Schaffen Unternehmen die duale berufliche Ausbildung selbst ab? Anmerkungen zum BIBB-Report 4/2015

Verfasst von Klaus Zühlke-Robinet

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Obwohl zur Zeit landauf, landab das hohe Lied des Nutzens der dualen beruflichen Ausbildung und ihres Beitrags etwa zur niedrigen Jugendarbeitslosigkeit, zur Innovationsstärke der Unternehmen oder der hohen inner- und zwischenbetrieblichen Mobilität gesungen wird, erweckt der neue BIBB-Report „Rückzug von Betrieben aus der beruflichen Ausbildung: Gründe und Muster“ (Autoren: Sabine Mohr, Klaus Troltsch, Christian Gerhards) den Eindruck, als ob sich die duale berufliche Bildung langsam selbst abschafft, weil ihre Basis, die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen zerbröckelt.

Der Report analysiert, wie sich die nachlassende Ausbildungsbeteiligung in den Jahren 2011 bis 2014 – gemessen am Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge – aus Sicht der Betriebe erklärt. Neben vielen anderen Gründen, warum Betriebe nicht (mehr) ausbilden, zeigt der Report, dass sich eine bedeutende Gruppe von Betrieben aus der beruflichen Ausbildung zurückgezogen hat, die jetzt ihren Fachkräftebedarf vom externen Arbeitsmarkt deckt. Dieser Trend zeigt sich insbesondere in kleinen Betrieben des Dienstleistungssektors (S. 13).

Wie kann es sein, dass Unternehmen selbst ihre zentrale Grundlage ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit so eklatant zerstört? Der große Vorteil der dualen Berufsausbildung, nämlich die direkte Verzahnung mit dem Betrieb, wird für das System zum Fallstrick, wenn Betriebe nicht (mehr) bereit sind, in die duale Ausbildung zu investieren.

Eine immer kleiner werdende Zahl von Betrieben sorgt mit ihrer Ausbildungsleistung dafür, dass Unternehmen Fachkräfte zur Verfügung stehen. Die wenigen ausbildenden Betrieben erbringen also eine Leistung für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft. So betrachtet ist der Nutzen der dualen Ausbildung ein öffentliches Gut, von dem jeder profitiert und keiner vom Nutzen des öffentlichen Gutes ausgeschlossen werden kann. Das heißt aber auch, dass die Mehrheit der Betriebe, die keine (Ausbildungs-)Leistung für die Wirtschaft erbringt, von der (monetären) Vorleistung anderer profitiert. Sie kommt in den Genuss des öffentlichen Gutes „Fachkräfte“ ohne dafür selbst einen eigenen Beitrag geleistet zu haben – „Trittbrettfahrer“ verlassen sich also auf die Ausbildungsleistung anderer.

Wie kann dieses öffentliche Gut erhalten und weiter bereitgestellt werden? Zu Beginn der Kolumne wurde schon darauf verwiesen, dass derzeit viel zur Situation und zur Zukunft der dualen beruflichen Ausbildung diskutiert und geschrieben wird wie es auch sehr viele gesetzliche und tariflichen Initiativen gibt, die auf beiden Seiten des Ausbildungsmarktes ansetzen, um ihn zu stabilisieren und gar auszubauen. Ein rascher Blick zurück in die Geschichte der modernen dualen beruflichen Ausbildung zeigt, dass dieses System von Anbeginn mitunter heftige Krisen durchlebt und schon des Öfteren für Tod erklärt worden ist. Kaum war das Berufsbildungsgesetz 1969 in Kraft, kam die moderne duale Berufsausbildung schon in ihre erste Krise. Die damalige ökonomische Krise ab 1973 ließ die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen rapide zurückgehen. Um gewerkschaftspolitische Forderungen nach einer betrieblichen Ausbildungsabgabe abzuwehren, empfahl die BDA seinen Unternehmen in den „Ausbildungsstreik“ zu treten. In der Folge stieg die Jugendarbeitslosigkeit dramatisch an.

Zwei Beispiele zeigen, wie die „Krise der Selbstverpflichtung“ (Gerhard Bosch, ifo Schnelldienst 6/2004, S. 16) gemeistert werden konnte. Das erste Beispiel ist die Bauwirtschaft (Gerhard Bosch/Klaus Zühlke-Robinet: Der Bauarbeitsmarkt. Ökonomie und Soziologie einer Branche. 2000). Erst eine existenzielle „Lehrlingskrise“ veranlasste die Branche, sich am eigenen Schopfe selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Starke und Mitglieder verpflichtende Verbände haben das Gesamtinteresse für die Branche formuliert, aggregiert und in Verhandlungen eingebracht. Außerdem war eine ausgeprägte Sozialpartnerschaft zwischen den Verbänden ein gutes „Schmiermittel“ für die Suche nach pragmatischen und zugleich systemstabilisierenden Lösungen. Seit 1975 gilt der tarifvertragliche Grundsatz, alle Baubetriebe zahlen für das Gemeinschaftsgut „Qualifikation“ und die Unternehmen, die das Gut produzieren, werden dafür finanziell „belohnt“. Noch heute ist diese Umlagefinanzierung unumstritten. Ein jüngeres Beispiel ist die gesetzliche Einführung der Umlagefinanzierung der Altenpflegeausbildung in NRW. Seit 2012 zahlen alle in der Pflege tätigen Einrichtungen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit und Größe in einen Ausbildungsfonds ein, aus dem die ausbildenden Einrichtungen finanziell unterstützt werden.

Gesetzliche oder/und verbandliche Regelungen können durchaus einen Beitrag leisten, die monetäre Last für die duale betriebliche Ausbildung auf alle Betriebe zu verteilen und ausbildende Betriebe zu belohnen. Damit wird auch gezeigt, dass für die berufliche betriebliche Ausbildung alle Unternehmen verantwortlich sind, es also eine gemeinsame Aufgabe von allen ist, für den erforderlichen Nachwuchs von Fachkräften zu sorgen. Allerdings braucht es dazu interessenformierender Verbände auf Seiten der Beschäftigten wie der Arbeitgeber sowie einen aktiven Staat.

Wenn alle profitieren, sollen auch alle zahlen – dies spielt in der aktuell geführten Debatte zur dualen beruflichen Ausbildung keine Rolle. Sicherlich trägt der „Akademisierungswahn“ und die "Durchakademisierung der Gesellschaft" (so die Kernthesen von Julian Nida Rühmelin) auch dazu bei, dass sich Unternehmen lieber am Markt der Hochschulabgänger bedienen, als ihren Bedarf an Fachkräften durch eigene betriebliche Anstrengung zu decken.

Für Martin Baethge und Markus Wieck ist die Akademisierung unumkehrbar und wirkt auf das jetzige institutionelle Gefüge und System der dualen Berufsausbildung massiv zurück: „Der Wandel zu einem neuen, stark wissensbasierten Ausbildungssystem erscheint unumkehrbar. In ihm werden die Institutionen und Governance-Formen der dualen Ausbildung allenfalls eine nachgeordnete Bedeutung haben. Was an ihre Stelle treten könnte, bleibt im Moment völlig offen.“ (Martin Baethge; Markus Wieck: Wendepunkt in der deutschen Bildungsgeschichte. Mitteilungen aus dem SOFI, Januar 2015)

Die weitere Diskussion zur dualen beruflichen Ausbildung hat sich dringend den sie tragenden Akteuren und Institutionen zu widmen. Das von ihnen getragene Sozialmodell der dualen beruflichen Ausbildung bringt hohe Wohlfahrtseffekte (Gerhard Bosch: Facharbeit, Berufe und berufliche Arbeitsmärkte. WSI-Mitteilungen 01/2014), die dann gefährdet sind, wenn dessen institutionelle Basis verloren geht. Leider gibt es gerade dazu von den großen DGB-Gewerkschaften kaum/keine einschlägigen Diskussionsbeiträge. Das von Hans-Jürgen Urban propagierte „Leitbild ‘erweiterte moderne Beruflichkeit‘„ (Perspektiven der Berufsbildung. Für eine gemeinsame Orientierung von beruflicher und hochschulischer Bildung. Gegenblende 33, 2015) hat wenig Zukunft, wenn es (bald) keine ausbildenden Betriebe mehr gibt.

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