Humanisierung der Arbeit als historischer Prozess

 

Anmerkungen zu einer Tagung an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Unter dem Titel „Humanisierung der Arbeit“- Aufbrüche und Konflikte in der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts fand am 16. und 17. Oktober 2017 eine von einer Gruppe von Wissenschaftlern verschiedener Universitäten initiierte Tagung zur Entwicklung und   Geschichte der Humanisierung der Arbeit statt.

Das Programm der Tagung befindet sich am Ende des Artikels.

Ziel der Tagung war es, Forschungsprojekte verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zusammenzutragen, um die Entwicklung menschengerechter Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik im Verlauf des 20. Jahrhunderts aus unterschiedlichen Blickwinkeln möglichst umfassend darzustellen. Die einzelnen Beiträge beleuchteten schwerpunktartig einige markante Stationen, Ansätze und Auslöser der Entwicklung zu einer menschengerechteren Arbeitsgestaltung.

  • Kriegsproduktion und Frauenarbeit im Ersten Weltkrieg;
  • verschiedene Ansätze zur Verwissenschaftlichung des Arbeitsprozesses, der Betriebsführung und der Qualifizierung (u. a. Ford, Taylor, Arbeiten des Tavistok Instituts);
  • die Rolle des Arbeitsschutzes bei der Entwicklung menschengerechter Arbeitsverhältnisse;
  • Entstehung und Auswirkungen des Bundesprogramms „Humanisierung des Arbeitslebens“;
  • Erfahrungen in einzelnen Betrieben und Branchen;
  • internationale Perspektiven, v.a. Arbeiten der International Labour Organisation.

 

Diese Tagung verdient unbedingt eine Weiterführung und Ergänzung. Der nachfolgende Kommentar soll dies begründen und unterstützen.

Humanisierung der Arbeit muss als historischer Prozess verstanden werden. Diesem Prozess lag allerdings kein Leitbild oder gar eine Vision dessen zu Grunde, was Humanisierung bedeuten sollte, sondern im Sinne des piecemeal social engeneering wurden immer Teilkonzepte als Lösungen aktueller Probleme entwickelt und umgesetzt. Als wesentliches Ergebnis der Tagung ist festzuhalten, daß dieser Prozess, ausgelöst durch Veränderungen der Wertschöpfungssysteme, sich immer im Spannungsverhältnis zwischen Humanisierung und Rationalisierung vollzog und zwar unter der Rahmenbedingung des Erhalts der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Erhaltung und Steigerung der Arbeitsleistung, Entwicklung des Arbeitsvermögens angesichts neuer Anforderungen, Arbeitszufriedenheit und Motivation sind dabei die bestimmenden Faktoren, die unter jeweils sich verändernden historischen Bedingungen (wieder) hergestellt werden müssen. „Humanisierung“ folgt den Veränderungen des Wertschöpfungsprozesses im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung.

Deshalb gingen viele Initiativen von Unternehmen aus, insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Arbeitsschutz, Arbeitsorganisation und Gestaltung des Arbeitsumfeldes. Arbeitnehmer und auch Gewerkschaften haben oft ein gespaltenes Verhältnis zur Humanisierung des Arbeitslebens gezeigt, weil entsprechende Maßnahmen i.d.R. mit Rationalisierung und Veränderung der Arbeitsverhältnisse verknüpft sind. Meilensteine der Entwicklung und lange Zeit dominierende Konzepte sind hier die Einführung der Massenfertigung und des Fließbandes sowie die „wissenschaftliche Betriebsführung“ schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Alle Ansätze zur stärkeren Einbeziehung der Arbeitnehmer in die Gestaltung betrieblicher Prozesse und der Humanisierung der Arbeit standen allerdings stets unter dem Vorbehalt, dass die Kapitaleigner „Herr im Hause“ blieben.

Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts setzt die Gegenbewegung gegen den „Fordismus“ und „Tailorismus“ ein, in Deutschland mit Gesetzen zur Gestaltung der Arbeitsbeziehungen und der Mitbestimmung sowie mit dem Bundes-Programm „Humanisierung des Arbeitslebens“, in Japan mit Konzepten der just in japanischen time Produktion, der Gruppenarbeit und der kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Die japanischen Konzepte wurden nach und nach auch von den anderen Industrieländern übernommen in Deutschland ging damit der Ansatz des HdA - Programmes einer partizipativen Gestaltung von Wertschöpfungssystemen und Arbeitsleben zu Ende.

Bemerkenswert sind die Veränderungen in den strategischen Zielsetzungen von „Humanisierungsmaßnahmen“. Zu Anfang, zum Beispiel im Ersten Weltkrieg stand die Steigerung der Arbeitsleistung und die Eingliederung ungelernter Arbeitskräfte im Vordergrund. Mit fortschreitendem Einsatz von Maschinen und Anlagen werden Leistungsbereitschaft, Selbstständigkeit und sozialer Zusammenhalt der Belegschaften bestimmende Zielgrößen. Auch die Veränderung der Betriebsführung und mehr partizipative Führungsstrukturen werden im Laufe der kapitalistischen Entwicklung immer wichtiger. Mit der heute zunehmenden Tertiarisierung der Wirtschaft werden Innovationsfähigkeit und Selbstorganisation (bzw. Selbstorganisationskompetenz) und der Umgang mit psychischen Belastungen mehr und mehr zur zentralen Aufgaben der Unternehmen und auch zu Gegenständen neuer Programme und Forschungen zur Humanisierung der Arbeit. Inwieweit in der tertiarisierten und digitalisierten „Wirtschaft 4.0“ diese neuen Aufgaben ohne eine zumindest partizipative Organisation von Wertschöpfungsprozessen Arbeitsverhältnissen erreicht werden kann, ist eine offene Frage. In diesem Zusammenhang wird sich auch die Frage stellen, wie und durch wen Entscheidungen in den Unternehmen getroffen werden. Die Betrachtung der historischen Entwicklungsschritte der Humanisierung der Arbeit läßt erkennen, unter welchen Rahmenbedingungen sich diese Entwicklung bisher vollzogen hat und welche Schranken für die Humanisierung des Arbeitslebens bestehen.Ob unter diesen Bedingungen die absehbaren fundamentalen Veränderunen durch Globalisierung, disruptive Technologien, Nachhaltigkeitszwänge und demografischen Wandel bewältigt werden können,bleibt fraglich.

 

Programm der Tagung

 

„Humanisierung der Arbeit" - Aufbrüche und Konflikte in der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Haus der Universität. 16717. Oktober 2017

Stefan Müller (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung), Nina Kleinöder (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Karsten Uhl (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg/TU Darmstadt), Gina Fuhrich (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg), Martha Poplawski (Deutsches Bergbau-Museum Bochum). Daniel Monninger (Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln)

Der Geschichte der Arbeitswelt wird im Rahmen der Wertewandel- und Strukturbruchdebatten über die 1970er-Jahre seit geraumer Zeit große Aufmerksamkeit zuteil. Daran anschließend rückt die Tagung erstmals entlang des Bundesprogramms „Humanisierung des Arbeitslebens" (1974-1989) Fragen einer Geschichte der „Humanisierung" in den Fokus: Unter welchen wissenschaftlichen und sozioökonomischen Prämissen dachten Akteure und Akteurinnen der Arbeitswelt über eine „menschlichere" und „gerechtere" Gestaltung von Arbeit nach, welche Initiativen unternahmen sie, mit welchen Interessen war dies jeweils verbunden und - nicht zuletzt-wie ordneten sich diese jeweiligen Arbeitspolitiken in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein?

Ziel der Tagung ist es, ausgehend von der Entwicklung, Durchführung und Wirkung sowohl des konkreten Humanisierungsprogramms als auch der allgemeinen Debatte um „Humanisierung" Forschungsprojekte interdisziplinär zusammenzutragen. Die Humanisierungsinitiativen der 1970er- und 1980er-Jahre dienen uns als Ausgangspunkt für eine umfassendere Vermessung des 20. Jahrhunderts in Bezug auf Fragen von „humaner" Arbeit, „menschlicherer" Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik. Der Begriff der „Humanisierung" dient dabei als inhaltliche Klammer der einzelnen Beiträge, bedarf aber noch einer klaren Definition und Eingrenzung. Es handelt sich zunächst um einen Quellenbegriff, dessen semantische Grenzen ebenso ausgelotet werden müssen, wie seine Tauglichkeit als analytische Kategorie noch einer Prüfung harrt.

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Um eine Anmeldung wird gebeten bis zum 6. Oktober 2017 bei PD Dr. Stefan Müller (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Godesberger Allee 149, 53175 Bonn.

 

Montag, 16. Oktober 2017

12.00 Ankunft

13.00               Begrüßung und Einführung

13.30 Rahmenvortrag

Karsten Uhl (Hamburg/Darmstadt), Der Erste Weltkrieg als Ausgangspunkt der Humanisierung des Arbeitslebens im 20. Jahrhundert

14.30               Panel 1: Diskurse über Humanisierung zwischen Wissenschaft und

Arbeitsmarkt

Martha Poplawski (Bochum), Humanisierung unter Tage? Zum Wandel der Betriebsfuhrung im westdeutschen Steinkohlenbergbau

StinaBarrenscheen (Marburg), Die Humanisierung der Führungskraft? Externe Akteure und ihr Einfluss auf die Erwartungen an Führungskräfte in deutschen Unternehmen 1949-1989

Daniel Monninger (Köln), „SocialTherapy" in der Fabrik. Eine Mikrogeschichte psychoanalytischer Expertise in der Arbeitswelt um 1950

Jan Kellershohn (Bochum), Humanisierung durch Bildung und die „Pathologie" der Arbeit im „Strukturwandel" des Ruhrgebiets

17.00 Pause

17.30               Panel 2 - Arbeitsschutz und Humanisierung

Bernd Holtwick (Dortmund), Die Möglichkeiten des Mediums Ausstellung vollausschöpfen. Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung als Akteur der ..Humanisierung der Arbeit"

Marc von Miquel (Bochum), Erziehung zum Arbeitsschutz. DieUnfallverhütungsfilme der Berufsgenossenschaften, 1960er-bis 1980er-Jahre

19.00               Ende und gemeinsames Abendessen

 

Dienstag, 17. Oktober 2017

9.00 Rahmenvortrag

Nina Kleinöder (Düsseldorf)/Stefan Müller (Bonn), Das Forschungs- und Aktionsprogramm „Humanisierung des Arbeitslebens" (1974-1989). Eine geschichtswissenschaftliche Tiefenbohrung

10.00               Panel 3 - Humanisierung der Arbeit in einzelnen Betrieben und Branchen

Bernhard Dietz (Mainz), Von der „Humanisierung der Arbeit" zur „werteorientierten Personalpolitik". Der „Wertewandel" in der Wirtschaft der Bundesrepublik der 1980er Jahre am Beispiel von BMW

Gina Fuhrich (Heidelberg), Lernen als Hürde und Überforderung - Qualifikation und Qualifizierung in den HdA-Projekten bei VW

Moritz Müller (Bochum), Die IG Metall im Diskurs um die Humanisierung des Arbeitslebens 12.00 Pause

13.00               Panel 4 - Internationale Perspektiven auf die Humanisierung der Arbeit

Dietmar Lange (Berlin), Eine neue Art Autos zu produzieren?

Dorothea Hoehtker (Genf), Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Versuch einer ..systemimmanenten" Humanisierung der Arbeit

14.30 Abschlussdiskussion

Id.00 Tagungsende

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