Der Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik 2019 und seine Vorgänger

Der Name Hans Matthöfer lässt alle diejenigen aufhorchen, die sich der Humanisierung der Arbeitswelt in praktischer oder wissenschaftlicher Hinsicht verbunden fühlen. Seit 2015 wird von der Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung nun ein spezieller Preis für Wirtschaftspublizistik unter dem Motto "Wirtschaft.Weiter.Denken" vergeben. In diesem Jahr wurden der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze und die Berliner Tagesspiegel-Journalisten Elisa Simantke und Harald Schumann mit dem Preis ausgezeichnet. Von Tooze war 2018 die umfangreiche Studie "Crashed - Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben" in deutscher Übersetzung als Buch erschienen. Das Autorenduo Simantke und Schumann hatte am 8. Mai 2018 im Berliner "Tagesspiegel" eine Recherche zum US-amerikanischen Finanzkonzern Blackrock veröffentlicht ("Blackrock - Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft"), die dann mit unterschiedlichen nationalen Gewichtungen in führenden europäischen Tageszeitungen vertieft worden war, nachdem 10 JournalistenkollegInnen in 9 Ländern die Aktivitäten des Unternehmens unter die Lupe genommen hatten.

 

Bei der Preisverleihung am 5. April 2019 würdigte der Berliner Senator für Finanzen, Matthias Kollatz, die prämierten Veröffentlichungen zur globalen Finanzkrise und deren Akteuren. Sein Plädoyer für eine verstärkte Regulierung der Finanzwirtschaft im europäischen Maßstab wurde entschieden vorgetragen, hatte aber eher resignative Züge. Der Würzburger Nationalökonom Peter Bofinger - bis 2019 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und aktuell Mitglied der dreiköpfigen Jury des Matthöfer-Preises - ging in seiner Laudatio auf die Begrenzungen der Analyse der weltweiten Finanzkrise 2008 durch Mainstream-Wirtschaftwissenschaftler ein und übte vehemente Selbstkritik an der Kompetenz des Sachverständigenrates und dessen Beeinflussungsmöglichkeiten gegenüber der Politik. In ihren Darstellungen zeichneten die PreisträgerInnen ein düsteres Bild der Nachkrisenepoche, in der wir uns befinden. Simantke/Schumann stellten fest, dass wir in einer Zeit der "institutionalisierten Korruption" leben, für die sich aber auch vor der aktuellen Europawahl kaum jemand interessiere. Die Preisträger dieser aufschlussreichen Veranstaltung waren sich einig, dass bei allen finanzpolitischen Regulierungsversuchen vonseiten der Nationalstaaten oder der EU allenfalls von einer Einhegung, keinesfalls aber von einer Zähmung des Finanzkapitalismus gesprochen werden könne.

 

Betrachtet man den Kontext der jährlichen Preiseverleihungen (und das Wirkungsspektrum dieser wissenschafts- und wirtschaftspublizistischen Unternehmung im Geiste des HdA-Initiators Matthöfer), dann fallen wichtige Aspekte auf, die flankierende Bedeutung für den Wissensgewinn des HdA-Netzwerks haben können. 2016 hatte Mariana Mazzucato den Preis für ihr ins Deutsche übersetztes Buch "Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum" erhalten. In ihrem Vortrag vom Februar 2016 in der FES wies sie u.a. darauf hin, dass emanzipierte Innovationspolitik dezentralisierte Netzwerke staatlicher Akteure voraussetzt, die sich über die gesamte Innovationskette hinweg engagieren und aktiv sind, nicht nur in der Grundlagenwissenschaft und -forschung. Das ist aus meiner Sicht eine starke implizite Kritik an maßgeblichen Konzepten der gegenwärtigen Forschungsförderung auf diesem Gebiet in Deutschland, wie sie etwa durch das BMBF praktiziert wird. 2018 hatte der US-amerikanische Ökonom Branko Milanović den Preis für sein ins Deutsche übersetztes Buch "Die ungleiche Welt - Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht" erhalten. In Milanovićs Konzept des "Staatsbürgerschaftsbonus", d.h. dem relativen mannigfaltigen Vorteil der Lohnabhängigen auf dem Arbeitsmarkt in entwickelten Ländern verglichen mit den Nachteilen von Migrationsbeschlossenen aus unterprivilegierten Ländern, sind wichtige Elemente einer korrekten Entwicklungsstrategie für globale humane Arbeits- und Lebensbedingungen enthalten.

 

Hans Matthöfer, der Initiator einer umfassenden deutschen Strategie der Humanisierung des Arbeitslebens in den 1970er Jahren, und seine Frau Traute haben durch die Gründung einer Stiftung, die jährlich Preise für kritische Studien zur Wirtschaftspolitik auslobt, einen wertvollen Beitrag geleistet, damit Humanisierungsbestrebungen in Bezug auf das menschliche Arbeitsvermögen auch im Zeitalter euphorischer Überbewertung von künstlicher Intelligenz wahrgenommen und in die betriebliche und forschungsstrategische Praxis umgesetzt werden.