“ gesprochen werden wird, wird sich erst noch zeigen. Die Folgen für Beschäftigte, Gewerkschaften und gewerkschaftliche Interessenvertretung in Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft sind noch recht offen und geben Raum für einen an diesen Band anschließenden weiteren Herausgeberband etwa zur Arbeit der Zukunft in digital vernetzten diversifizierten Wertschöpfungszusammenhängen.

Letzte Ausfahrt Industriepolitik

Letze Ausfahrt Industriepolitik?

Die „Industrie“ – also produzierendes/verarbeitendes Gewerbe – soll es richten. Wie ein Phönix aus der eigenen Asche sollen mittels einer Renaissance der Industriepolitik wirtschaftliches Wachstum, gute Beschäftigung und gesellschaftliche Zukunftsaufgaben (wie Klimawandel, Energiewende, Mobilität) gemeistert werden. Ist damit „die“ Industrie nicht überfordert?

Auf alle Fälle steht schon heute fest: Allein der Blick in gewerkschaftliche Zeitschriften zeigt, dass das Thema breit erörtert wird. Zwei aktuelle Ausgaben zeigen dies: „Industrie. Der Kern der deutschen Volkswirtschaft“ (Mitbestimmung. Das Magazin der Hans-Böckler-Stiftung, Heft 6/2015)und„Industriepolitik: Konzepte und Kontroversen“ (WSI Mitteilungen, Schwerpunktheft, Zeitschrift des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, Heft 7/2015). Im Editorial der „WSI-Mitteilungen“ zeigen Dieter Rehfeld(IAT Gelsenkirchen) und Astrid Ziegler (IG Metall) den Spannungsbogen der Industriepolitik auf. Sie hat es schon immer gegeben, nur stünde die Industrie gegenwärtig vor immensen Herausforderungen, zumal sie in den Dienst der Bewältigung der gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben (wie Mobilität, Energiewende, demografische) gestellt werden soll. Insofern wird von der „neuen“ Industriepolitik gesprochen. Dort steht weiter: „Hierzu gehört die generelle Bedeutung der Industrie im deutschen Innovationssystem, wozu gerade auch neue technologische und Dienstleistungsinnovationen zählen. Dazu gehört weiterhin die einkommens- und verteilungspolitische Bedeutung industrieller Beschäftigung. Zu nennen ist auch die Neustrukturierung von Wertschöpfungsketten, in deren Rahmen eine neue Arbeitsteilung zwischen industrieller Produktion, damit zusammenhängenden Dienstleistungen und informationstechnischer Vernetzung zu erwarten ist. Industriepolitik diskussions- und strategiefähig zu machen, heißt zunächst, sie aus ihren bisherigen Zusammenhängen zu lösen und breiter zu denken. Industriepolitik muss eben mehr sein als Innovations- oder Technologiepolitik. Industriepolitik benötigt eine gesellschaftspolitische Einbindung. Es geht nicht um Arbeitskosten, sondern um die Qualität künftiger Arbeit, es geht nicht um neue Technologie, sondern um die sich dahinter verbergenden Geschäftsmodelle, es geht nicht um unspezifische Innovationspolitik, sondern um den Beitrag von Innovationen in der Industrie zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen.“ (S. 490)

Zweifellos, Deutschland hat eine starke Industrie. (siehe z. B. Priddat/West [Hg.]: Die Modernität der Industrie, 2012)Aber gerade dies beruht heute (und auch morgen) auf dem geschickten Zusammenspiel von Sachgütern und Dienstleistungen (produkt- und produktionsbezogene Dienstleistungen), den so genannten „hybriden Leistungsbündeln“. Im B2B-Geschäft werden schon häufig keine Maschinen und Anlagen oder Flugzeuge mehr verkauft, sondern garantierte Leistungsversprechen (pay-as-You-use-Prinzip).Heute werden an (private) Endkunden noch Autos verkauft/verleast, doch eigentlich wird kein Auto benötigt sondern Mobilität.Eingelöst werden diese Nutzenversprechen über Geschäftsmodelle, die über digitale Plattformen gesteuert werden, und die wiederum müssen nicht unbedingt bei VW oder Mercedes-Benz, Schuler oder Voith beheimatet sind. Wer diese Plattformen betreibt ist noch offen, doch: „Die Betreiber von Serviceplattformen entscheiden künftig als Kontrolleure der digitalen Kontrollpunkte über die Verteilung der Wertschöpfung“(„Smart Service Welt“, März 2015, acatech-Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V., S. 121). Wer die Kontrollpunkte beherrscht, bestimmt innerhalb der Wertschöpfungssysteme, wer Koch und wer Kellner ist.

So betrachtet, kommt einem der gegenwärtig administrierte industriepolitische Branchendialog unter Federführung des BMWi (siehe die Darstellung in Mitbestimmung, S. 24ff oder in WSI/Mitteilung, S. 554ff) unterkomplex vor, da er sich an industriellen Wertschöpfungsketten ausrichtet.Statt von Wertschöpfungsketten auszugehen wäre es erforderlich, Wertschöpfungssysteme in den Blick zu nehmen. Mobilitäts-, Gesundheits- oder Energiesysteme sind hochkomplexe Wertschöpfungsgebilde, in denen branchen- und Sektorübergreifend und global zusammengearbeitet, produziert, entwickelt und geforscht wird, Kunden „mitarbeiten“ und „ko-produzieren“. So betrachtet, wäre es nötiger denn je, alle DGB-Gewerkschaften in diesen Dialog einzubeziehen. Außerdem wäre „Industriepolitik“ erheblich weiter zu fassen, etwa so, wie es Rehfeld/Dankbaar (S. 491ff) in den erwähnten WSI-Mitteilungen umreißen: als „Transitionspolitik“ zur Bewältigung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Hierzu gehören neben sozialen Innovationen (Einbezug der Bürgerinnen und Bürger ohne auf bloße Akzeptanz zu schielen) auch Punkte wie die Stärkung der Prozesskompetenzen der Beschäftigten, die Arbeitsorganisation, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine und nicht zuletzt die Berücksichtigung der lokalen Ebene als Ort für deren Umsetzung.

„Industriepolitik“ ist natürlich ein politikfähiger, griffiger Begriff, mit dem Belegschaften zu mobilisieren sind (wie seinerzeit mit der „Abwrackprämie“). Doch „Industriepolitik“ reklamiert eine Domäne, die es so kaum mehr gibt und eher den klassischen Zuständigkeiten der industriellen Verbände folgt. Wenn die „‘Nationale Plattform Elektromobilität‘ als eine beispielhafte sektorale industriepolitische Initiative“ (Gerlach/Ziegler, WSI-Mitteilungen, S. 528) bezeichnet wird, wird gerade der disruptive Charakter der Elektromobilität weit unterschätzt, der das jetzige System der Mobilität „auf den Kopf“ stellen kann und Nachfrager von Mobilität ihre gewünschte Dienstleistung selbst orchestrieren. Wertschöpfung - dies zeigen Reuter und Zinn in ihrem Artikel „Moderne Gesellschaften brauchen eine aktive Dienstleistungspolitik“ (WSI-Mitteilungen, 9/2011, Schwerpunktheft „Dienstleistungsarbeit zwischen Niedriglohn, Professionalisierung und Innovation, S. 462ff) - kümmert sich schon lange nicht mehr um diese sektoralen und branchenmäßigen Grenzziehungen.

Um die gesellschaftlichen Herausforderung tatsächlich meistern zu können, wäre es deshalb passender, „Bündnisse für Wertschöpfungssysteme“ für z. B. Mobilität, Gesundheit oder Energie zu bilden, in denen die wirtschaftlichen und (zivil-)gesellschaftlichen Akteure zusammenarbeiten, die einen Beitrag zu Lösung beisteuern können, egal ob dieser Lösung das Label disruptive, soziale, technologische oder frugale Innovation umgehängt wird - die besten Lösungen bestehen meistens sowieso aus einem Innovationsmix.

http://www.boeckler.de/index_wsi-mitteilungen.htm

„Smart Service Welt“ – „Schöne neue Welt“?

 

„Smart Service Welt“ – „Schöne neue Welt“?

Geschrieben von Klaus Zühlke-Robinet

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Die CeBIT ist immer gut für große Auftritte. Wurde dort vor Jahren „Industrie 4.0“ aus der Taufe gehoben, so war es dieses Jahr „Smart Service Welt“. Diese Studie – gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – wurde unter Regie von acatech (Deutsche Akademie für Technikwissenschaften) erstellt, herausgegeben und auf der CeBIT 2015 dem Förderer übergeben. Ein Zwischenbericht wurde in 2014 der Fachöffentlichkeit vorgelegt, zwischenzeitlich tagten unter Beteiligung vieler (großer) Unternehmen, Verbänden wie BDI, BITKOM, DIHKT, IG Metall, IG BCE, ver.di und der Wissenschaft (z. B. Fraunhofer Gesellschaft, KIT, DFKI) verschiedene Arbeitskreise.

Im Bericht geht es um die Vision „Smart Service Welt 2025“. Ziel ist es, „eine digitale Führungsrolle im internationalen Wettbewerb“ übernehmen zu wollen. Es folgen sechs Anwendungsbeispiele, ein Kapitel geht ausführlich auf Sicherheitskonzepte für digitale Plattformen ein. Dem „Kulturwandel in Unternehmen und Arbeitswelt“ wird ein eigenes Kapitel gewidmet, das Abschlusskapitel nimmt „innovationsorientierte Rahmenbedingungen“ in Deutschland und Europa unter die Lupe.

Schon im Vorwort der Studie klingt an, in welcher Welt wir leben werden: „Eine Welt, in der wir keine Produkte und Dienstleistungen von der Stange kaufen, sondern über das Internet individuell konfigurierbare Pakete aus Produkten, Dienstleistungen und Diensten: Smart Services. (…) Im Mittelpunkt steht der Nutzer mit seinen Vorlieben und Bedürfnissen etwa als Verbraucher, Mitarbeiter, Bürger, Patient oder Tourist. Die neuen datengetriebene Geschäftsmodelle erfordern flexible Vernetzung und weitgehende automatisierte Kollaboration in digitalen Ökosystemen. Zentrale Voraussetzung, damit sich diese bilden können, sind digitale Plattformen.“ „Smart Service Welt“ — so heißt es — schließt unmittelbar an die „Vision der Industrie 4.0“ und bietet nun das noch fehlende Glied zur Runderneuerung der gesamten Wertschöpfung. Baustein für Baustein wird zu einem komplexen Gebäude einer sich autonom organisierenden Wertschöpfung zusammengefügt. Digitale Plattformen, Selbstoptimierung der Wertschöpfungsprozesse, Fernzugriff der Menschen in die Prozesse vor Ort, Pay per Use, Everything as a Service, der Platz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist verantwortungsvoll und selbstbestimmt — so lauten zentrale Bausteine für unsere zukünftige Welt der Produktion.

Der Blick in die Studie lohnt sich, wobei für Arbeitsforschung nicht nur das Kapitel „Organisation: Kulturwandel in Unternehmen und Arbeitswelt“ interessant ist. Dort geht es zweifellos um zentrale Handlungs- und Regelungsfelder wie Mitbestimmung und Mitbestimmungsrechte oder Standards für Crowdarbeit. Doch die Arbeitsforschung muss den Bauplan für Industrie 4.0 und „Smart Service Welt“ verstehen, um an den zentralen Punkten ihren Einfluss auf die Gestaltung zukünftiger Wertschöpfungsstrukturen geltend machen zu können. „Smart Service Welt“ ist keine „Schöne neue Welt“, sondern es geht (weiterhin) etwa um die Definition von Einflusszonen, um Interessenpolitik und –durchsetzung, kollektive Vertretungsrechte, soziale Integration, Verteilungsgerechtigkeit und nicht zuletzt um Beruflichkeit, Akademisierung der Arbeit oder den Grad der Kommodifizierung der Arbeitskraft. Um den Code der „Produkt-Service-Integration“ erfassen, bewerten und gestalten zu können, ist es erforderlich, Arbeitsforschung aus einem Guss über Fachdisziplingrenzen hinweg zu betreiben. Damit hat Arbeitsforschung ein anspruchsvolles Anwendungsfeld vor sich.

Link zu „Smart Service Welt“:

http://www.acatech.de/de/aktuelles-presse/presseinformationen-news/news-detail/artikel/aufholen-im-digitalen-wettlauf-arbeitskreis-smart-service-welt-uebergibt-bericht-an-sigmar-gabri.html

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